Einer, der das Ohr nah am Bürger hat

Mitten in Sachsen: Was Mittelsachsen über ihren Landkreis sagen, der vor zehn Jahren gegründet worden ist. Heute: Jörn Mittenzwei, ehemaliger Personalchef bei Wacker Siltronic in Freiberg.

Langenstriegis/Freiberg.

Jörn Mittenzwei, ehemals langjähriger Personalleiter bei der Freiberger Firma Wacker Siltronic und jetzt stellvertretender Ortsvorsteher im Frankenberger Ortsteil Langenstriegis, nimmt kein Blatt vor den Mund. Den Landkreis nennt er ein Konstrukt. "Ich finde ihn misslungen, eigentlich in jeder Beziehung", sagt er. "Hier wurden Gemeindestrukturen vernachlässigt und Zugehörigkeiten ignoriert."

Bestes Beispiel seien die Autokennzeichen. "Unmittelbar nach der Freigabe der alten Kennzeichen haben sich die Leute ihr HC, DL oder RL zurückgeholt, und das nicht nur bei Neuanmeldungen." Für ihn kein Wunder: "Die Rochlitzer fühlen sich nicht mit Freiberg verbunden, sondern eher mit dem Leipziger Land."

Auch die Verwaltungsstruktur habe für ihn nicht gehalten, was sie versprochen habe. "Es fehlen die Verkehrsinfrastruktur, die öffentlichen Nahverkehrsverbindungen". Dabei spricht er vor allem die längeren Wege in die Behörden an. "Die Verwaltung ist weg von den Bürgern." Dem Kreis würde es gut anstehen, wenn zumindest mehr behördliche Dinge online erledigt werden könnten. "Aber das haben wir hier einfach nicht im Griff." Zudem spreche nichts dagegen, dezentrale Außenstellen einzurichten. "Diese müssen ja nicht ständig besetzt sein", glaubt Mittenzwei. "Der Arzt kam früher einmal in der Woche ins Dorf. Das ist bei vielen älteren Bürgern immer noch im Kopf."

Als stellvertretender Ortsvorsteher hat der Langenstriegiser das Ohr nah am Bürger - vor allem im ländlichen Raum. "Der Schülertransport ist immer wieder ein Thema bei den Bürgern". Von Langenstriegis bis Frankenberg seien es fünf Kilometer. "Der Bus fährt aber eine Stunde, weil er viele Orte anfahren muss. Unsere Kinder sind die ersten, die einsteigen", sagt Mittenzwei. Seiner Meinung nach bestehe dieses Problem im gesamten Landkreis. Dieser könne zwar nichts dafür, dass viele Landschulen geschlossen wurden. Er wünsche sich dennoch, dass hier bessere Lösungen gefunden werden.

Was aus seiner Sicht aber im Großkreis richtig schief gelaufen sei, sei die Schließung des Frankenberger und Rochlitzer Krankenhauses. "Der Landkreis hat sich auf die Mittweidaer Einrichtung konzentriert". Die Folge: "Patienten aus Frankenberg und Flöha fahren mit dem Zug in die Kliniken nach Chemnitz." Dass sich die Stadt Frankenberg nun aus eigener Kraft ein Gesundheitszentrum schafft, hält er für einen positiven Schritt. Auch, dass sich die Stadt die Poliklinik Chemnitz als Partner gesucht hat. Zum Angebot der kreiseigenen Krankenhausgesellschaft (LMK) zur Gründung eines gemeinsamen Gesundheitszentrums mit Frankenberg schüttelt Mittenzwei nur den Kopf. "Da fällt einem doch nichts mehr ein", sagt er.

Gibt es gar nichts Positives im Kreis? "Trotz aller Probleme funktioniert er", so Mittenzwei. Vorteile für die Bürger sehe er aber nicht. Dann fällt ihm doch etwas Positives ein. "Die Zusammenarbeit unseres Ortschaftsrates mit den Fachabteilungen der Landkreisverwaltung funktioniert gut". Als Beispiele nennt er den Hochwasser- und Naturschutz sowie die Straßenverwaltung.

Fragt man Jörn Mittenzwei nach seinen Visionen für einen bürgerfreundlicheren Kreis, ist die Antwort eindeutig: "Ein kleinerer wäre besser." Er fügt an: "Gefühlsmäßig würde ich sagen, die früheren Landkreise sind bei vielen besser angesehen, weil die Verantwortlichen näher an den Bürgern waren."

Freiberg und das Erzgebirge, Döbeln und der Leipziger Raum hätten zusammen gut funktioniert. "Auch der Altkreis Mittweida lief eigentlich ganz gut".


Zwölf Jahre bei Wacker Siltronic

Jörn Mittenzwei wurde 1943 in Hainichen geboren. Er lernte im damaligen "Albert Funk"- Werk in Freiberg den Beruf des Hauers. Er studierte an der Bergakademie Ingenieurökonomie Bergbau und promovierte 1972. Ab dem Jahr 1973 arbeitete er im damaligen VEB Spurenmetalle Freiberg. 1990 wurde er Personalchef in der Freiberger Firma Elektronikwerkstoffe GmbH. Ab 1994 bis 2006 arbeitete er bei Wacker Siltronic in Freiberg

als Personalleiter. Seit 2006 ist Jörn Mittenzwei im Ruhestand und stellvertretender Ortsvorsteher des Frankenberger Ortsteils Langenstriegis. 1995 war er von Freiberg nach Langenstriegis gezogen. (ug)

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1Kommentare
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  • 1
    0
    Juri
    24.11.2018

    Danke Herr Mittenzwei, dass Sie Dinge die falsch laufen benennen, mit anpacken, nicht locker lassen und nicht gleich zur AfD laufen.



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