Der linke Pfarrer

30 Jahre Wende: Er wurde im Krieg geboren, im NS-Regime getauft und in der DDR konfirmiert. Pfarrer wurde er auf Umwegen, berühmt mit der Friedlichen Revolution 1989. Dass die Lage vor 30 Jahren in Mittweida ruhig blieb, ist maßgeblich Christoph Körner zu verdanken. Einem Mann, der oft gegen den Strom schwimmt.

Erlau.

Christoph Körner fällt es schwer, kürzer zu treten. Das war so, als er 2001 aus dem Kirchendienst ausschied, als bei ihm 2014 ein bösartiger Tumor an der Magenaußenwand diagnostiziert wurde und auch, als er in diesem August im Garten von der Leiter fiel. Da landete er auf einem Mauervorsprung - mit einer gebrochenen Rippe und zig Prellungen, die ihn auch bei unserem Gespräch noch quälen. Doch der 76-Jährige lässt sich nichts anmerken. Im Gegenteil: Wie ein junger Hüpfer spurtet er die schmale Treppe ins Obergeschoss des kleinen Wohnhauses in Erlau bei Mittweida hoch, in dem er seit 2001 mit seiner Frau Karin lebt. Hier hat er sein Arbeitszimmer, das vollgestopft ist mit Büchern und mit Dingen, die noch zu erledigen sind - und in das er eigentlich niemanden reinlässt. Der promovierte Theologe, Autor und Rezensent kennt keinen Ruhestand. Und: Bis heute ist er seinem Lebensmotto treu geblieben: "Tote Fische schwimmen mit dem Strom, lebendige dagegen".

Ein Motto, das ihn vor 30 Jahren fast um Kopf und Kragen gebracht hätte. Damals, so etwa ab Mai 1989, als Tausende Bürger die DDR illegal über die sozialistischen Nachbarländer verlassen wollten, wurde er von Angehörigen oft um die Vermittlung von Rechtsanwälten gebeten. "Das war alles ziemlich unerträglich für mich", erinnert sich der damalige Pfarrer von Mittweida. Er habe deshalb an den persönlichen Referenten des DDR-Staatssekretärs für Kirchenfragen, den ihm gut bekannten Horst Dohle, einen Brief geschrieben - an dessen Privatadresse. "Ich vermutete, dass die Stasi ihn lesen würde und auch er dadurch Probleme bekommen könnte. Aber ich wusste mir keinen anderen Rat. Ich schrieb ihm, dass ich nur einen Weg zur Rettung unseres Landes sehen würde: dass die DDR ein politisches Schuldbekenntnis vor aller Welt ablegen müsste. So, wie es 1945 die deutschen Kirchen im ,Stuttgarter Schuldbekenntnis' getan hatten." Er sei bis heute fest davon überzeugt, dass das Ende der DDR durch das Ignorieren der eigenen Fehler eingeläutet wurde.

Am 23. September 1989 besuchte Horst Dohle den Mittweidaer Pfarrer - heimlich. Er war mit dem Zug auf dem Weg von Berlin nach Karl-Marx-Stadt zu seiner Mutter, stieg in Mittweida aus und ließ sich von Christoph Körner mit dem Trabi abholen. "Er legte mir eindringlich nahe, politisch nichts mehr zu unternehmen. Am 7. Oktober würde die Bereitschaftspolizei aufmarschieren, damit die Feiern zum 40. Jahrestag der DDR ungestört über die Bühne gingen. Falls nötig, würden auch Waffen zum Einsatz kommen. Das war für mich eine ganz bittere Nachricht", erzählt der Pazifist.

Dass er diesen Tag gar nicht in der DDR verbringen würde, war nicht geplant. Körner hatte für sich und seine Frau eine Besuchserlebnis für den leiblichen Onkel in Stuttgart beantragt. Der hatte am 4. Oktober Geburtstag. Statt der beantragten vier Tage erhielten die Eheleute überraschend ein Visa für zwei Wochen. Erst viel später, nach Einsicht in seine Stasi-Akten, erfuhr Körner, dass das kein Zufall war. Die Staatssicherheit wollte ihn, den vermeintlichen Unruhestifter, zum 40. Republikgeburtstag nicht in der Stadt haben. Körner und seine Frau erlebten das, was sich an diesem und den folgenden Tagen im Osten und speziell in Leipzig abspielte, vor den Fernsehern ihrer Verwandten in Stuttgart und Nürnberg.

