Ein Tanker auf hoher See

Mitten in Sachsen: Was Mittelsachsen über ihren Landkreis sagen, der vor zehn Jahren gegründet worden ist. Heute: Volker Uhlig (CDU), ehemaliger Landrat.

Freiberg.

An diesem sonnigen Vormittag ist Volker Uhlig (CDU), Landrat a. D., nicht mit seinem Terrier Petja auf den Wiesen und in den Wäldern rund um seinen Wohnort Bobritzsch unterwegs. Vielmehr sitzt er im Sitzungsraum des Landrates in der Freiberger Kreisbehörde - wo es um die Festschrift zu 10Jahre Landkreis Mittelsachsen geht. Seit drei Jahren ist er nicht mehr im Amt. Eigentlich ist es wie früher, nur dass Uhlig einen anderen Platz eingenommen hat. An der Stirnseite sitzt jetzt sein Nachfolger, der Mittweidaer Matthias Damm (CDU). Nach der Festschrift-Beratung hat Ruheständler Uhlig gleich noch das Gespräch mit der "Freien Presse" eingetaktet. Ein Terminkalender fast wie zu Landrat-Zeiten.

Volker Uhlig lächelt spitzbübisch, als er sich gegen den Stuhl des Landrates entscheidet. "Ich setze mich nicht auf den Stuhl, für den ich kein Geld mehr bekomme", sagt er und zeigt beim Lachen seine Zähne. Doch dann wird er sofort ernst. Schließlich geht es um eine Bilanz zum zehnjährigen Bestehen des Landkreises Mittelsachsen. Uhlig formuliert die Sätze bedächtig, als er sagt: "Aus heutiger Sicht war die Kreisreform nicht unbedingt von der Bevölkerung gewollt - und von den Landräten auch nicht. Es war eine politische Entscheidung in Dresden getroffen worden, und wir hatten sie umzusetzen."

Der Landkreis Mittelsachsen entstand zum 1. August 2008 aus den Landkreisen Döbeln, Freiberg und Mittweida. In dem Flächenkreis, der fast so groß wie das Saarland ist, wurden als Teile des Erzgebirges und des Chemnitzer Umlandes ebenso (zwangs-)vereinigt wie der Mittweidaer und Rochlitzer Raum und Teile des Leipziger Vorlandes. Die Unterschiede schienen zu überwiegen, das Interesse an der jeweils anderen Region war eher gering. Das sieht auch Uhlig so. "Aber mit genügendem Zeitabstand kann ich sagen: Das Zusammenfügen ist sehr geordnet verlaufen, obwohl es so etwas in dieser Dimension noch nie gab. Und es ist wieder eine funktionierende Einheit entstanden", sagt er.

Volker Uhlig mag bildhafte Vergleiche. Den neu gebildeten Kreis verglich er oft mit einemSupertanker. Auch diesmal sagt er: "Je größer ein Schiff ist, umso stabiler ist es auf hoher See, aber umso schlechter lässt es sich manövrieren. Wenn das Kommando zur Kurskorrektur kommt, kann man es nicht gleich korrigieren, sondern macht erstmal eine kilometerlange Schleife."

Im Nachhinein hätte er die eine oder andere Sache anders gemacht, räumt Uhlig ein. Aber da gehe es meist um Verwaltungsdinge, konkrete Beispiele nennt er auf Nachfrage nicht. Die riskante Zinswette aus dem Altkreis Mittweida hätte Mittelsachsen Millionen Euro kosten können, doch der Kreis sei beim Zinsswap nach einem gerichtlichen Marathon "mit einem blauen Auge davon gekommen", so Uhlig. Das Problem hatte der neue Kreis "geerbt". Uhlig sagt: "Mitunter sind wir um Haaresbreite an ähnlichen Entscheidungen vorbeigeschrammt."

Beim finanziell gebeutelten Mittweidaer Krankenhaus LMK sei er froh, "dass es die jetzige Lösung gibt". Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU) sagte im April 15 Millionen Euro Unterstützung für die kreiseigene LMK zu. Das Geld soll für die Weiterentwicklung der Klinik in Mittweida und den Aufbau eines Pflege- und Gesundheitszentrums in Rochlitz eingesetzt werden. "Es ist zu einem guten Ende gekommen", so Uhlig und holt tief Luft: "Das Ganze kostete alle Seiten viel Kraft: den Frankenberger, der für das Krankenhaus demonstrierte, aber auch den Landrat, der die verdichtete Verantwortung trägt." Uhlig war damals persönlichen Angriffen ausgesetzt. Noch heute ist ihm der Gram darüber anzumerken.

