Die Freiwillige Feuerwehr Nossen rückt am Samstagabend zu einem Einsatz aus. Was dann passierte? Dazu gibt es verschiedene Schilderungen. Auf Facebook herrscht dicke Luft. Nun soll es ein Gespräch zwischen den Beteiligten geben.
Die Brandkatastrophe von Crans-Montana am Neujahrstag mit 40 Toten und 116 meist schwerverletzten jungen Menschen ist jedem noch frisch in Erinnerung.
Auch den Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr in Nossen (Kreis Meißen) schwebten die Bilder aus der Schweiz noch vor Augen, als sie vergangenes Wochenende zu einem Einsatz ausrückten. Was dann geschah, darüber gehen die Aussagen nun weit auseinander.
Alles beginnt am vergangenen Samstagabend. In der 10.000-Einwohnerstadt läuft die Party-Reihe „Mittelsachsen tanzt“ im Sachsenhof. Um 23.45 Uhr wird die Feuerwehr alarmiert, rückt mit vier Einsatzfahrzeugen und 16 Mann aus. Was die Einsatzkräfte zu dem Zeitpunkt nicht wissen: Auf sie wartet zum Glück kein Szenario wie das in Crans-Montana, sondern ein Fehlalarm. Ausgelöst durch den Diskonebel. „Freie Presse“ berichtete.
Einsatzkräfte „ins Mark getroffen“
Was vor Ort geschieht, schildert die Feuerwehr auf Facebook so: „Als wir ankamen, war dort eine Veranstaltung. Es wurde gefeiert, es war laut, es war voll.“ Dann sei passiert, was „so nie wieder passieren“ dürfe.
Der Veranstaltungsort sei nahezu nicht geräumt gewesen. Vereinzelt hätten Feiernde das Gebäude verlassen, allerdings habe sich ein großer Teil noch im Sachsenhof aufgehalten und wollte nicht raus. „Wir hatten kaum eine Chance, überhaupt zur Brandmeldezentrale durchzukommen, um herauszufinden, welcher Melder ausgelöst hat und ob Gefahr besteht“, heißt es in dem Beitrag weiter.
Und: Statt dass man den Floriansjüngern mit Verständnis oder Unterstützung begegnete, seien diese bepöbelt und provoziert worden. Das habe die Einsatzkräfte „bis ins Mark getroffen“. Sätze wie „Was hast Du mir denn zu sagen?“ seien keine Ausnahme gewesen.
In den Augen der Kameraden nicht nur unangenehm, sondern gefährlich: „Denn während jemand diskutiert, während jemand blockiert, während jemand meint, er müsste die Feuerwehr kleinmachen oder provozieren, verlieren wir Zeit.“ Und diese entscheide über Rauch, Fluchtwege, Panik, Verletzte und im schlimmsten Fall über Leben und Tod.
„Haben wir aus dem Vorfall in der Schweiz in der Silvesternacht nichts gelernt?“, fragt die Feuerwehr. Dort habe man gesehen, wie schnell aus Feiern Ernst werde. „Wenn eine Brandmeldeanlage läuft, gibt es keine Diskussion. Kein ‚Wir schauen erstmal‘. Kein ‚Das wird schon nichts sein‘. Es heißt: raus, Platz machen, arbeiten lassen.“
Besucher und DJ widersprechen Feuerwehr
Heftige Vorwürfe an die Partygäste. Haben die Feiernden wirklich die Arbeiten behindert, die Einsatzkräfte provoziert?
Unter dem Posting gibt es Kritik an dieser Darstellung der Ereignisse. Eine Userin bezeichnet sie als „maßlos übertrieben“, die Bezugnahme auf die Brandkatastrophe in der Schweiz sei unangebracht. Sie habe nicht einen Gast erlebt, der die Einsatzkräfte beleidigte oder sich Anweisungen widersetzte.
Eine andere Frau empfindet den Post der Feuerwehr als „einfach nur lächerlich“. Sie selbst sei vor Ort gewesen. Von einer stressigen Situation könne nicht die Rede sein.
Auch der DJ des Abends meldet sich zu Wort, widerspricht der Feuerwehr: „In dem Moment, in dem die Brandmeldeanlage ausgelöst hat, war bei mir der Strom weg. Keine Musik, kein Licht, keine laufende Veranstaltung.“
Das Einzige, was demnach noch zu hören war: der Meldeton der Brandmeldeanlage. „Von Feiern oder Party kann hier keine Rede sein.“ Und die Gäste im Türbereich? „Viele Gäste standen plötzlich draußen oder im Übergangsbereich ohne Jacken, mitten in der Nacht bei niedrigen Temperaturen. Dass es dabei zu Verzögerungen kommt, ist menschlich und kein Ausdruck von Respektlosigkeit oder dem Versuch, Einsatzkräfte zu behindern.“
Das sagt der Veranstalter
Die Veranstalter von „Mittelsachsen tanzt“ widersprechen den Schilderungen der Einsatzkräfte ebenso. Auch via Facebook.
