Ein ganz besonderes Erbe

Stück für Stück saniert die Junge Gemeinde in Nassau den alten Pfarrhof. Sie nutzt ihn für Kinoabende oder als Puppentheater.

Nassau.

Die Jahreszahl "1796" steht über dem etwas verwitterten Portal am Haupthaus des ehemaligen Vierseithofs neben der Nassauer Kirche. Teile des Gehöftes könnten jedoch deutlich älter sein. "Wir nennen es den Alten Pfarrhof", sagt Hilke Domsch. Ein früherer Name ist ihr nicht bekannt. Neben dem Haupthaus gibt es noch ein kleineres Gebäude, außerdem überlebte eine Scheune. Zwischen Haupt- und Nebengebäude befindet sich ein kleines Tor. "2011" ist hier eingraviert. Diese Zahl markiert die zweite Geburtsstunde des Hofes. Hilke Domsch eilt voran, führt in den dahinter liegenden Garten.

Nachdem alles leer stand, wurde das kleinere Haus für die Junge Gemeinde genutzt. Der Garten war damals ein einziger Urwald. "Alles war zugewachsen", berichtet Domsch. 2009 versuchte man hier, Lagerfeuerabende zu machen. "Bald war klar, das geht so nicht", erinnert sich Hilke Domsch. Es musste mit dem Areal etwas geschehen. Treibende Kraft war damals Holzgestalter Ronald Lesselt, der anregte, Fördermittel zu beantragen, um eine vernünftige Nutzung zu ermöglichen. Geld kam schließlich über das Programm der Integrierten Ländlichen Entwicklung (ILE) und 2011 machte man sich an die Arbeit.

Das Gelände wurde gerodet, es entstanden ein Niedrigseilgarten, eine vernünftige Feuerstelle sowie eine kleine Bühne. Neben Baufirmen gab es jede Menge ehrenamtliche Hilfe. "Alle Handreichungen wurden von den Jugendlichen gemacht", betont Hilke Domsch. Im Jahr darauf folgte die Scheune. Dank weiterer Fördermittel traf man sich jeden Freitag von 15 bis 17 Uhr, um die Holzverschalung zu erneuern, die Dielung im Innern auszutauschen und das Dach zu sanieren. 

Die jungen Leute, die an all dem Anteil hatten und haben, kommen nicht nur aus Nassau, sondern aus dem gesamten Kirchspiel Frauenstein. Für sie ist der Freitagabend längst ein fester Termin. Ab 19 Uhr sind sie auf dem Hof anzutreffen. Sie sitzen zusammen, diskutieren, singen, planen, proben.

Ronald Lesselt erkrankte im Dezember 2016 schwer und verstarb im Januar 2018. Er hinterließ eine große Lücke im Herzen jedes Einzelnen. Doch noch während seiner Krankheit nahmen die Jugendlichen und Hilke Domsch die Herausforderung an, die Arbeit weiterzuentwickeln. Am Ewigkeitssonntag 2017 fand eine erste kulturelle Veranstaltung statt. Vorwiegend wurden dabei Texte vorgelesen. Die Resonanz war ermutigend.

"So entstand auch die Idee der Nassauer Puppenkiste", berichtet Hilke Domsch. Mit geborgten Handpuppen werden Märchen erzählt. Tobias Fischer, ein Junge aus der Gruppe, schreibt die Stücke. "Wir müssen sie den vorhandenen Puppen ein wenig anpassen", lächelt er. "Bei den Bremer Stadtmusikanten sind deswegen ein Schaf und eine Eule mit dabei, und bei Schneewittchen gibt es nur vier Zwerge." Theater und Kulissen bastelte man selbst. Hinzu kam in diesem Jahr das Sommerkino von Juni bis August, welches in der Scheune stattfand.

Im Obergeschoss des kleineren Wohnhauses treffen sich die jungen Leute. Ihre Anzahl schwankt derzeit zwischen elf und 20. Alle sind im Alter von 13 bis 19 Jahren. Ein ehemals kleiner Raum wurde fast in Eigenleistung vergrößert. Derzeit beginnt die Arbeit an der Sanierung der Außenfassade und des Daches vom Pfarrhaus. Ebenso wird der Sanitärbereich erneuert. All dies jedoch wäre bedeutungslos, wäre die Jugend nicht mit ganzem Herzen dabei und würde keine eigenen Ideen entwickeln. Ronald Lesselt ist nicht mehr da, um zu helfen. Doch seine Kraft scheint immer noch zu wirken. Hilke Domsch: "Es ist, als ob er uns das alles als Erbe hinterlassen hat."

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