Ein Krater, der für Freude sorgt

Vor dem Haus von Familie Wagenbreth in Falkenberg ist ein alter Stollen eingebrochen. Für den Grundstücksbesitzer ist das ein Glücksfall.

Halsbrücke.

Neun Quadratmeter weit und mehr als zehn Meter tief ist das Loch in Bernhard Wagenbreths Vorgarten. Ein Kran steht daneben, zieht Schutt heraus und lässt Baumaschinen hinab. Tag für Tag geht das so, schon seit Beginn des Sommers. Auf dem Grundstück der Wagenbreths im Halsbrücker Ortsteil Falkenberg hat sich ein Tagesbruch aufgetan - ein eingebrochener Stollen, der nun gesichert werden muss. In Sachsen keine Seltenheit: Allein in diesem Jahr sind nach Angaben des Oberbergamts sachsenweit 108 Schadensmeldungen eingegangen.

Bei manch anderem Grundstücksbesitzer würden angesichts eines solchen Kraters vor der Haustür wohl die Nerven blank liegen. Nicht so bei Bernhard Wagenbreth: "Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen, die sich über einen Tagesbruch freuen", sagt er. Denn die große Leidenschaft des 56-Jährigen ist ausgerechnet die Bergbaugeschichte. "Ich bin sozusagen familiär vorbelastet", erklärt er, denn sein Vater sei Bergbauhistoriker von Beruf gewesen. "Von Kindesbeinen an war mir klar, dass neben dem oberirdischen Straßennetz in Freiberg auch unten noch ein ähnliches Wegenetz existiert." Seit 25 Jahren engagiere er sich als Grubenführer im Freiberger Silberbergwerk. Gelegentlich sei er zudem mit Wissenschaftlern im Forschungsbergwerk unterwegs. An der Bibliothek der Bergakademie arbeitet der studierte Geophysiker als Fachreferent für Geotechnik, Bergbau und Markscheidekunde.


Aus diesem Grund habe ihn der Tagesbruch auch nicht gänzlich kalt erwischt: "Ich wusste ja, dass hier ein Bergwerk drunter ist." Beim Freiberger Bergarchiv hatte er sich bereits vor Jahren die Grubenrisse besorgt. "Insofern war das fachlich keine Überraschung. Aber dass es nun gerade in den Jahren passiert, in denen ich hier lebe, ist schon interessant", sagt er. Auch die Nachbarn hätten amüsiert reagiert, als sich der Tagesbruch im Frühjahr des vergangenen Jahres ausgerechnet auf seinem Grundstück auftat. Etwa vier Quadratmeter groß und knapp zwei Meter tief sei das Loch damals gewesen, erinnert sich Wagenbreth. Kurz nachdem er den Bruch entdeckt hatte, informierte er das Sächsische Oberbergamt, das die Stelle zunächst mit einem Zaun gesichert habe. Danach passierte etwa ein Jahr lang nicht viel. Seit Juni graben sich nun die Bauarbeiter direkt vor dem Haus der Wagenbreths Stück für Stück in die Tiefe und sichern die Umgebung. "Geplant ist zunächst das Fortsetzen der Teufarbeiten, gegebenenfalls bis zum Niveau des dort vermuteten Stollens", sagt Bernhard Cramer, Chef des Oberbergamts. Wann die Arbeiten beendet sein werden, sei noch nicht absehbar. Die Kosten für die Sanierung - bislang rund 120.000 Euro - trägt der Freistaat.

"Vor Hunderten von Jahren haben hier in der Gegend viele Bauern nebenbei Bergbau betrieben", erzählt Wagenbreth. "Die hatten im Winter ein bisschen Zeit und haben es auf gut Glück probiert." Der Erfolg sei zwar eher mäßig gewesen. "Aber deswegen gibt es hier auf den ganzen Dörfern unzählige Probier- und Schürfstollen." Es sei bekannt, dass in Falkenberg schon im 16. Jahrhundert Bergbau betrieben wurde, bestätigt Oberberghauptmann Cramer. Der "Wegweiser Stollen", einst Teil der König-August-Fundgrube, verlaufe unter der Ortslage.

Unmittelbar nach der Wende hatten die Wagenbreths hier das fast 300 Jahre alte Haus mit dem zugehörigen Grundstück erworben und es so vor dem Abriss bewahrt. Mehr als zehn Jahre investierte die Familie in Umbau und Sanierung. Im ehemaligen Kuhstall, ausgebaut zum Veranstaltungsraum, finden heute regelmäßig Konzerte statt.

Wenn es nach Bernhard Wagenbreth geht, könnte es bald noch eine zweite Attraktion auf seinem Anwesen geben: Normalerweise würden Tagesbrüche mit Beton gefüllt, sagt er. "Aber wenn etwas wirklich schönes Historisches zu Tage treten sollte, hätte ich ein Interesse dran, dass das nicht für alle Ewigkeit zubetoniert wird." Er würde sich freuen, wenn der Stollen unter seinem Grundstück in einem solchen Fall mit einem Revisionsschacht zugänglich gemacht würde.

Vorerst muss ihn Oberberghauptmann Cramer jedoch enttäuschen: Bei den Arbeiten sei bislang nichts von historischem Interesse gefunden worden.

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