Schmunzeln kann er jetzt hingegen über die emotionale Nummernschild-Debatte - wie selbst die glühenden Verfechter der Kfz-Kennzeichen FG, Benjamin Karabinski (FDP), und MSN, Rocco Werner. "Wir mussten uns ja damals für eine Buchstabenkombination entscheiden", so Uhlig. "Dann genügte ein Federstreich, und es gab wieder mehr Kennzeichen, und alle waren zufrieden. Die große Politik hätte es uns einfacher machen können."

Der Freistaat wollte einst mit der Kreisreform Personal einsparen. Das gelang nur ansatzweise. 2009 wies der Stellenplan laut Landratsamt 1708 Vollzeitstellen aus, derzeit sind es 1504. Uhlig: "Es gab sicher Einsparmöglichkeiten. Aber die sind beispielsweise durch das EU-Recht und die damit verbundenen Aufgaben der Kreisbehörde, mehr als aufgefressen worden."

In Uhligs Amtszeit wurden Hartz-IV-Behörden, die Bus- und Abfallgesellschaften zusammengeführt. Und es wurden die Weichen für die Unterbringung von Asylsuchenden in Mittelsachsen gestellt. Doch die Flüchtlingswelle mit wöchentlich bis zu 250Neuankömmlingen Ende 2015 traf seinen Nachfolger Damm. Uhlig sagt: "Hut ab davor, wie dieses Problem im Landkreis angegangen worden ist."

Gleichwohl verstehe er die Verwunderung vieler Bürger darüber, dass für die Flüchtlinge plötzlich jede Menge Geld da war. Als Landrat habe er ähnliche Situationen jedoch bereits zweimal zuvor erlebt: nach dem Augusthochwasser 2002 und nach der Juniflut 2013. "Ich habe aber den Bürgermeistern und anderen Kommunalpolitikern stets gesagt: Auch wenn es Geld ohne Ende zu geben scheint, achtet auf ein haushaltsmäßiges Gleichgewicht. Sonst kommt es als Bumerang zurück." Uhlig sieht die Asylsituation kritisch. Wenn er das Wort Integration höre, denke er auch daran, dass ein gleiches Rentenniveau in Ost- und Westdeutschland erst 2025 erreicht werden soll. "Und das betrifft Menschen, die hier geboren worden sind", so der Altlandrat.

Am Ende des Gespräches bemüht Volker Uhlig wieder das Bild des Tankers auf hoher See. "Wir sind als Landkreis nicht untergegangen, wir haben uns behauptet. Und alle ziehen mit - ob Pförtner oder Landrat. Denn es ist ein Mannschaftsspiel."

Alle in dieser Reihe erschienenen Beiträge finden Sie im Internet: www.freiepresse.de/misa


Biografisches

Volker Uhlig wurde 1949 in Lichtenberg geboren. Er hat eine Tochter und einen Sohn und ist in zweiter Ehe mit Christine Putzler-Uhlig, einst 1. Kreisbeigeordnete in Freibergund jetzt Geschäftsführerin des kommunalen Arbeitgeberverbandes, verheiratet.

Der gelernte Metallhüttenfacharbeiter, Traktorenschlosser und Meister für Landtechnik absolvierte ein berufsbegleitendes Studium zum Diplomverwaltungswirt. Von 1983 bis 2001 war er Bürgermeister von Lichtenberg. 1989 trat er aus der SED aus. Seit 1994 gehörte er dem Kreisvorstand der Freie Wähler-Vereinigung Allianz Unabhängiger Wähler an. 1999 wurde er in den Kreistag des Kreises Freiberg gewählt. Von 2001 bis 2008 war er Landrat des Kreises Freiberg. 2007 trat er in die CDU ein. Seit 1. August 2008 war er Landrat des neuen Landkreises Mittelsachsen. 2015 schied er aus seinem Amt aus.

Heute steht Uhligder Münch-Stiftung für die Pflege behinderter Menschen vor und führt die Welterbekommission an, die die Montanregion Erzgebirge in die Unesco-Analen führen will. (hh)

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