Der kreative Kampf gegen die Schmerzen

Vor rund 70 Jahren brach bei Harald Dittrich eine Kinderlähmung aus. Seit sechs Jahren ist er deshalb an den Rollstuhl gefesselt. Seine Frau und sein Hobby helfen ihm, damit zurechtzukommen.

Neuhausen/Freiberg.

Harald Dittrich zählt laut 1,2,3. Dann stemmt sich der 130-Kilo-Mann mit beiden Armen von seinem Stuhl hoch und greift zum Rollator. Vorher hat er seine "Zutaten" - Pappe, Leim, Farbe - schon auf dem Küchentisch zurecht gelegt. Nun beginnt er mit ruhiger Hand an einem Objekt zu arbeiten. Ob es sein 301. oder 310. Modell ist, weiß er nicht genau. Darauf kommt es dem 77-Jährigen, der mit seiner Frau in einer Seniorenwohnanlage in Freiberg wohnt, auch nicht an. Sieben seiner zuletzt gebastelten Modelle wie die vier Stadttore Freibergs oder Schloss Freudenstein stehen in seinem Wohnzimmer. Modell standen für ihn auch Schloss Purschenstein, die Brauerei Neuhausen, der Komplex des Nussknackermuseums Neuhausen, die böhmische Riesenburg. Andere Motive stehen in Bayern, Tschechien und Italien. Er baue, was ihm Freude macht.

"Ich hoffe, dass sich bald Interessenten dafür finden" sagt Christine Dittrich. Die 73-Jährige muss viel Geduld mit ihrem Mann aufbringen. Er wiederum sagt: "Wenn ich meine Frau und meine Modelle nicht hätte, wer weiß ..." Dann fügt er an: "Du musst etwas tun, damit du noch Mensch bist." Seit sechs Jahren machen seine Beine auf Grund seiner Kinderlähmungserkrankung, die vor rund 70 Jahren ausbrach, nicht mehr mit. Zudem hat Harald Dittrich, der früher als Hausmeister an der Neuhausener Schule gearbeitet hat, zahlreiche Operationen hinter sich. Einige Male schon wollte er mit den Modellen, die er im Maßstab 1:100 seit rund 30 Jahren bastelt, Schluss machen. "Das Basteln ist aber wie eine Therapie, auch gegen die zum Teil unbändigen Schmerzen, die mich seit 70 Jahren plagen", sagt der Senior. Wenn er nichts zum Bauen habe, gehe es ihm schlecht, so habe er stets wieder angefangen.

Wenn mal etwas nicht gleich gelingt, beginnt der 77-Jährige seine Arbeit von neuem. "Fluchen habe ich meinen Mann noch nie gehört. Er legt eine absolute Ausdauer an den Tag", sagt Gattin Christine, mit der er seit 53 Jahren verheiratet ist und mit der er fünf Kinder großgezogen hat. "Sie sind natürlich mein großer Stolz", sagt Harald Dittrich. Leider wohnen die meisten weit weg, verteilt im ganzen Bundesgebiet. Ein Sohn, der ebenfalls in Freiberg wohnt, schaut einmal in der Woche bei den Eltern vorbei. In der Freiberger Wohnanlage fühlen sich die Beiden wohl. "Manchem geht es noch viel schlechter", meint Harald Dittrich. Der Senior befasst sich auch intensiv mit seiner Vergangenheit. Fünf Bücher hat er darüber geschrieben, drei davon hat er drucken lassen. In ihnen beschreibt er seine Kindheit, seine Jugend und die Zeit, in der er als Erntehelfer in den 60er-Jahren in Mecklenburg im Einsatz war. Nun hofft der gebürtige Voigtsdorfer, dass sich für seine sieben Modelle, die auf dem Schrank stehen, interessierte Personen oder Institutionen finden. Ihnen möchte er seine Werke gern kostenfrei übergeben. Und dann wird er sicher eine neue Herausforderung finden.


Impfstoffe seit 50er-Jahren

Kinderlähmung ist eine hoch ansteckende akute Infektionskrankheit mit dem Polio-Virus. Die Viren befallen hauptsächlich Teile der sogenannten grauen Rückenmarksubstanz, was zu dauerhaften Lähmungen führen kann.

Seit den 1950er-Jahren sind Impfstoffe gegen Polio verfügbar. Dadurch ging die Krankheit rapide zurück. Quelle: Wikipedia

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