Das Potenzial des Erzgebirges

Rückkehrer sind das Thema der Reihe "Kamingespräche". Unternehmer diskutieren über den Fachkräfte- mangel und stellen die Frage: Was macht Sachsen attraktiv?

Neuhausen.

Vermisst hatte sie nichts, als sie weit weg von zuhause lebte und arbeitete. Andrea Steinert war 20 Jahre alt, als sich die Grenzen der ehemaligen DDR öffneten. "Ich hatte damals einen unbändigen Drang, die Welt zu sehen", erinnert sich die Marienbergerin. Sie studierte in Wien und arbeitete in Frankfurt und Kairo als Kampagnenmanagerin im Marketing. Erst mit 30Jahren, als sie selbst eine Familie gegründet hatte, zog es sie zurück in ihre Heimat Marienberg.

Geschichten, wie die von Andrea Steinert, wünscht sich das Rückkehrernetzwerk. Die Initiative privatwirtschaftlicher Unternehmer aus der Region möchte qualifizierte Fachkräfte, die Sachsen verlassen haben, zurückholen. Dazu soll die Reihe "Kamingespräche" dienen, die am Montag auf Schloss Purschen-stein ihren Auftakt hatte. Der Bundesverband mittelständischer Wirtschaft organisiert die Gespräche: "Wir wollen mit mittelständischen Unternehmern in der Region diskutieren", sagt Uta Georgi, Pressesprecherin des Verbandes.

"Viele Unternehmen im Erzgebirgsraum haben keinen persönlichen Nachfolger", erklärt Ludwig Güttler, Schirmherr des Rückkehrernetzwerks: "Diese Unternehmen zu verlieren, wäre ein herber Verlust für die Region." Sachsen habe in der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands eine enorme Bedeutung. "Dieses Potenzial gibt es auch heute noch."

Davon will das Rückkehrernetzwerk überzeugen. Doch das gestaltet sich oftmals schwierig. "Das Erzgebirge ist der Wirtschaftsraum mit den niedrigsten Löhnen in Sachsen, das lässt sich nicht wegdiskutieren", sagt Gast Sigfried Bülow, ehemaliger Leiter des Porschewerks in Leipzig. Dafür seien Mieten und Lebenshaltungskosten hier um einiges günstiger als in Westdeutschland. "Das kann ein Ansatzpunkt für uns sein."

Andrea Steinert hat das starke Lohngefälle zwischen Ost und West erfahren: "Als ich dann wieder nach Sachsen zog, musste ich plötzlich mit einem Zehntel meines Gehaltes klarkommen." Doch sie habe sich schnell damit abgefunden. "Ab einem gewissen Punkt waren mir meine Familie und meine Heimat wichtiger als das Einkommen."

Ein lang gehegter Traum wurde in Sachsen für Andrea Steinert zusätzlich Wirklichkeit. "Wir haben uns lange gewünscht, Wohneigentum zu besitzen. Hier in Sachsen konnten wir ein Haus sanieren, auf das wir sehr stolz sind. In Westdeutschland wäre das bei den hohen Grundstückspreisen undenkbar gewesen." Sie ist sich sicher: "In unserem neuen Heim konnte mein neues Leben in der Heimat erst richtig beginnen."

Work-Life-Balance sei wichtiger als hohe Gehälter: Das deckt sich mit den Erfahrungen von Siegfried Bülow. Während seiner Zeit bei Porsche habe er viele Bewerbungsgespräche geführt und in den letzten Jahren diese Tendenz beobachtet. "Junge Leute wollen nicht mehr morgens um sechs am Werktor stehen, sondern lieber später anfangen und später gehen. Dafür verzichten sie auch auf hohe Gehälter." Wenn man als Unternehmen diese Bedingungen schaffe, könnte man Sachsen für Arbeitnehmer attraktiver machen. "Wir Alten haben das früher anders gelernt, aber wir sollten diese Entwicklungen akzeptieren."

Das Publikum des Kamingesprächs beteiligte sich ebenfalls an der Diskussion, um den Fachkräftemangel und brachte neue Ansätze, zum Beispiel die Beschäftigung von osteuropäischen Mitarbeitern, zur Sprache. "Wir freuen uns sehr über das Interesse des Publikums", sagt Uta Georgi, "das zeigt uns, dass wir einen Nerv bei unserem Mittelstand getroffen haben." Das nächste Kamingespräch soll im November in Marienberg stattfinden.

Andrea Steinert hat der Abend auch gezeigt: Sie fühlt sich wohl in Sachsen. Ihr altes Leben, weg von zuhause, lässt sie dennoch nicht ganz los. "Ich bekomme viel Besuch von alten Bekannten und besuche Frankfurt und Wien sehr gerne." Eines ist auf jeden Fall gleich geblieben: Sie vermisst nichts.

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