Ein betrogener Dieb und das Verschwinden von 470.000 Euro

Ein 29-jähriger Monteur soll einer Firma kiloweise Edelmetalle gestohlen haben. Jetzt steht er vor dem Landgericht.

Kann ein junger Mann fast 470.000 Euro verjubeln, ohne durch Luxusreisen, teure Autos oder anderweitig üppigen Lebenswandel aufzufallen? Das ist die Frage, die im Verfahren wegen gewerbsmäßigen Diebstahls gegen einen 29-Jährigen aus dem Freiberger Umland mitschwingt, das am Freitag vor der ersten Strafkammer des Landgerichts Chemnitz eröffnet worden ist. Der Angeklagte hatte gleich zu Prozessbeginn eingeräumt, seinem Arbeitgeber mehr als 22,5 Kilogramm Platin-Rhodium-Legierungen gestohlen und in kleinen Tranchen an Edelmetallhändler verhökert zu haben. Aber: Von der nahezu halben Million Euro Erlös sei nichts mehr da, erklärte der Monteur.

Staatsanwalt Markus Schori hatte dem jungen Mann vorgeworfen, ab Sommer 2014 bis Herbst 2017 in 148 Fällen Edelmetall an Aufkäufer in der Bundesrepublik veräußert zu haben, das er zuvor auf Arbeit entwendet habe. Es habe sich dabei Reststücke und Späne aus der Produktion gehandelt. Die Vergütungen hätten sich auf insgesamt 469.467,46 Euro addiert.

Wie sich in der Verhandlung herausstellte, war der Dieb von seinen Geschäftspartnern aus dem Internet vermutlich selbst gelinkt worden. Jede der rund zehn Firmen habe ihm nur den Platin-Preis bezahlt, obwohl in der Beute auch 10 oder 20Prozent Rhodium gesteckt hätten, das je nach Marktlage einen deutlich höheren Wert haben könne.

Der Geschäftsführer des bestohlenen Unternehmens erklärte vor Gericht, er habe der Versicherung einen Schaden von rund 650.000 Euro gemeldet. Der 44-Jährige zeigte sich zugleich überzeugt, dass den Aufkäufern klar gewesen sein müsse, dass es sich um Diebesgut handelte: "Die Legierungen werden nur in der Industrie verwendet und sind nicht in Schmuck oder ähnlichen Privatgegenständen zu finden."

Auf den Zuschauerplätzen hatten am Freitag auch die Eltern des Angeklagten Platz genommen. Sie sind, wie der Vorsitzende Richter Bernd Bräunlich sagte, sogenannte Einzugsbeteiligte: "Der Freistaat will von Ihnen rund 35.000 Euro." Die Eheleute bestätigten, zwischen Oktober 2014 und März 2015 acht Überweisungen in der genannten Gesamthöhe für ihren Sohn auf ihr Konto erhalten zu haben. Er habe es verwendet, weil sein eigenes Konto zu dieser Zeit wegen Überziehung gesperrt gewesen sei.

Sie habe mit den Gutschriften Schulden ihres einzigen Kindes getilgt und ihm den Rest in bar übergeben, erklärte die Mutter auf Nachfrage des Gerichts. "Ich habe mit dem Geld nichts zu tun haben wollen", betonte die 50-Jährige, "wir haben in der Zeit immer nur bezahlt und zu Hause jedes Mal gestritten, wenn es um Geld ging."

Er sei wegen seines Crystalkonsums finanziell in die Bredouille geraten, räumte der Angeklagte ein. Die teure Droge nehme er aber seit Ende 2015 nicht mehr.

Auch wenn, wie Verteidiger Michael Windisch erklärte, sein Mandant den Eltern zur Herkunft der Beträge eine Geschichte aufgetischt habe, an die er sich selbst nicht mehr erinnern könne - sie sind jetzt mit dran. Zur Sicherung der Ansprüche wurde bereits ein Grundstück der Mutter beschlagnahmt.

Die Diebstähle im Betrieb - laut Verteidiger Windisch handelte es sich um zehn "genutzte Gelegenheiten" - fielen offenbar erst auf, als sich der Angeklagte an Material bediente, das zwei Kollegen abgewogen zugeteilt worden war. Am Werkstor habe es zwar Kontrollen per Zufallsgenerator gegeben, hieß es; die aber wohl recht oberflächlich. "Wir sind kein Flughafen und setzen keine Kameradetektoren ein", so die Sicherheitsbeauftragte der Firma.

Sowohl die Eltern als auch frühere Kollegen sagten aus, der Angeklagte sei nicht durch ein "Leben auf großem Fuß" aufgefallen. Ein Kriminalbeamter gab zu Protokoll, in der Wohnung sei nichts von größerem Wert gefunden worden. Auffällig seien lediglich Versandhandel-Rechnungen gewesen: "Das waren in einem Monat paar Tausend Euro für Auto-Tuning-Teile."

Die Beträge hätten sich "zusammengeleppert" - ob auf fast 470.000Euro, blieb offen. Der Prozess wird am 25. November fortgesetzt.

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