Ein Indianerlager im Erzgebirge

Hunderte Tipis und 1000 exotisch gekleidete Menschen sorgten auf einem Feld bei Großhartmannsdorf für Aufmerksamkeit. Es ist eine verschlossene Gemeinschaft, die sich schon seit DDR-Zeiten versammelt. Einer "Freie Presse"-Redakteurin wurden seltene Einblicke gewährt.

Großhartmannsdorf.

Bis der Kaffee fertig aufgebrüht ist, kann es bei Holger Wilken schon mal eine Stunde dauern. Feuerholz sammeln, Wasser holen, Feuer entfachen und Wasser kochen, um dann das kostbare Pulver aufzugießen. "Mit Stahl und Stein Feuer machen, das gelingt mir nicht. Aber manche von uns machen das noch so", erzählt er.

Wilken - groß, schlank, Brille, mit Lendenschurz, perlenbestickten Schuhen und einem bunten Band ins lange graue Haar gebunden - liebt die Indianerkultur, seitdem er als Junge den Defa-Film "Die Söhne der großen Bärin" (1966) mit Gojko Mitić in der Hauptrolle gesehen hat. "Seitdem wollten wir nichts anderes als Indianer sein", erzählt der Rostocker. Fotografieren lässt er sich nicht. Seine Rolle als erster Vorsitzender des Week-Bundes, Dachverband aller Indianervereine, gehört für den Bestattungsunternehmer ins Privatleben. Vergangene Woche machte er mit seiner Familie eine Woche Urlaub auf einem Feld in Großhartmannsdorf bei Freiberg - bei der sogenannten 47. Week.


Die Week, das ist ein Sommerlager, bei dem sich einmal im Jahr Mitglieder vieler Indianervereine treffen. 1972 wurde die Tradition in der DDR aus der Taufe gehoben. Sechs Vereine gehören zu den Gründungsmitgliedern; seitdem ist die Week kontinuierlich gewachsen. Nach der Wende kamen auch westdeutsche Vereine hinzu. Heute kommen Menschen aus ganz Europa zusammen, um die Kulturen verschiedener Indianerstämme aufleben zu lassen. 900 bis 1200 Männer, Frauen und Kinder, schätzt Wilken, verbrachten ihren "living history"-Urlaub ("gelebte Geschichte") jetzt im Erzgebirge.

Mit Trommeln laufen zwei Herolde durchs Lager und verkünden, dass 11 Uhr der Workshop zur Indianischen Kindererziehung beginnt. "Sie sind unser Handy. Sie bringen Nachrichten durchs Lager", erklärt Wilken. Echte Handys passen nicht ins Bild. Das Lager soll möglichst real erscheinen: Plastikflaschen, Tüten und Zivilkleidung haben außerhalb der Tipis nichts zu suchen. Zwei sogenannte Akicitas sorgen für Ruhe und Ordnung. Wer das Lager unerlaubt betritt, wird weggeschickt.Das dürfte dem einen oder anderen Anwohner so gegangen sein. Natürlich erregte allein der Aufbau der knapp 400 Tipis mit den etwa 14.000 Holzstangen Aufsehen. Abend für Abend kamen viele Neugierige, um vom Feldweg aus zu schauen, was die Indianer da treiben. "Ja, für die Öffentlichkeit ist das interessant", sagt Wilken. "Aber es ist eine reine Privatveranstaltung und auch als solche angemeldet." Keine Öffentlichkeit, keine Presse, keine Aufmerksamkeit. Man wolle unter sich bleiben, keinen Ärger haben und sich nicht streiten mit Personen, die sich mit dem Indianerkult nicht auskennen, "und einfach alles anfassen", sagt Wilken. "Manche von uns sehen Dinge als heilige Insignien. Da ist der Ärger vorprogrammiert." Er habe schon sehr schlechte Erfahrungen mit gewaltbereiten Gruppen gemacht und wolle keine Menschen auf den Plan rufen, die "uns für Spinner halten" und hier rumpoltern, sagt er. Dazu komme, dass sie das Lager nicht mehr unter Kontrolle hätten, wenn es für jedermann geöffnet werde. "Dann brauchen wir Polizei und das wollen wir einfach nicht." Dabei wollen sie sich den Einwohnern gegenüber nicht verschließen, gehen im Dorf einkaufen, im Teich baden, kommen ins Gespräch - und haben auf Nachfrage der "Freien Presse" dann ausnahmsweise doch Einblick gewährt.

Dass sich die rund 1000 Indianerfans ausgerechnet im Erzgebirge trafen, liegt an Peter und Petra. Sie leben in Großhartmannsdorf und gehören einem Indianerverein an. "Vor zwei Jahren hatten wir noch keine Wiese für die Week 2019 gefunden. Da haben wir diese Fläche vorgeschlagen", erzählt Petra. Ein Jahr lang hat sie mit ihrem Mann Vorbereitungen getroffen, Genehmigungen von Ämtern für Ordnung, Forst, Umwelt und Gesundheit eingeholt, die insgesamt rund 19 Hektar große Fläche für das Lager reserviert, einen hiesigen Bäcker, Fleischer und Getränkelieferanten ins Boot geholt, Miettoiletten, Trinkwasserrohre und Abwasserbehälter organisiert. "Die Zusammenarbeit hat hervorragend geklappt", betont sie und dankt den Nachbarn. "Wir sind ganz normale Leute, gehen arbeiten, zahlen Steuern. Andere fahren nach Sizilien in den Urlaub, wir fahren zur Week und leben eine Woche lang mit den einfachsten Sachen."

Bürgermeister Werner Schubert (CDU) war von Anfang an informiert; die Gemeinde hat die Rahmenbedingungen geschaffen. "Dass Indianer im Lendenschurz bei Norma einkaufen, ist schon außergewöhnlich", sagt er. Das Camp sei "eine tolle Sache und eine Bereicherung für die Gemeinde", aber eben kein Event für die Öffentlichkeit.

Lendenschurz, bunte Gewänder, Schmuck aus Perlen und Federn: Auf der Week lassen Straßenarbeiter, Lehrer, Anwälte und andere ihren "normalen" Alltag hinter sich. Sie tanzen indianische Tänze, rauchen Pfeife, sitzen am Feuer, schießen mit Pfeil und Bogen und organisieren Workshops zum Töpfern, Gerben oder Patchworken. "Es ist nicht der Reiz des Exotischen, der uns zusammenbringt", meint Silke Braunert. Sie ist Lehrerin, seit 1988 dabei und Wilkens Stellvertreterin. "Es geht um Entschleunigung. Die Schnelllebigkeit unseres Alltags soll ausgeschlossen werden", sagt sie. Deshalb gibt es im Tipi eben keinen Wasserkocher und keine Kaffeemaschine.

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