Das letzte Stück Leben

In Würde leben bis zuletzt: Nicht immer haben Angehörige Kraft, einen Sterbenden zu begleiten. Heute ist Welthospiz-Tag. Eine Frau aus Halsbrücke erzählt, wie sie hilft.

Freiberg.

Katrin Denzau (48) spricht mit ruhiger, weicher Stimme. Im täglichen Stimmengeplapper fällt das angenehm auf. Sie arbeitet ehrenamtlich als Hospizhelferin, begleitet sterbenskranke Menschen, bis sie die Augen für immer schließen. Bei manchen sitzt sie am Bett, hält die Hand, ist einfach da. Mit anderen, die noch etwas mobiler sind, geht sie ein paar Schritte, unterhält sich, macht kleine Besorgungen oder erfüllt auch mal einen letzten Wunsch.

"Es gibt Sterbende, die warten, bis sie allein sind. Andere warten, bis jemand da ist. Das ist einfach so", erzählt Katrin Denzau. Seit acht Jahren begleitet die gelernte Krankenschwester aus Halsbrücke fremde Menschen beim Sterben. Sie ist eine von 29 ehrenamtlichen Helfern bei der Freiberger Hospizgruppe der Diakonie. Insgesamt hat sie bislang etwa 50 Männer und Frauen unterschiedlichen Alters betreut. So erzählt die Hospizhelfern von einer älteren Frau, "ganz lieb und ganz dement", die sich ihr Leben lang fürsorglich um die Familie gekümmert, ihre eigenen Probleme aber immer mit sich geklärt habe. Sie habe die Gesellschaft von Katrin Denzau sehr genossen. Gestorben sei sie aber allein, kurz nachdem die Helferin gegangen ist. "Das passiert zu oft, als dass das Zufall ist", meint die 48-Jährige. Beeinflussen könne man das nicht, "wann ein Mensch in die andere Welt geht", meint Hospiz-Koordinatorin Barbara Beger von der Diakonie Freiberg. Aber auf ein ganzes Jahr betrachtet, könne man Muster erkennen. Den Angehörigen das zu erklären und dass sie sich keine Vorwürfe zu machen brauchten, gehört zur Arbeit der Hospizhelfer. Barbara Beger koordiniert mit Sandy Preuß die ambulante Hospizhilfe. Im vergangenen Jahr wurden in Freiberg und Umgebung 137 schwerst kranke Menschen in insgesamt 1100Stunden begleitet. Und die Zahlen steigen: "Wir haben einen beständigen Anstieg von etwa fünf Begleitungen pro Jahr", sagt Beger. Besonders die kurzen Begleitungen nehmen zu. Nicht nur Angehörige melden sich, die Hospizgruppe arbeitet eng mit dem Freiberger Krankenhaus zusammen. Zum Beispiel, wenn ein sterbenskranker Mensch nach Hause entlassen wird. Auch Wohnbereichsleiter aus den Pflegeheimen melden sich, wenn ein Mensch im Sterben liegt.

"Es hat sich in den vergangenen 20 Jahren sehr viel getan", meint Denzau. "Sterbebegleitung ist nicht mehr so ein extremes Tabuthema in der öffentlichen Debatte. Nicht wie früher zu DDR-Zeiten, als alles weggeschoben wurde", sagt sie, die Anfang der Neunziger als Krankenschwester schon mit sterbenden Patienten zu tun hatte.

Beger stimmt zu. Sie arbeitet täglich daran, Hospiz zu enttabuisieren - bei Info-Abenden, bei Erstgesprächen mit Angehörigen, bei der Ausbildung neuer Hospizhelfer, in der Öffentlichkeit. Doch sie weiß auch: Nicht jeder will oder kann einen Hospizhelfer an sich heranlassen. "Sterben ist das letzte Stück Leben, was wir haben. Menschen, die die Begleitung zulassen, sind oft im Sterbeprozess weit fortgeschritten und haben das als letztes Stück Weg verstanden", beschreibt sie.

Katrin Denzau hat mit Anfang 20 erfahren, dass sie krank ist und nicht so alt werden wird wie andere Menschen. Nachdem sie das für sich verarbeitet und später von der Hospizhilfe erfahren hat, war das für sie ein Anstoß, sich selbst zu engagieren.


11.500 qualifizierte Ärzte

Seit 2014 müssen Medizinstudenten, die ihr Zweites Staatsexamen ablegen, verbindliche Leistungsnachweise im Fach Schmerz- und Palliativmedizin erbringen. Darüber informiert der Deutsche Hospiz- und Palliativverband auf seiner Webseite. Zudem haben alle Ärztinnen und Ärzte die Möglichkeit, eine Zusatz-Weiterbildung im Fach Palliativmedizin zu machen.

Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte mit Zusatzausbildung Palliativmedizin ist laut Bundesärztekammer von 100 im Jahr 2005 auf 11.440 Ende 2017 gestiegen (Stand 31.07.2017). (cor)


Zwei stationäre Hospize in Mittelsachsen

In Freiberg und Umgebung arbeiten 29 ehrenamtliche Helfer beim Ambulanten Hospizdienst der Diakonie. Kontakt: 03731 48 22 90

In Flöha hat die Diakonie einen ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienst. Kontakt: 03726 71 85 51

In Mittweida und Umgebung ist der Verein Domus Palliativmedizin und Hospiz für Chemnitz und Umgebung präsent. Kontakt: 0171 56 35 926

In Geringswalde hat der Sozialdienst der Diakonie ein Hospizbüro. Kontakt: 037382 859 66

In Oederan arbeitet der Hospiz- und Palliativdienst "Begleitende Hände" seit 2009 ambulant und führt dazu das stationäre Hospiz "Ellen Gorlow" mit zehn Zimmern. Kontakt: 037292 65 84 14

In Leisnig hat im Frühjahr diesen Jahres der Verein Lebenszeit das zweite stationäre Hospiz in Mittelsachsen mit zwölf Zimmern eröffnet. Kontakt: 03 43 21 68 77 00. (cor)

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