Ein Energiebündel voller Ideen

Seit 2018 ist Andrea Riedel Direktorin des Stadt- und Bergbaumuseums Freiberg. Bundesweit tragen bereits fünf namhafte Einrichtungen ihre Handschrift. Auch in der Bergstadt will die 56-Jährige Berge versetzen.

Freiberg.

Nichts verrät an diesem Tag, dass Andrea Riedel in Freiberg fast noch Neuling ist. Wegen des großen Interesses am "Dresdner Mars", einer kostbaren Leihgabe aus dem Grünen Gewölbe Dresden, hat die Direktorin selbst eine zusätzliche Führung übernommen - bevor die Bronzeplastik am Montag weiter auf Rundreise durch Sachsen geht.

Fachkundig begleitet die 56-Jährige die Gäste durch jenes altehrwürdige Haus, das sie seit 1. Januar 2018 leitet. Dass sie einmal im Herzen der Bergstadt landen würde, hätte sie sich nicht träumen lassen. Aber inzwischen sagt sie, dass man im Leben besser nichts ausschließen sollte. Und sie gesteht auch: "Ich bin hier angekommen und fühle mich wohl. Ich könnte mir vorstellen, dass Freiberg meine letzte berufliche Station ist."

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Ihr Blick schweift fast schwärmerisch von ihrer Wohnung in der Theatergasse auf die Nikolaikirche, das Theater und den Buttermarkt. Gerne bummelt sie mit ihrem Lebenspartner durch die engen Gassen. Obwohl in Freiberg fast jeder jeden kennt, wissen die meisten nicht, dass die "Neue" FSV-Zwickau-Fan ist und ihren Mann zu manchem Spiel in Stadien schleppt.

Als die in Crimmitschau aufgewachsene Tochter eines Wismut-Bergmanns, die schon als Kind mit dem Vater zu jedem Spiel in die Muldestadt fuhr, nach dem Abitur vor der Studienwahl stand, entschied sie sich für ein Geschichtsstudium an der Humboldt-Universität Berlin. 1986 schloss sie es als Diplom-Historikerin ab. Danach kehrte sie zurück nach Crimmitschau: als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte für den Crimmitschauer Textilarbeiterstreik, aus der 1990 ein Heimatmuseum wurde. 1993 wurde sie Leiterin des Stadtarchivs und "Errichtungsbeauftragte" für das westsächsische Textilmuseum, das noch bis 1990 als VEB Volltuchwerke Crimmitschau produziert hatte. Es wurde mit Einstellung der Produktion unter Denkmalschutz gestellt. Noch bevor die Produktionsstätte in den 1998 gegründeten Zweckverband Sächsisches Industriemuseum aufgenommen wurde, entschied der damalige Oberbürgermeister, dass Crimmitschau weder ein Heimatmuseum noch ein Stadtarchiv brauche. Er schloss beide Einrichtungen. Riedel erhielt eine "betriebsbedingte Kündigung". Es folgten ein Jahr Arbeitslosigkeit und schließlich die Bewerbung im Bergbaumuseum Oelsnitz/Erzgebirge, wo 1999 die Leiterstelle neu besetzt werden sollte.

"Hier wurden für mich viele Begriffe real, die ich von meinem Vater kannte", denkt Riedel zurück. "Mit dem damaligen Landrat haben wir viel bewegt, aus der Einrichtung 2006 ein Museum des sächsischen Steinkohlebergbaus gemacht und Flächen dazu gekauft, um einen als begehbare Inszenierung gestalteten Steinkohlewald zu eröffnen."

Als 2008 mit der Kreisreform aus den fünf Landkreisen im Erzgebirge einer wurde, schwand Riedels Vertrauen in die neuen Strukturen. In jener Zeit erfuhr sie, dass die Direktoren-Stelle für die Unesco-Weltkulturerbestätte Rammelsberg in Goslar (Niedersachsen) ausgeschrieben war - ab 1998 in Deutschland die erste Welterbestätte industrieller Art. Riedel bekam den Zuschlag und wurde zudem wissenschaftliche Geschäftsführerin der Weltkulturerbe Erzbergwerk Rammelsberg GmbH.

Der Aufsichtsrat gab ihr ein halbes Jahr Zeit für ein inhaltliches Konzept, das der Landesrechnungshof angemahnt hatte. Im Januar 2009 stimmten Stadtrat und Kulturausschuss des Landtags Riedels Ideen zu, 1000 Jahre Bergbau und Leben am Rammelsberg bei Führungen über und unter Tage anschaulich zu vermitteln. 2014 waren sie umgesetzt. Andrea Riedel war bei der Einweihung dabei, obwohl sie sich da bereits in Sachsen einer neuen Aufgabe gestellt hatte.

