Die grotesken Phantasien der Steinmetze

Weit oben über dem Freiberger Obermarkt ziert ein eindrucksvoller Fries den Rathausturm. Der Blick hinauf lohnt nach der Sanierung umso mehr.

Freiberg.

Sie werden kaum eines Blickes gewürdigt - zu unrecht. Dennoch: Eher selten schauen sich die Freiberger den Turm des Rathauses am Obermarkt ganz weit oben genauer an. Doch wenn nach der derzeitigen Fassadensanierung die Gerüste fallen, lohnt sich der Blick hinauf bis unter das Dach des Rathausturmes umso mehr.

Denn dort findet sich in etwa 25 Metern Höhe ein Fries, der es wert ist, genauer betrachtet zu werden: "Er wurde 1618 angebracht, damals erhöhte man den Turm an der Westseite des Rathauses", erklärt Uwe Richter vom Denkmalamt der Stadtverwaltung. Was der promovierte Denkmalfachmann als typisch für die Zeit der Spätrenaissance beschreibt, stellt sich beim zweimaligen Hinsehen als der Wirklichkeit ziemlich entrückt dar.

Offenbar waren es Freiberger Steinmetze, die aus Sandstein ausdrucksstarke Masken, groteske Löwenköpfe und verschiedene Ornamente formten. "Die Steinmetze haben sie mit künstlerischer Freiheit in die Stilistik der damaligen Zeit eingebettet", bringt es Uwe Richter auf den Punkt. Teils nämlich sind diese Köpfe bis ins Detail ausgearbeitet. Andererseits aber machten sich die Handwerker damals wohl nur so viel Mühe, wie es unbedingt nötig war. "Der Fries ziert nur drei Seiten des Rathauses, an der Seite zur Burgstraße hin findet er sich nicht so ausgearbeitet", erklärt Uwe Richter. Das sandsteinerne Band zieht sich an der Rückseite nur mit einfachen Konsolen weiter, auch das Gesims ist anders. Und sogar die Steinköpfe enden an der Turmecke - existieren dort nur hälftig. Nach den Worten des Denkmalexperten finden sich ähnliche Ornamente wie im Fries im Krügerhaus der Mineralienausstellung "Terra mineralia" am Schlossplatz sowie im Gebäude am Obermarkt 1, in dem auch ein Backwarengeschäft untergebracht ist.

Laut Uwe Richter sind die kuriosen Köpfe und finster dreinblickenden Löwenmasken sowie die Verzierungen dazwischen - sie erinnern in ihrer Art an Tür- oder Schrankbeschläge - unter dem Turmdach des Rathauses von Anfang an farblich gefasst gewesen. Im Zuge der jetzt laufenden Fassadensanierung hat ein Restaurator die verschiedenen Farbschichten entfernt und die ursprüngliche graue Farbgestaltung wieder freigelegt. Damit zeigen sich auch die mehrfach überstrichenen Details, die bis hin zu ausgearbeiteten Pupillen in den Augen einiger Gesichter im Fries reichen. Nun erhalten sie in Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt wie das Rathaus insgesamt eine neue Farbgestaltung. Auch das Dach des Hauses wird neu eingedeckt. Während die Fassade in einem Weißton bleibt, werden die Ornamente und Friese in verschiedenen Grautönen gefasst, die sich stark an die einstige historische Bemalung anlehnen. "Das war auch eine Forderung der Denkmalbehörde", sagt Uwe Richter.

Er weist darauf hin, dass die Masken und Löwendarstellungen laut den Überlieferungen schon 400 Jahre alt sind, doch sie gehören damit zu den jüngeren Teilen des Freiberger Rathauses. Der Turm in seiner ursprünglichen Form entstand nämlich schon zwischen 1429 und 1442. Er wurde zu dieser Zeit an den Vorgängerbau des Rathauses angesetzt. Das Gebäude in seiner jetzigen Form entstand zwischen 1470 und 1474. Beim letzten großen Stadtbrand 1484 wurde es offenbar nur wenig betroffen, sodass danach verschiedene Reparaturen ausreichten, um es wieder zu ertüchtigen. Auch die damals bereits im Turm vorhandene Uhr soll 1489 wieder in Stand gesetzt worden sein. "Die vorhandene Einfassung der Uhr stammt ebenfalls von 1618", sagt Uwe Richter. Aus dieser Zeit finden sich außerdem die Fenstergesimse und die weitere Ornamentik des Turms. Zum Teil aus dieser Epoche erhalten geblieben sind auch die Turmhaube sowie ein Großteil seiner Dachkonstruktion. Das haben laut Uwe Richter dendrochronologische Untersuchungen der Hölzer des Turmdachwerkes wie auch schriftliche Überlieferungen ergeben.

Zu den jüngsten Details im Rathausturm zählt das Glockenspiel. Die Glocken aus Meissner Porzellan wurden im Zuge der 800-Jahr-Feier Freibergs im Jahr 1986 in dem Rathausturm eingebaut.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...