Nach seiner Rückkehr, am 1. November, verteidigte er vier Stunden an der Uni Leipzig seine Dissertation: über die Not und Notwendigkeit der politischen Predigt in der DDR. Ein heikles Thema zu einem noch heikleren Zeitpunkt. Ein Haftbefehl gegen ihn lag bereits vor, konnte aber angesichts der Ereignisse nicht mehr vollstreckt werden. Das wusste Körner damals allerdings nicht. Am 6. November 1989 hielt er in der evangelischen Stadtkirche Mittweida das erste Friedensgebet.

"Damit begann auch in unserer Stadt die Bürgerbewegung stark zu werden", berichtet der Kirchenmann. Schon drei Tage später platzte sein Gotteshaus faktisch aus allen Fugen. Wo sonst maximal 1200 Leute Platz fanden, drängten sich 3500 Frauen und Männer dicht an dicht. Denn auf einem Forum stellten sich die neuen Bürgerbewegungen Demokratischer Aufbruch und Neues Forum vor. Mittweidas Bürgermeister und der Vorsitzende des Rates des Kreises hatten zuvor versucht, die Veranstaltung zu verhindern, die Sicherheit der Stadt sei nicht mehr gewährleistet, argumentierten sie.

Doch statt das Forum abzusetzen, lud Körner die beiden Kommunalpolitiker dazu ein. Nur der Stadtchef erschien. "Ein Gemeindemitglied schob Wache und steckte mir während der Veranstaltung plötzlich einen Zettel zu. Darauf stand, dass Günter Schabowski im Rundfunk gerade verkündet habe, die Mauer werde geöffnet. Diese Nachricht verlas ich ohne Kommentar vor den Versammelten in unserer Kirche."

Zwei Drittel hätten daraufhin vor Freude getobt und seien sich in die Arme gefallen, ein Drittel habe es nicht glauben wollen. Einige seien auch sofort auf den Bürgermeister losgegangen. "Ich hatte nur noch einen Gedanken: jetzt für Ruhe zu sorgen. Spontan fiel mir ein, dass der 9. November ja auch der Gedenktag an die Reichspogromnacht von 1938 ist. Deshalb schlug ich vor, dass wir alle zusammen mit unseren vielen Kerzen zum Platz der Opfer des Faschismus ziehen sollten, um dort aller Opfer des Nationalsozialismus und des Stalinismus zu gedenken. Es war ein bewegender Schweigemarsch, der sich an jenem Abend fast 1,5 Kilometer durch Mittweida zog. Alles blieb ruhig", stellt der Pfarrer noch 30 Jahre später erleichtert fest. Überall sei in den folgenden Wochen demonstriert worden, zunächst stets unter dem Motto: "Keine Gewalt. Wir sind das Volk!"

Erst viel später erfuhr Christoph Körner, dass bis zum Ende der DDR insgesamt 76 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit auf ihn angesetzt waren. Fast 3000 Seiten umfasst seine Stasi-Akte. Der letzte für ihn zuständige Führungsoffizier rief ihn 1992 an, wollte zu ihm nach Mittweida in die Seelsorge kommen, um sich zu entschuldigen. "Ich habe ihm angesichts seiner Biografie geglaubt, dass er aus tiefer Überzeugung und im Glauben, das Richtige zu tun, gehandelt hat", betont Körner. Ihn selbst habe die weitere Entwicklung nach dem Wende-Herbst auch ein Stück weit enttäuscht. "Wir wollten eigentlich eine eigene DDR, keine Übernahme durch den Westen, wie sie dann unter Helmut Kohl erfolgt ist", macht Körner bis heute seinen Standpunkt deutlich.

Etwa im Dezember 1989 sei die Stimmung gekippt, sei immer mehr die D-Mark, also das Geld, in den Mittelpunkt gerückt. Noch größer war die Enttäuschung nach der ersten demokratischen Volkskammerwahl der DDR am 18. März 1990, als Körner für die Bürgerbewegungen 30Prozent der Stimmen erwartet hatte. Stattdessen bekam Bündnis 90/Die Grünen 5 Prozent, obwohl sie laut Körner "95 Prozent der revolutionären Arbeit geleistet hatten".