An ein Ereignis in Goslar denkt sie bis heute schmunzelnd zurück: Bei der Eröffnung einer Sonderausstellung unter dem Titel "Auf breiten Schultern" saß sie neben dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten David McAllister. Ob er zu gestresst oder ihm die Laudatio zu langweilig war, weiß sie nicht. "Auf jeden Fall sank sein Kopf plötzlich auf meine rechte Schuler. Ich blieb stocksteif sitzen, bis er beim letzten Satz der Rede plötzlich wieder aufwachte. Wir verloren beide nie ein Wort darüber."

2011 erhielt die umtriebige Sächsin einen Anruf aus Crimmitschau. Der Stadtchef fragte, ob sie sich vorstellen könnte, in den Zweckverband Sächsisches Industriemuseum einzusteigen mit dem Ziel, diesen in eine Stiftung zu überführen. "Die Aufgabe reizte mich. Weil zu dieser Zeit gerade mit dem Oberbürgermeister von Goslar mein wichtigster Mitstreiter abgewählt worden war, entschied ich mich für die Rückkehr nach Sachsen." Riedel wurde Direktorin des Industriemuseums Chemnitz und Geschäftsführerin des Zweckverbandes, dem bis heute vier Einrichtungen angehören.

Innerhalb von zwei Jahren gelang ihr in Chemnitz, auf einer Fläche von 3600 Quadratmetern eine völlig neue Ausstellung zu konzipieren und zu gestalten, "weil die Alte einfach in die Jahre gekommen war". Trotzdem trennte sich die Stadt von ihr. Angeblich, weil es nicht gelang, den Zweckverband in eine öffentliche-rechtliche Stiftung zu überführen. Diese Pläne hatte aber vor allem 2014 die neue CDU-SPD-Landesregierung auf Eis gelegt.

Dafür rettete die Sächsin in der Folge die Burg Ranis im gleichnamigen Ort nahe Pößneck in Thüringen. Die Burg mit einer Dauerausstellung von 1956 stand nach 60 Jahren vor der Schließung. Riedel sollte ein schlüssiges Museumskonzept entwickeln, dem der Stadtrat und der Kulturausschuss des Landtags zustimmten. Zwei von fünf großen Themenbereichen sind inzwischen umgesetzt, darunter "Die Geologie des Orlatals", womit Riedel sich erneut auf bergbauliches Terrain begab. "Ich merkte zum wiederholten Mal, wie viel Spaß mir solche Themen machen", sagt die Direktorin.

Als gut vernetzte Wissenschaftlerin blieb ihr nicht verborgen, als Freiberg einen Nachfolger für seinen langjährigen Museumsdirektor suchte. Sie bewarb sich - als eine von 68 Interessenten. In drei Auswahlrunden setzte sie sich durch. "Frau Riedel brachte die größte Fachkompetenz mit und hatte neben ihren fundierten Kenntnissen beachtenswerte Vorstellungen für das Freiberger Haus", sagte Stadtchef Sven Krüger (parteilos) nach der von einer großen Mehrheit getragenen Stadtratsentscheidung. Inzwischen hat Riedel begonnen, erste Ideen umzusetzen. Obwohl sie als Frau gilt, die keine Konflikte scheut, versucht sie viele Akteure ins Boot zu holen. "Ich bin aber gewohnt, mit Widerständen umzugehen." Ihr Credo: "Widerstand erzeugt Reibung. Reibung erzeugt Energie."

In Freiberg setzt sie gerade unheimlich viel davon frei: Neben dem Museum wird derzeit ein jahrelang umstrittener Anbau hochgezogen. 2020 gibt es in dem Haus die erste Sonderausstellung "Vom Gnadengroschen zur Rentenformel" - eine Schau, die die Landesausstellung zur Industriekultur ergänzen soll. Im November 2020, mit dem Ende der Landesausstellung, schließt das Bergbaumuseum für über ein Jahr. 1,25 Millionen Euro sind für die Neugestaltung eines der ältesten bürgerlichen Museen in Sachsen geplant. In der musealen Welt habe es in den vergangenen Jahrzehnten revolutionäre Veränderungen gegeben, die an Freiberg bisher vorbeigegangen sind, sagt Riedel. "Außerdem wollen wir künftig enger mit der Terra mineralia und dem Lehr- und Besucherbergwerk Reiche Zeche zusammenarbeiten, uns die Besucher quasi weiterreichen." Auch ein Bergbauerlebnispfad soll dazu beitragen. Das Konzept wird am 11. April im Kulturausschuss vorgestellt.

Wenn Andrea Riedel nicht arbeitet? ... Dann fährt sie Rad, schnallt sich im Winter auch mal die Langläufer an, liebt Städtekurzreisen und besucht die 34-jährige Tochter in Hannover, die dort als Polizistin arbeitet, weil ihr für den sächsischen Polizeidienst ein Zentimeter Körpergröße fehlte. Und sie liest: mit Vorliebe historische Romane. Mit Sabine Ebert ist sie immer auf dem Laufenden.

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