Fragen, die das Lebensende regeln

Wenn sich der gesundheitliche Zustand eines pflegebedürftigen Heimbewohners verschlechtert, laufen automatische Rettungsszenarien ab. Doch wenn der Betroffene nicht mehr ins Krankenhaus will? Die Seniorenheime Freiberg halten dafür ab 2020 einen Berater bereit.

Freiberg.

Wenn es um die gesundheitliche Versorgungsplanung zum Lebensende geht, haben pflegebedürftige Menschen in Heimen Anspruch auf ein Beratungsgespräch. "Dafür halten wir ab 1. Januar 2020 einen Mitarbeiter vor", sagt Steffen Köcher, Geschäftsführer der Seniorenheime Freiberg. Man setze damit eine Vereinbarung zum Paragrafen 132g des Sozialgesetzbuchs V um. Laut der Regelung kommt auf 400Heimbewohner ein solcher Berater.

Im Januar beginnt laut Köcher die Ausbildung des Mannes, der aus den Reihen der Pflegekräfte der Einrichtung kommt. Da ab 1. Januar das Angebot aber schon vorhanden sein soll, sind die Seniorenheime eine Kooperation mit dem Palliativnetz Freiberg eingegangen. Auf Honorarbasis wird eine bereits geschulte Fachkraft die Beratung zunächst allein, später gemeinsam mit dem hauseigenen Berater übernehmen.

Beim Palliativnetz Freiberg freut man sich darüber, dass die Seniorenheime das Angebot wahrnehmen. "Wir haben uns schon sehr dafür engagiert, dass die Heime die Regelung umsetzen", sagt Facharzt Michael Ssuschke von der Ärztlichen Leitung. "Leider tun das noch viel zu wenige." Die Seniorenheime seien in Freiberg die einzigen.

Der Hauptgrund dafür, dass diese Beratungen, deren Kosten vollständig von den Krankenkassen übernommen werden, möglich gemacht wurden, liegt in den zumeist völlig unzureichenden Patientenverfügungen, deren Inhalte und Willen meist wenig klar definiert sind. Vordrucke im Internet, die nicht selten genutzt werden, sind laut Michael Ssuschke nicht ausreichend. Im Mittelpunkt der künftigen Beratungen stehe der Wille des Patienten. Dieser werde in mehreren Gesprächen, an denen Angehörige und die jeweiligen niedergelassenen Ärzte beteiligt sind, festgestellt. Die persönlichen Umstände jedes Einzelnen finden dabei Berücksichtigung.

Es sollten nicht jedes Mal, wenn sich der gesundheitliche Zustand des Heimbewohners verschlechtere, automatisch die immer gleichen Rettungsszenarien ablaufen, die meistens bedeuten, dass der Rettungsdienst gerufen und der Patient in ein Krankenhaus gebracht wird. Wenn der Mensch es nicht will und dies vorher rechtssicher festgelegt hat, kann ihm auch im Heim selbst geholfen werden, damit er im gewohnten Umfeld bleibt. "Wenn er aber festlegt, dass er auf jeden Fall ins Krankenhaus will, dann wird ebenso nach seinem Willen verfahren", so Ssuschke.

Die bisherigen Reaktionen von Heimbewohnern seien sehr unterschiedlich. "Viele wollen die Beratung", sagt Ssuschke. "Andere scheuen davor zurück, betrifft es doch in der Regel den Ablauf des Lebensendes." Auch stehe die Frage, wie das Angebot letztlich in die Heimorganisation eingebunden werden kann. Man plane, ein eigenes, regionales Formular zu entwerfen, das rechtsverbindlich ist und von allen Seiten akzeptiert wird.

Rückblickend auf die vergangenen zwei Jahre kann Steffen Köcher von durchaus ambitionierten und erfolgreichen Projekten der Seniorenheime Freiberg berichten. Zum einen entstand die Pflegeoase am Haus "Johannishof" an der Chemnitzer Straße. 1,6 Millionen Euro wurden in dieses innovative Konzept gesteckt, das elf immobilen und dementen Menschen neue Heimstatt ist, in der sie rund um die Uhr betreut werden. Zum anderen wurde 2019 der erste eigene ambulante Pflegedienst eingerichtet. "Gestartet sind wir mit vier Fachkräften und zwei Autos", erzählt Steffen Köcher. "Inzwischen sind es zehn Mitarbeiter und fünf Autos." Im kommenden Jahr wird das Team wohl mit zwei weiteren Kräften verstärkt.


Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase

Durch das Hospiz- und Palliativgesetz von 2015 wurde der Paragraf 132g neu in das Sozialgesetzbuch V aufgenommen. Darin wird es den zugelassenen Pflegeeinrichtungen sowie den Einrichtungen der Eingliederungshilfe für behinderte Menschen ermöglicht, den Versicherten, die in diesen Einrichtungen leben, eine gesundheitliche Versorgungsplanung für ihre letzte Lebensphase anzubieten. Das schließt eine rechtliche Beratung ebenso ein wie die Aufklärung über Hilfen und Angebote der Sterbebegleitung. In einer entsprechenden Vereinbarung vom 13. Dezember 2017 wurden Inhalte und Anforderungen dazu zwischen dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen und den Vereinigungen der Träger der Einrichtungen auf Bundesebene verankert. Zu den 14 Trägern zählen unter anderem die Diakonie Deutschland und das Deutsche Rote Kreuz. (wjo)

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