"Auch Helmut Kohl merkte bei seinem Besuch in Karl-Marx-Stadt nicht, wie er die zarten Blümlein der wahrhaft Aufrechten in unserem Land zu Boden trat", schrieb der Pfarrer wenige Tage später in einem Rundbrief an Freunde und Verwandte unter dem Titel "Fremde im eigene Land". Es war nur eine Frage der Zeit, dass er sich auch mit der sächsischen CDU anlegte.

Die hielt ihm vor, "gegen die Amerikaner zu schießen", weil Körner heftige Kritik am Zweiten Golfkrieg übte, den für ihn bis dahin schwersten militärischen Konflikt seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. "Ich hatte in der DDR ständig Schwierigkeiten wegen meines Friedensengagements und nun setzte sich das fort. Zeitweise wurde ich wegen meiner Friedensarbeit regelrecht schikaniert. Wohl auch, weil ich keinen Hehl daraus machte, dass ich die marxistische Gesellschaftskritik immer für berechtigt hielt."

Bis heute fühlt sich Körner dennoch tief verwurzelt in seiner sächsischen Heimat. Nie sei ihm der Gedanke gekommen, sie zu verlassen. Auch Angst habe er nie gehabt, bestätigt seine Frau Karin, mit der er seit 50 Jahren verheiratet ist. Sein Vater, ebenfalls Pfarrer, der 1944 beinamputiert aus dem Krieg von der Ostfront ins Erzgebirge zurückkehrte, habe ihn maßgeblich pazifistisch erzogen. 2001 trat er mit 59 Jahren aus dem Dienst der Kirche aus. Wegen der schrumpfenden Gemeinden wollte die Landeskirche 200 der 800 Pfarrerstellen streichen. Älteren Kollegen wurde nahegelegt, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. Körner weiß, dass er manchen Oberen wohl auch zu eifrig war. "Zu meinen Friedensgebeten kamen ja sogar PDS-Mitglieder."

Er schmunzelt darüber, dass er oft als "linker Pfarrer" bezeichnet wurde, sagt aber auch, dass er so viel Marx gelesen habe, wie kaum ein anderer Berufskollege. Dass keiner seiner drei Söhne, die heute mit fünf Enkeln in Sindelfingen bei Stuttgart, in Potsdam und in Amsterdam leben, in seine beruflichen Fußstapfen getreten sind, schmerzt ihn nicht. Im Gegenteil: "Wir haben unseren Kinder in ihren Entscheidungen immer freie Hand gelassen."

Veranstaltungstipps: Zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion unter dem Motto "Lernen im Wandel - Lehren aus der Wende" an der Fachhochschule Mittweida ist Dr. Christoph Körner am 6. November ab 19 Uhr zu erleben. Am 9. Novemberliest er ab 17 Uhr in der Stadtbibliothek Mittweida aus seinem autobiografischen Buch "Im Niedergang wird die Zukunft geboren - Staat-Kirche-Erfahrungen in drei politischen Systemen".


Menschen, die die Wende prägten

Der Tag war einer jener Tage, die im Gedächtnis haften bleiben, einer, von dem viele heute noch wissen, wo sie waren und was sie getan haben. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 fiel die Mauer. Ein ebenso epochales wie einschneidendes Ereignis. Nun, dreißig Jahre nach der Wende, geht die "Freie Presse" auf Spurensuche und spricht mit Frauen und Männern aus der Region über ihre Erlebnisse.

Einer davon ist Dr. Christoph Körner aus Erlau, der von Stasi-Spitzeln beäugt und mit einem halben Bein im Gefängnis war. "Wir wollten eigentlich eine eigene DDR, keine Übernahme durch den Westen", sagt der frühere Pfarrer von Mittweida. Am 9. November moderierte der Geistliche in der dortigen Stadtkirche eine Podiumsdiskussion und sorgte so mit dafür, dass es in der Stadt ruhig blieb. In einer Serie stellt die "Freie Presse" Protagonisten der Wende vor.acr

Kennen auch Sie jemanden, der zur Wendezeit aktiv war und seine Geschichte erzählen möchte? Oder wollen Sie uns erzählen, wie Sie den 9. November 1989 erlebt haben? Dann schreiben Sie uns bitte an die Lokalredaktion der "Freie Presse" an der Rochlitzer Straße 64 in 09648 Mittweida oder per Email an red.mittweida@freiepresse.de.

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