Der Besuch der Grünen Dame

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Im Krankenhaus Mittweida sind seit einigen Wochen sechs Frauen im Einsatz, die sich viel Zeit für einsame Patienten nehmen. Stefanie Jahr ist eine von ihnen.

Mittweida.

Renate Baum* muss die Nacht im Krankenhaus verbringen, allein in einem Doppelzimmer. Warum, das weiß die 77-Jährige nicht, und auch nicht, wie sie aus der kleinen Stadt, in der sie eigentlich lebt, hierher nach Mittweida gekommen ist. "Mein Kopf ist total hohl", sagt Frau Baum. Auch Stefanie Jahr weiß all das nicht, als sie an diesem Freitag kurz nach 15.30 Uhr das Krankenzimmer auf Station 1 betritt. Auf die Holztür haben die Pflegerinnen mit Tesafilm einen lachenden gelben Smiley geklebt. So soll Renate Baum, die in den Stunden zuvor häufiger auf den Gängen herumgeirrt ist, den Raum besser wiederfinden.

Im Krankenzimmer setzt sich Stefanie Jahr an den kleinen Holztisch neben dem Fenster, schräg gegenüber von Renate Baum. "Seit wann sind Sie denn hier? Seit heute?", fragt sie. "Nee", sagt Frau Baum. Aber wann sie in das Krankenhaus gekommen ist, das will ihr partout nicht einfallen. Tatsächlich ist Renate Baum erst seit ein paar Stunden dort. Das hat Stefanie Jahr vorhin im Schwesternzimmer erfahren. Und auch, dass die demente Dame mit dem lachenden Gesicht an der Tür ein bisschen Gesellschaft gebrauchen könnte. Dafür ist Stefanie Jahr heute hergekommen.

Die 35-Jährige ist eine von sechs Grünen Damen, die seit Anfang Juni ehrenamtlich am Krankenhaus Mittweida tätig sind. "Am Krankenbett die Hand halten, ein paar nette, aufmunternde Worte, die aktuelle Zeitung oder ein Buch vorlesen - sich Zeit nehmen für die Patienten - das ist das Anliegen und Konzept der Grünen Damen", erklärt Kliniksprecherin Ines Schreiber.

Schon vor über einem Jahr wurde das Projekt von Pflegedienstleiterin Britta Schwarz auf den Weg gebracht. Es konnte wegen der Coronapandemie jedoch lange Zeit nicht starten. Für die Umsetzung holte das Klinikum den ambulanten Hospizdienst Domus mit ins Boot, der seinen Sitz ebenfalls in Mittweida hat. Die sechs Grünen Damen sind auch dort engagiert. "Die Grünen Damen nehmen sich Zeit, reden mit den Patienten, das ist wirklich eine tolle Sache - vor allem für die Patienten, die keine oder nicht viele Angehörige haben", sagt Stationsschwester Anja Naumann. Ein- bis zweimal pro Woche ist Stefanie Jahr nun zu Besuch im Krankenhaus, zumindest in den Wochen, die ihr Sohn beim Vater verbringt. "Ich komme immer her und sage mir: Ich habe keinen Stress", schildert sie. "Je nachdem, wie lange es dauert, dauert es." Das könne mal eine Stunde sein oder auch mal zwei. Manchmal gebe es mehrere Patienten, die Gesellschaft brauchen, manchmal sei es auch nur einer.

Jede Grüne Dame hat ihre feste Station. Station 1 im Erdgeschoss ist der Stammplatz von Stefanie Jahr. Hier sind die Bereiche Gastroenterologie, Onkologie und Palliativmedizin untergebracht. Oft habe sie es mit betagten Patienten zu tun, erzählt die Grüne Dame. Immer wieder seien Demenzpatienten darunter. "Vor Kurzem war ich bei einer Frau, die kaum noch sprechen konnte", berichtet Stefanie Jahr. Deswegen hat sie heute ein Märchenbuch mitgebracht. "Damit man nicht nur schweigend nebeneinander sitzen muss", erklärt sie. Die Feuertaufe im Krankenhaus muss das Buch noch bestehen. Zumindest ihr Sohn, der nach den Ferien in die Schule kommt, sei aber ganz begeistert davon.

Renate Baum ist keine, die nur schweigend dasitzt. Sie kann viel erzählen, auch wenn die meisten Geschichten lange her sind. Zum Beispiel, wie sie als Mädchen im Kuhstall arbeitete und später in der Textilindustrie.

"Die Frage, wo sie früher gearbeitet haben, stelle ich den älteren Damen oft", verrät Stefanie Jahr. Die meisten machten dann auf und kämen ins Reden. Eine Schulung zum Umgang mit Demenzpatienten habe sie nie gemacht. "Das ist eher intuitiv", sagt die Grüne Dame. Oft überlege sie sich, worüber sie mit ihrer eigenen Großmutter, die inzwischen 88 Jahre alt ist, sprechen würde. "Oder welche Geschichten sie mir früher erzählt hat."

An diesem Nachmittag muss Stefanie Jahr einige Überzeugungskraft aufwenden. Schließlich gelingt es ihr jedoch, Renate Baum zu einem Spaziergang im Patientengarten zu überreden. Auf einen Rollstuhl verzichtet die 77-Jährige dankend. Sie will laufen, das sei gut für ihre Knie, sagt sie. Nachdem die Grüne Dame der Patientin die Schuhe zugemacht und sie an die Maskenpflicht auf den Krankenhausgängen erinnert hat, geht es in Tippelschritten und mit untergehakten Armen nach draußen, wo die beiden Frauen zielstrebig eine Metallbank mit Blick auf die Straße ansteuern.

Stefanie Jahr spricht über das Wetter, fragt, was es zum Mittagessen gab und ob Frau Baum vorher schon einmal in Mittweida war. Hat sie Familie, Kinder, Haustiere? Renate Baum erzählt. Mal ausführlich, mal eher widerwillig. Aber sie erzählt. "Auf der Station sagen sie, Sie wissen nicht mehr so viel", sagt die Grüne Dame. "Aber Sie wissen doch noch alles."

In ihrem Job an der Hochschule Mittweida ist Stefanie Jahr für die Stundenplanung verantwortlich. "Ich sitze eigentlich den ganzen Tag nur am Rechner oder telefoniere mit den Dozenten", sagt sie. "Da ist es ein echt schöner Ausgleich, wenn man hier mal wieder einen Menschen vor sich hat, mit dem man reden kann. Das gibt einem viel zurück."

Irgendwann wird Renate Baum dann allerdings nervös, reißt an der Flexüle in ihrem Handrücken und an dem grauen Plastikarmband, auf dem ihr Name und die Station stehen, damit sie beim Herumirren auf den Krankenausgängen nicht verloren geht. Reden mag sie nun nicht mehr. "Sind Sie jetzt müde?", fragt Stefanie Jahr. Renate Baum überlegt kurz, lächelt und sagt dann: "Jaaaaa. Und ich habe Hunger." Stefanie Jahr schlägt vor, noch ein paar Minuten in der Sonne sitzen zu bleiben. Ohne zu schnattern. Renate Baum stimmt zu. "So, naja, ich geh jetzt heim", sagt die Patientin einen Moment später in die Stille hinein. "Ich muss nämlich auch mal."

Stefanie Jahr hilft ihr auf die Beine, mit kleinen Schritten geht es zurück zum Zimmer. "Das einzige mit lachendem Gesicht", sagt die Grüne Dame zu Frau Baum, hängt deren Strickjacke über den kleinen Holzstuhl und verabschiedet sich.

*Name von der Redaktion geändert.

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