Fast fasten

Hier steht, was wirklich wichtig ist. Heute: Der Verzicht ist verzichtbar.

Freiberg.

Jetzt beginnt sie wieder, die Zeit der guten Vorsätze und anderen Lebenslügen: Die Fastenzeit. Denn am Aschermittwoch ist ja bekanntlich alles vorbei. Jedenfalls in Köln, Mainz und anderen Karnevalshochburgen. Aber die haben dort ja auch keine Ahnung und können noch viel von uns mittleren Sachsen lernen.

Denn bei uns ist am Aschermittwoch keineswegs alles vorbei. Stattdessen steigt sogar der Ministerpräsident noch mal in Penig in die Bütt. Traditionsgemäß befindet sich dort so manche Politprominenz in der Wanne. Nicht etwa, um sich von den Sünden reinzuwaschen. Ist ja kein 10.000-Kubikmeter-Becken. Sondern, um Späße zu treiben. So wurde dieses Jahr der Ernst beerdigt - und zwar von zwei erfahrenen Leichenbestattern: CDU-Kreistagsfraktionschef Jörg Woidniok und Freibergs Oberbürgermeister Sven Krüger (parteilos glücklich). Die beiden wollten auch eigentlich gleich die Große Koalition begraben, aber wegen Krügers Parteiaustritt verschoben sie das zuständigkeitshalber bis zum Jüngsten Gericht.


Büttenreden in der Fastenzeit - natürlich gibt's Schlimmeres. Zum Beispiel Osterfeuer am Karfreitag. Aber lassen wir das. Man muss ja auch nicht fasten. Die Tradition, auf den Überfluss zu verzichten, ist eigentlich überflüssig; der Verzicht ist verzichtbar. Denn viele Zeitgenossen fasten ja ohnehin schon das ganze Jahr über: Sie verzichten auf Lactose, Gluten, Weizen, Kohlenhydrate, rechtsdrehende Milchsäuren oder Suppen, die verkehrt herum gerührt wurden. Manche ernähren sich auch wie in der Steinzeit - nämlich gar nicht. Das nennt man dann Paleo-Ernährung.

Wer braucht denn da noch eine kirchlich verordnete Fastenzeit, wie es sie früher gab? Zumal es sich auch nicht mehr gehört, Biber zu essen. Der Sachse von heute wirft höchstens seine Roster ins Wasser, um zu zeigen, dass sie schwimmen kann und folglich wie dazumal der Biber in der Fastenzeit als Fisch gegessen werden darf. Ohnehin meint hierzulande so mancher, er hätte schon seine Pflicht erfüllt, wenn er nur einmal pro Monat auf Bratwurst verzichtet.

Man kann aber auch anders fasten. In Neuhausen etwa beginnt bald das kollektive Autofasten. Denn bei den Slalomfahrten um die Schlaglöcher in der Staatsstraße sind alle Fahrzeuge kaputt gegangen.

In Helbigsdorf hat das Problem mit dem Asphalt - oder besser gesagt dessen weit verbreiteter Abwesenheit - bereits die Asphalt-Cowboys auf den Plan gerufen. Diese Dorfguerilleros haben einige Löcher bunt markiert - vielleicht in der Hoffnung, dass zufälligerweise doch mal ein Reparaturtrupp vorbeikommt und gleich sieht, wo Not am Mann, äh, Loch ist. Unterdessen hat der Ortsverein Helbigsdorf angefangen, die Löcher in der stiefmütterlich behandelten Straße mit Stiefmütterchen zu bepflanzen. Für den Sommer bieten sich Sonnenblumen an. Dann wären die Löcher auch für die zuständigen Behörden nicht mehr zu übersehen. Bis dahin aber gilt: Wer nicht aufs Auto verzichten kann, muss im schlimmsten Fall auf seine Vorderachse verzichten. Vielleicht bringt ja in sechs Wochen der Osterhase eine neue.

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