"Es war eine klimaneutrale Weltreise"

Liedermacher Stellmäcke über das Programm "Sehnsucht nach DUR", mit dem er am Donnerstag in der Petrikirche Freiberg gastiert

Freiberg.

Zusammen mit Band und der Sängerin Annett Illig ist der Liedermacher Stellmäcke am Donnerstag in der Petrikirche zu Gast. "Sehnsucht nach DUR", heißt das Programm. Was es damit auf sich hat, das fragte Frank Hommel nach.

Freie Presse: Lieber Stellmäcke, "Sehnsucht nach DUR" heißt das aktuelle Programm. Hören wir zurzeit zu viele Moll-Töne?

Stellmäcke: Ehrlich gesagt, als Musiker liebe ich Molltonarten und als kritischer Autor bin ich ohnehin zum Kulturpessimismus verdammt. Die Moll-Akkorde sind ja berechtigt bei den vielen Problemen, die zurzeit ungelöst bleiben. Manfred Krug hat sinngemäß einmal gesagt: "Ein kräftiges Moll bewegt mehr als ein laues Dur." Dennoch bleibt die Sehnsucht nach einer heilen, vollkommenen Welt mit empathischen, glücklichen Menschen und täglich guten Nachrichten - einer Utopie in Dur eben.

Sie spielen am 7. November in der Petrikirche. 30 Jahre Mauerfall sind doch eigentlich Grund zum Feiern. Stattdessen plagen wir uns anscheinend derzeit mit den negativen Nachwirkungen der Einheit herum. Warum ist das so?

Der mehrheitliche Ruf: "Wir sind ein Volk!", hieß ja nichts anderes als: "Wir wollen das auch alles haben!" Jetzt haben wir es.

Das Programm "Sehnsucht nach DUR" beinhaltet viele Lieder aus verschiedenen Ländern, verschiedenen Kontinenten. Ist das bewusst eine Gegenreaktion gegen Selbstbeweihräucherung und Nabelschau?

Bisher habe ich ja vorrangig meine eigenen Lieder gespielt, irgendwann hat es mich dann eben gereizt, einmal tiefer in Inhalte und Formen von Musik und Liedern aus anderen Kulturen einzudringen. Es war eine klimaneutrale Weltreise, bei der ich viel gelernt habe.

Wie haben Sie den November 1989 erlebt - und wie sehen Sie diese Zeit im Nachhinein?

Für eine verständliche Antwort bräuchte es einen Roman. Vielleicht schreibe ich den, wenn meine Zeit auf der Bühne abgelaufen ist. Bei den Bürgerversammlungen in der Petrikirche war ich dabei, als aber die ersten Rufe "Wir sind ein Volk" ertönten, zog ich mich zurück. Heute würde ich sagen: Wir haben durch die schnelle Bereitschaft zur Einvernahme durch die BRD die Chance vertan, mit mehr Selbstbewusstsein aus diesen Umbrüchen hervorzugehen.

Gibt es in "Sehnsucht nach DUR" Anklang an diese Zeit?

Als ich neulich Flyer für ein Konzert verteilte und in einer Bäckerei fragte, ob ich sie auslegen dürfe, sagte die Verkäuferin: "Sehnsucht nach DDR? Die haben wir hier auch." Es ist ja paradox, dass meist diejenigen, die damals am lautesten nach der schnellen Einheit gerufen haben, sich jetzt nach der DDR zurücksehnen. Aber eigentlich ist es ja in der Geschichte immer so, dass es am Ende keiner gewesen sein will. Bezüge zu den Umbrüchen 1989 bieten wir in dem Programm schon, aber eben auf eine poetische Weise. Eigentlich hatte ich gar nicht vor, ein explizit politisches Programm zu machen. Ich wollte diese Lieder erforschen und nachspielen. Dann aber kamen Szenen und Bilder aus Chemnitz, die es mir unmöglich machten, darauf nicht Bezug zu nehmen.

