Einen Weg aus der Krise gefunden

Es gibt immer weniger Bäcker in Mittelsachsen. 57 Betriebe haben seit der Wende 1990 geschlossen. Ähnlich ist die Situation bei den Fleischern. Steffi Gehmlich aus Neuhausen führt den Betrieb ihres Vaters seit 17 Jahren. Doch eine Auszeit gab es auch.

Neuhausen.

Der Gehmlich-Bäcker ist in Neuhausen eine feste Institution. Während Vater Heinz den Betrieb 1963 übernahm, stieg Tochter Steffi, die in Marienberg und Großrückerswalde das Bäckerei- und Konditorenhandwerk erlernte, 1986 in das Geschäft ein. "Erst arbeitet ich als Konditorin und half in der Backstube mit aus. 2003 habe ich das Geschäft meines Vaters dann übernommen", sagt die 54-Jährige, die mit ihrem Lebensgefährten den Betrieb führt. Während Peter Goldberg der Mann am Backofen ist und vor allem für Brot- und Brötchenteig verantwortlich zeichnet, kümmert sich Partnerin Steffi Gehmlich um die Feinbackwaren.

In der Vorweihnachtszeit steigt das Arbeitspensum kräftig. Das ginge schon manchmal ans Limit, gesteht Steffi Gehmlich. Aber man sehe, was man geschafft hat und wofür man arbeitet, fügt sie an. Wenn die Kunden ihre Erzeugnisse loben, sei das besonders schön. "Wir backen gesund", betont die Geschäftsfrau: "Wir arbeiten ausschließlich mit eigenem Natursauerteig und versuchen, wo es möglich ist, den Zuckergehalt der Backwaren zu reduzieren." Besonderes Augenmerk lege man auf Vollkornbrot und Brötchen, wofür Biovollkornmehl und Biogetreide aus der Region verwendet werden, erzählt Steffi Gehmlich.

Verkäuferin Simone Kolbe kann bestätigen, dass dies einem Großteil der Kundenwünsche entspricht. "Zudem sei der kurze Weg von der Backstube in den Laden für die Kunden ein wichtiges Kriterium.

Technisch brachte Heinz Gehmlich die Bäckerei in all den Jahren stets auf den neusten Stand. Das wäre zu DDR-Zeiten gar nicht so einfach gewesen. "Den ersten großen Umbau gab es 1971, Anfang der 90er-Jahre wurde das Geschäft überholt, ein Backofen mit Ölheizung eingebaut und neue Maschinen angeschafft", erinnert sich Heinz Gehmlich: "Lediglich die Knetmaschine haben wir stehen lassen, auf ihre Qualität schwören wir bis heute", fügt er an.

"Ich bin schon als Kind zum Gehmlich-Bäcker für unsere Familie einkaufen gegangen. Nun, mit 53 bringe ich immer noch oder wieder für meine Eltern die Backwaren mit", erzählt Undine Weise. Es sei unglaublich, was Gehmlichs in den kleinen Räumen für eine Vielfalt an Produkten herstellten. Während sie Vollkornerzeugnisse favorisiere, schätzten ihre Eltern Mischbrot, Grießkuchen und Eierschecke, verrät die Neuhausenerin.

Reibungslos lief der Betrieb auch bei Steffi Gehmlich nicht. Vor zehn Jahren trennte sich ihr damaliger Lebensgefährte, der Bäckermeister mit dem sie zusammen das Geschäft führte, aus beruflichen Gründen von ihr. Mit ihrem Vater und den langjährigen Mitarbeitern machte sie trotzdem weiter. Als vor fünf Jahren die Gesellen ausfielen, hätte Vater Heinz weiter arbeiten müssen, was aber längerfristig wegen seines Alters keine Lösung war. "Wir waren an einem Punkt angekommen, an dem es so nicht weitergehen konnte", erinnert sich Steffi Gehmlich. Da auch kein Personal zu bekommen war, habe sich die Familie 2017 schweren Herzens entschlossen, die Bäckerei zu schließen - "zumal ich gesundheitlich angeschlagen war", erzählt die Geschäftsfrau. In einem Jahr der Ruhe hätte sie das machen können, wozu sie in all den Jahren zuvor nicht gekommen war. "Und was auch der Regenerierung des Körpers gut tat", erzählt sie. Ihr neuer Partner Peter Goldberg, der mit dem Backen Erfahrung hatte, sei dann in ihr Geschäft eingestiegen. Zudem kehrte auch ihre treue Verkäuferin Simone Kolbe zurück, sodass Steffi Gehmlich 2018 nach weiteren Umbauarbeiten ihr Geschäft wieder öffnen konnte. Auch die Kunden aus und um Neuhausen hielten zur Stange und kauften wieder beim Gehmlich-Bäcker ein.

Aus dieser Unterbrechung habe sie jedoch auch gelernt, betont Steffi Gehmlich. So ist die Bäckerei nur noch von Mittwoch bis Sonnabend geöffnet.

"Mein Vater hat mir in all den Jahren viele Tricks gezeigt. Zudem stehen mir jetzt noch meine Eltern jederzeit zur Seite, wenn Not am Mann ist. Auf sie kann ich mich verlassen", möchte sie nicht unerwähnt lassen. Wenn es die Gesundheit erlaubt, wollen Steffi Gehmlich und ihr Partner die Bäckerei noch zehn Jahre lang weiterführen. Was danach kommt, stehe in den Sternen. "Die drei Kinder haben beruflich ihre eigenen Wege gefunden."

In loser Folge stellt "Freie Presse" in nächster Zeit Bäcker und Fleischer aus Mittelsachsen vor.


Der Nachwuchs fehlt

Die Anzahl der Bäcker in Mittelsachsen ist kontinuierlich gesunken. Gab es 1990 noch 131 Betriebe, waren es im Jahr 2000 nur noch 112, 2010 noch 107, und per 30. September 2020 sind es 74. Die Handwerkskammer Chemnitz sieht Gründe für diesen Trend unter anderem im fehlenden Nachwuchs in den Betrieben - vor allem auf dem

Land. Aufgrund des demografischen Wandels sei zudem die Nachfrage in ländlichen Regionen gesunken, Discounter würden vielfach die Versorgung mit Backwaren übernehmen, so Pressereferentin Romy Weisbach. (gel)

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