"Den Bühnenstoff finde ich in der Stadt"

Tobias Rausch übernimmt ab kommender Spielzeit die Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden - Dafür sucht er Laiendarsteller

Dresden.

Schon seit den 1990er- Jahren sind nichtprofessionelle Darsteller auf der Bühne des Staatsschauspiels Dresden in Inszenierungen zu erleben. 2009 wurde die Bürgerbühne dann als eigene Sparte eingerichtet. Zehn Jahre lang leitete Miriam Tscholl diese Bühne, mit der die Dresdner deutschlandweit Vorreiter waren. Zur kommenden Spielzeit übernimmt Tobias Rausch das Zepter. Er hat zunächst einen Drei-Jahres-Vertrag unterschrieben. Über sein Ankommen in Dresden und seine Pläne hat sich Gabriele Fleischer mit dem 46-Jährigen unterhalten.

Freie Presse: Ist das Erbe, das Sie von Miriam Tscholl antreten, für Sie mehr Last oder Lust?


Tobias Rausch: Erbe ist das richtige Wort. Denn ich erbe viel - ein treues Publikum mit großer Begeisterung und ein bestens aufgestelltes Team. Noch bin ich dabei, auch das Haus zu erkunden, mir von allem ein Bild zu machen und die Mitarbeiter kennenzulernen.

Ganz unbekannt ist Ihnen das Haus in Dresden aber nicht.

Nein, ich habe hier im Jahr 2016 zu Miguel de Cervantes' "Don Quijote" eine Inszenierung vorgestellt. Und ein paar Jahre früher, nämlich 2013, habe ich zusammen mit Matthias Reichwald vom Ensemble des Staatsschauspiels "Weiße Flecken", ein Theaterstück über Demenz, geschrieben und inszeniert. Beides waren für mich ungeheuer intensive Erlebnisse.

Warum?

Beim Demenz-Stück hatten wir Mitspieler, die selbst erlebt haben, wie Angehörige immer mehr in ihrer eigenen Welt verloren gegangen sind. Das sind für jeden einschneidende Erfahrungen. Und dann durfte ich erleben, wie Theaterarbeit die Menschen verändert, wie sie dadurch wieder aufgeblüht sind, indem sie ihre eigene Geschichte auf der Bühne spielen. Es ist etwas ganz anderes als mit Profi-Schauspielern zu arbeiten, was ich natürlich auch gern mache. Einen der Mitspieler aus dem Demenz-Stück habe ich zwei Jahre später wieder getroffen. Als er mir sagte: "Die Erfahrung auf der Bühne war für mich das wichtigste Erlebnis in meinem Leben", da hat mich das bewegt und glücklich gemacht. Auch mein Verhältnis zu den Menschen ändert sich durch die Arbeit mit den Bürgern. Mein Erfahrungsschatz wird größer.

Sie gelten als Grenzgänger unter den Theatermachern. Mit Ihrem Berliner Theater- und Performancekollektiv lunatiks produktion haben Sie schon eine Inszenierung bei eBay versteigert. Sie haben Recherchetheater entwickelt, bei dem aktuelle Themen mit historischen Ereignissen erforscht werden. Wie verträgt sich das mit der Bürgerbühne?

Sehr gut. Denn auch hier fließen Erfahrungen ein, geht es um wahre Geschichten. So wie Miriam Tscholl werde auch ich mir die Stadt erschließen. Mit meiner Familie bin ich im April nach Dresden gezogen, direkt in die Neustadt, also nicht weit entfernt von meiner Wirkungsstätte im Kleinen Haus des Staatsschauspiels. Ich versuche, sensibel auf die Menschen zuzugehen und mir anzuhören, was sie bewegt. Welche Stoffe davon auf die Bühne gehören, das finde ich in der Stadt bei Gesprächen mit den Bürgern heraus. Denn das ist in jeder Region, in jeder Stadt anders. So wie die vergangenen zehn Jahre wollen wir mit der Bürgerbühne im Gespräch bleiben, Menschen treffen, uns miteinander unterhalten und diskutieren. Dazu gehören die Treffs im Montagscafé im Kleinen Haus. Und ja, auch Grenzgänge werden wir versuchen. Vielleicht wird die Late-Night-Serie Aliens Nights dafür ein gutes Format. Mit Aliens reist die Bürgerbühne durch Dresden, spielt in Bars, Waschsalons oder in Hinterhöfen. Die Serie taucht überall dort auf, wo sie die wenigsten vermuten.

Was ist noch geplant?

Es wird zehn Bürgerclubs zu verschiedenen Themen wie Bühne digital oder Familienbande geben. Dort wird einmal pro Woche geprobt. Willkommen ist dort jeder, der Lust auf das jeweilige Thema hat. Ergebnisse sind in der zweiten Spielzeithälfte bei Werkstattaufführungen zu erleben. Neu sind die Clubs plus. Dort setzen sich die Teilnehmer noch intensiver mit Theater auseinander. Los geht es mit einem Auswahlworkshop, zu dem auch Wiederholungstäter, die schon länger in den Clubs gespielt haben, willkommen sind. Ansonsten achten wir darauf, dass nicht immer die Gleichen auf der Bühne stehen, sondern viele eine Chance bekommen. Es wird einen Jugendwettbewerb Unart geben, für den sich Gruppen von drei bis zwölf Jugendlichen für eine 15-minütige Performance bewerben können. Für die Bürgerbühne selbst stehen fünf Inszenierungen im Spielplan des Staatsschauspiels. Los geht es am 15. September mit der Uraufführung von "Schuldenmädchen-Report". Im Mittelpunkt stehen dabei finanzielle Schulden, aber auch soziale, emotionale und moralische Schulden.

Sie inszenieren auch selbst?

Ja, ich werde mit Lehrern aller Schulformen das Stück "Lehr- Kraft-Probe entwickeln. Gemeinsam wollen wir auf die Probe stellen, welchen Kräften Lehrer jeden Tag ausgesetzt sind.

Und wie finden Sie die Mitspieler für die Bühne?

Das kommt auf das Projekt an. Aber es gibt vor jeder Inszenierung Infotreffen und Auswahlworkshop. Wir erklären den angehenden Darstellern, was sie erwartet, was wir von ihnen erwarten, schauen, wer mit wem zusammenpasst. Wer Lust hat, kann sich dafür schon in den Clubs austesten. Jedem muss aber klar sein, dass mehrmals in der Woche und am Wochenende geprobt wird. Bei 15 bis 20 Aufführungen stehen sie dann auf der Bühne.

Wo kann man sich melden, wenn man Lust hat, bei Ihnen mit Theater zu spielen?

Direkt bei der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden über die Telefonnummer 0351 4913664 oder per Mail buergerbuehne@staatsschauspiel-dresden.de. Dabei müssen die Interessenten nicht unbedingt nur aus Dresden sein.


Tobias Rausch

Der Regisseur und Autor stammt aus Frankfurt/Main, studierte Philosophie, Biologie und Literaturwissenschaften.

Der 46-Jährige arbeitete ab 2001 als freier Regisseur und Autor. Schwerpunkt seiner Arbeit sind Projekte, bei denen der Text nach Recherchen entsteht.

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