„Eine allgemeine Verurteilung unserer Gäste entspricht nicht den Gegebenheiten an dem Abend“, heißt es dort. Jedoch: „Sollten Kommentare gegenüber der Feuerwehr gefallen sein, verurteilen wir diese natürlich auf das Schärfste und wünschen, diese Personen auch nicht weiter auf unseren Veranstaltungen zu sehen.“
Aggressiven Stimmung gegenüber den Einsatzkräften bestreiten die Veranstalter. Der Großteil der Besucher habe sich „außerhalb des Gebäudes oder an den entsprechenden Ausgangstüren“ befunden, als die Feuerwehr eintraf. Auch hätten sich die Kameraden im Gebäude frei bewegen können. Zudem sei die Besucherzahl gering gewesen.
Wie schon der DJ notierte, heißt es auch von Veranstalterseite: Die Musik wurde umgehend abgeschaltet, per Durchsage zum Verlassen des Sachsenhofs aufgerufen. Die Security sei prompt mit der Räumung beauftragt worden.
„Außerhalb der sozialen Medien sind wir offen für eine Aufarbeitung des Abends mit allen Verantwortlichen“, zeigt man sich abschließend offen für Gespräche.
Aussage gegen Aussage also. Die „Freie Presse“ fragt bei der Feuerwehr nach und beim Veranstalter. Dieser möchte sich nicht mehr weitergehend äußern. Die Wehrleute verweisen ans Rathaus.
Bürgermeister kündigt Gespräch an
Nossens Bürgermeister Christian Bartusch (SPD) teilt mit, dass er mit mehreren am Einsatz beteiligten Kameraden gesprochen habe. „Aus diesen Gesprächen heraus hat sich gezeigt, dass im Rahmen der Räumung des Sachsenhofs durch Gäste teilweise nicht den Anweisungen der Einsatzkräfte Folge geleistet wurde.“
Bartusch betont, dass dieses Verhalten nicht auf alle Besucher zutreffe. „Aber auch eine Minderheit der Anwesenden kann die Maßnahmen erheblich stören.“ Immerhin komme es bei der Räumung einer Veranstaltungsstätte auf zügige Abläufe an. Diese erforderten, dass „Anweisungen der Einsatzkräfte ohne Widerstände umgehend umgesetzt werden“.
Im Ernstfall bestehe kein Raum für Diskussionen mit den Helfern. „Wer Einsatzkräfte ignoriert, spielt nicht nur mit seiner Gesundheit, sondern gefährdet auch seine Mitmenschen.“ Darauf hätte die Ortsfeuerwehr mit dem Facebook-Post hinweisen wollen.
Wird man den Facebook-Zwist nun vor Ort beilegen, sich mit allen Beteiligten an einen Tisch setzen? Das ist angedacht, wie Rathauschef Bartusch am Telefon bestätigt. „Die weitere Auswertung der Ereignisse wird im persönlichen Gespräch erfolgen, um gemeinsam aus dem Geschehenen zu lernen“, so der SPD-Politiker. Einen konkreten Termin gebe es noch nicht, erst müsse sich die Lage ein wenig beruhigen.
Hunderte Angriffe auf Feuerwehrleute
Übrigens: Es ist bei Weitem nicht das erste Mal, dass Feuerwehrkräfte bei ihrer Arbeit behindert wurden oder auf Aggressionen stießen.
So sind etwa zuletzt in der Silvesternacht in Leipzig Feuerwehrleute im Stadtteil Grünau derart massiv angegriffen worden, dass sie ihren Einsatz unterbrechen und sich zurückziehen mussten. Die herbeigerufene Polizei stellte rund 20 Angreifer. Im Leipziger Süden erlitt ein Feuerwehrmann ein Knalltrauma bei einer Attacke mit Flaschen und Pyrotechnik.
Im Bundeslagebild des Bundeskriminalamts für das Jahr 2024 (veröffentlicht im Dezember 2025) werden deutschlandweit 683 Gewalttaten gegen Feuerwehrkräfte aufgelistet, mit 1012 Opfern. Zum Vergleich: Im Jahr zuvor waren es 687 Angriffe mit 1069 Opfern. (phy)