Wie kam es eigentlich zur Zusammenarbeit mit Annett Illig?

Annett und ich, wir kennen uns schon seit vielen Jahren. Und die Idee, etwas gemeinsam zu versuchen, flammte immer mal wieder bei einem sommerlichen Lagerfeuer auf. Allerdings wusste ich nicht recht, wie wir die unterschiedlichen Stile, das Klassische und das Chanson, miteinander vereinbaren könnten. Irgendwann kam ich darauf, dass es mit einem Weihnachtsprogramm funktionieren kann, und das haben wir dann 2014 zum ersten Mal mit großem Erfolg gespielt. Auch in der kommenden Adventszeit werden wir mit dem Programm "Wie soll ich dich empfangen" wieder an verschiedenen Orten im Erzgebirge zu hören sein.

Wie haben Sie die Lieder gefunden, ausgewählt, für tauglich befunden?

Es sind meist Lieder, die mich schon seit Jahrzehnten begleiten und beeinflussen. Ich habe die Lieder übersetzt oder habe von Freunden und Bekannten Übersetzungen machen lassen. So konnte ich prüfen, ob sich aus dem Inhalt eine für mich heute noch relevante Aussage ergibt. Die Inhalte habe ich dann entweder nachempfunden oder manchmal auch eigene Gedanken hinzugefügt. Die französische Gruppe Bratsch ist nach wie vor meine Lieblingsband. Leider spielen die alten Herren nicht mehr zusammen. Auch das war ein Grund, mir zwei ihrer Lieder vorzunehmen. Mit Michele Bernard aus Lyon habe ich mit meinen Musikern mehrere gemeinsame Konzerte machen dürfen. Sie ist eine sehr beeindruckende kleine Frau mit einer großen Stimme und wunderbaren Chansons. Auch von ihr sind zwei Lieder im Programm. Annett hat einige Lieder eingebracht, zu denen sie eine besondere Beziehung hat und die ihrer Stimme besonders entsprechen.

Welches liegt dir ganz besonders am Herzen - und warum?

Die Musik von "Solo le pido a Dios" des Argentiniers Leon Gieco hat mich beim "Festival des politischen Liedes" 1987 in Berlin schwer getroffen. Den Text habe ich mir damals von einem chilenischen Kommilitonen übersetzen lassen. Er hat mir im Wohnheim "Gustav Sobottka" auch die Aussprache beigebracht, damit ich es singen kann. Es ist ein Lied gegen Krieg und Gewalt.

Steckt in so einem Programm trotzdem ein Stück Erzgebirge - oder nicht?

Wenn sich das Erzgebirge als Teil dieser Welt betrachtet, dann kommt es auch vor. Ich spiele zwei Konzertinas, die eine wurde in Olbernhau gebaut, die andere um 1900 in Chemnitz. Außerdem spielen wir auch ein Lied mit dem Titel "Hinterm Mond". Smiley.

Sie kommen aus Sachsen-Anhalt, leben aber schon 30 Jahre im Erzgebirge. Bezeichnen Sie es inzwischen als Heimat?

Was sind schon 30 Jahre in der Geschichte dieser Bruchscholle? Auf meinem Grabstein wird sicher einst stehen: "Hier ruht ä Uhiesscher" (Unhiesiger). In meinen Konzerten weise ich fast immer darauf hin, dass ich aus dem Erzgebirge komme. Die Reaktion ist meist: "Ja, ich war auch schon mal in Seiffen!" Tatsächlich fühle mich wohl hier, habe viele Freunde und gute Arbeitsbedingungen. Ob das so bleibt, wird natürlich auch von der weiteren politischen Entwicklung abhängen.

Konzert Annett Illig und Stellmäcke mit Band spielen am Donnerstag, 20 Uhr ihr Programm "Sehnsucht nach DUR" in der Petrikirche Freiberg. Karten im Vorverkauf gibt es im Taschenbuchladen, Burgstraße 34.

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