Ein neuer Clou in der Pflege

Schüler frühzeitig für den Pflegeberuf zu begeistern, bringt in etwa fünf Jahren Fachkräfte in Kliniken und Pflegeeinrichtungen. So die Idee eines Pilotprojektes. 22 Brand-Erbisdorfer Schüler machen mit.

Brand-Erbisdorf.

Was macht eigentlich ein Pflegefachmann oder eine Pflegefachfrau? Wie gehen sie mit neugeborenen Menschen um? Wie mit hochbetagten? Was erwartet einen Azubi?

Die Pflegebranche buhlt um motivierte Fachkräfte. Um bereits bei Acht- und Neuntklässlern Interesse für den Pflegeberuf zu wecken, ist in Mittelsachsen das Pilotprojekt "Care 4 Future" gestartet worden. 50 Schüler der Oberschule Brand-Erbisdorf hatten sich im Rahmen der schulischen Berufsvorbereitung um die Teilnahme beworben, 22 Schüler machen mit. Bis Juli 2020 besuchen die Acht- und Neuntklässler alle zwei Wochen eine Einrichtung. Mit im Boot sitzen neben Landratsamt die Berufsfachschule für Altenpflege und Pflegehilfe in Brand-Erbisdorf, die Kreisverbände von AWO und DRK, die Seniorenheime Freiberg und das Freiberger Kreiskrankenhaus. Am gestrigen Dienstag schauten sie sich beispielsweise ein Pflegezimmer im Krankenhaus an. In den Seniorenheimen geht es demnächst um Ernährung im Alter, beim DRK nehmen sie Einblick in die Kurzzeitpflege, an der Berufsfachschule lernen sie verschiedene Krankheitsbilder kennen und im Krankenhaus erfahren sie, was bei der Hygiene zu beachten ist.

Der Altersdurchschnitt der Menschen im Heim liegt bei 83 Jahren, sagte Tobias Schnecke, Heimleiter im Johannishof in Freiberg, bei der Auftaktveranstaltung des Projektes. Um sich in deren Lage hineinfühlen zu können, hatten sich die Schüler einen Alterssimulationsanzug, bestehend aus einer schweren Weste, Gewichten an den Fußfesseln, Handschuhen sowie einem Gehörschutz und einer Brille, übergezogen. Auch ein Rollstuhlparcours war aufgebaut. "Fünf Minuten fahren ist meist kein Problem, aber den ganzen Tag dann schon", sagt Simone Röstel am DRK-Stand. Am Stand von Sabine Hesse, Pflegedirektorin im Krankenhaus, konnten die Schüler unter Schwarzlicht testen, wie gut sie zuvor ihre Hände desinfiziert hatten. Azubis erklärten dabei das A und O beim Desinfizieren. "Wir hoffen, dass sich die jungen Leute am Ende bei uns bewerben", benennt Hesse klar die Zielstellung. Kürzlich hätten acht Azubis im dritten Lehrjahr Interesse signalisiert, eine Anstellung am Krankenhaus annehmen zu wollen, sagt Hesse zufrieden. Im September haben 12 neue Azubis angefangen, im Frühjahr kommen sechs hinzu, sagt sie.

Ab Januar 2020 wird der Pflegeberuf vereinheitlicht. Die derzeit getrennten Ausbildungen Altenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege sowie Gesundheits- und Kinderkrankenpflege werden in einer generalistischen Berufsausbildung zur Pflegefachfrau und zum Pflegefachmann zusammengeführt.

Auch das DRK hat große Erwartungen in das Pilotprojekt: Jedes Jahr werden bis zu sieben Azubis allein in der Pflege ausgebildet. "Wir teilen uns das Feld mit großer Konkurrenz, ambulant und stationär", sagt Simone Röstel. Deshalb sieht sie das Projekt als gute Chance, das DRK als Arbeitgeber bei jungen Leuten ins Spiel zu bringen. Wenn die Jugendlichen nach einem Schuljahr viele Einblicke erhalten haben, können sie entscheiden, was ihnen liegt.


Was jungen Menschen an der Pflege gefällt

Maxie Walther, 14, ist sehr angetan von dem Projekt. "Ich bin begeistert von älteren Menschen, sie betreuen und mit ihnen spielen zu können", erzählt sie. Zwei Praktika hat sie bereits im Haus Johannishof in Freiberg gemacht. "In Zukunft will ich gern etwas mit älteren Menschen arbeiten." Von der Teilnahme am Projekt erhofft sie sich, eine gute Grundlage für die künftige Bewerbung zu schaffen.


Nina Engelhardt, 14, weiß schon, dass sie beruflich mit Menschen arbeiten will. Auch sie hat bereits mehrere Praktika absolviert, darunter in einer Kindertagesstätte, in einer Tagespflege für Demenzkranke und in den Freiberger Werkstätten für behinderte Menschen. "Es macht Spaß, lenkt vom Schulalltag ab und man kriegt so viel zurück", sagt sie. Jetzt will sie sich den Pflegeberuf genauer anschauen.


Julia Vollstädt, 15, interessiert sich für die medizinische Richtung. An dem Pflegeprojekt findet sie gut, dass man beim Deutschen Roten Kreuz gleich einen Erste Hilfe-Kurs absolvieren kann, "das ist einfach wichtig", sagt sie. Mehrere Praktika hat sie schon gemacht, zuletzt im Freiberger Kreiskrankenhaus. Dort habe sie vieles kennengelernt und verschiedene Eindrücke gesammelt.


Marvin Siebert, 16, ist der einzige männliche Teilnehmer. "Das Thema interessiert mich einfach", sagt er. Seine Schwester arbeite in der Pflege, daher habe er schon viel gehört. Bei der Auftaktveranstaltung hat er sich ausprobiert und zum Beispiel eine weinende Babypuppe gewickelt und einen Alterssimulationsanzug getragen. "Altenpflege würde mir besser gefallen als Kinderpflege", sagt er. (cor)

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...