Die Neue Rechte und die Konservativen: eine Spurensuche

Warum haben Verfassungsfeinde bei konservativen Menschen Erfolg? In der Petrikirche gab es eine sachliche Debatte zu dem emotionalen Thema.

Freiberg.

Der Ton macht die Musik. Und die Töne der Silbermann-Orgel in der Petrikirche haben am Donnerstagabend vielleicht zu einer wertschätzenden Debatte beigetragen. "Der kulturelle Rahmen prägt die Gesprächskultur", sagte Pfarrer Michael Stahl, der das Gespräch moderierte. Das Thema: "Was ist konservativ und damit Teil unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung? Was ist neurechts und damit eine Gefahr für dieselbe?" Stahl nannte Protagonisten der Neuen Rechten: Den offiziell aufgelösten "Flügel" der AfD, die Identitäre Bewegung, das Institut für Staatspolitik und Pegida. Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche habe ihre Gemeinden zu solchen Debatten aufgefordert, nachdem Landesbischof Carsten Rentzing im Zusammenhang mit früheren rechtsextremen Schriften zurückgetreten war.

Eingeladen waren der Pfarrer und Religionslehrer Frank Martin aus Leipzig, der sich im Netzwerk "Frei und fromm" für Pluralismus in der Kirche einsetzt, sowie die Juristin und Publizistin Liane Bednarz aus Hamburg. Eine Podiumsdiskussion mit ihr im vergangenen Jahr war auf Vorschlag von Oberbürgermeister Sven Krüger (parteilos) vom Theater in den städtischen Festsaal verlegt worden. Das sorgte überregional für Diskussionen.

Liane Bednarz, die sich als konservativ bezeichnet, warnt davor, dass antidemokratische Kräfte Konservative und Christen beeinflussen. Sie nannte Unterschiede: Konservative akzeptierten Zuwanderung grundsätzlich. Dagegen wolle die Neue Rechte, dass sich die Völker nicht mischen. Beim Thema Holocaust stehe Erinnerungskultur der Behauptung vom "Schuldkult" gegenüber. Bednarz kritisierte Verschwörungstheorien, Desinformation, "Jammern über den Zeitgeist" und Begriffe wie "Blockparteien".

Frank Martin betonte, das Vorbild Jesu verbiete es, andere Menschen abzuwerten: "Rechtes Gedankengut ist mit dem Christentum nicht vereinbar."

Warum aber kommen solche Sichtweisen in konservativen Kreisen an? Liane Bednarz kritisiert, Angela Merkel habe als CDU-Vorsitzende das konservative Spektrum der Partei brachliegen lassen. Frank Martin sieht soziale Ungleichheit als Ursache: "Wir haben in Deutschland die schreiende Ungerechtigkeit, dass Kinder aus bildungsfernen Familien seltener studieren als andere." Auch Wohnungsnot sei ein Problem. Martin: "Ich kritisiere mich selbst, weil ich Teil eines ausbeuterischen Systems bin." Er wünsche sich, dass die Kirchen mehr Leseförderung oder Beratung in benachteiligten Wohngegenden anbieten. Beide sagten, die Entwertung von Biografien nach dem Ende der DDR habe viel Frust verursacht. Bei ihrem ersten Besuch in Freiberg habe sie Teile des Publikums als aggressiv erlebt, sagte Liane Bednarz.

Anders in der Petrikirche: Unter den rund 60 Zuhören waren verschiedene Altersgruppen, religiöse und politische Standpunkte vertreten. Eine Frage kam mehrfach auf: Wie damit umgehen, wenn Freunde oder Familienmitglieder Verschwörungstheorien anhängen? Liane Bednarz riet: "Als Christ würde ich versuchen, die Tür offen zu halten." Das habe aber Grenzen: "Der NPD muss man keinen Raum geben." Pfarrer Frank Martin musste sich der Frage stellen, ob seine Systemkritik nicht zu einseitiger Abwertung etwa der Polizei führen könnte. Beide Referenten wendeten sich gegen beleidigende Rhetorik auch von links.

Pfarrer Michael Stahl sprach von vielen positiven Rückmeldungen am Abend. Sein Kollege Frank Martin sieht Kirchgemeinden ebenfalls als wichtige zivilgesellschaftliche Akteure: "Wir sind in jedem Dorf."

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