Freiberg bekommt neue Schatzkammer

Sachsen gilt als das geologisch am besten erkundete Gebiet der Welt. Etwa 1000 Tonnen Bohrkerne, die über Jahrzehnte aus dem Boden geholt wurden, belegen das. Für das steinerne Archiv ist ein Millionen teurer Neubau in Freiberg geplant.

Freiberg.

Die Baracken ähnlichen Gebäude in der Halsbrücker Straße in Freiberg verhindern den Blick auf eine riesige Zelthalle von 1000 Quadratmetern Grundfläche. Nur einmal sorgte sie in den vergangenen Jahren für öffentliches Aufsehen: als das Zelt im Winter 2013 unter der Schneelast einstürzte. Selbst für die Mitarbeiter des hier ansässigen Bereichs Geologie des sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) blieb die Halle danach monatelang gesperrt. Nun sind die Jahre dieses eher unwürdigen Domizils gezählt.

In der Halle sind bis zu acht Meter hoch auf Paletten übereinander Bohrkerne gestapelt. In endlos langen Reihen hinter- und nebeneinander. Es sind Gesteinsproben, die in den vergangenen Jahrzehnten - das Gros zu DDR-Zeiten - bei geologischen Erkundungen aus dem Boden geholt wurden. Alle Paletten sind sorgfältig beschriftet. Die ziemlichjüngsten Proben stammen aus dem Delitzscher Ortsteil Storkwitz, wo eine Tochterfirma der Deutschen Rohstoff AG in Europas größtem Seltene-Erden-Vorkommen ab 2012 bis in 700 Meter Tiefe Erkundungsbohrungen vorgenommen hatte. 2015 gab das Unternehmen die bergbauliche Erlaubnis zur Erschließung und Untersuchung der Lagerstätte sowie die Abbau-Lizenz an das Sächsische Oberbergamt zurück. Als Grund nannte es das unrentable Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen. Die gewonnenen Bohrkerne wanderten in das Bohrkernlager des Freistaates. Damit stehen sie weiteren Interessenten jederzeit zur Verfügung.


Nicht ohne Grund gilt das Lager als geologische Schatzkammer. Es umfasst 135 Kilometer Bohrkerne mit 1000 Tonnen Gewicht - von 2,4 bis 40 Zentimeter stark. Ferner beherbergt es etwa 100.000 sogenannte Handstücke, also Stufen und Gesteinsmuster in der Größe einer Hand. Ebenso lagern hier weit über 100.000 bereits aufbereitete Proben, 40.000 Gesteinsdünnschliffe in der Stärke von 50 Mikrometer, mikroskopische Präparate und diverse Spezialsammlungen. Noch ist alles aus Platzgründen auf mehrere Standorte in Mittelsachsen verteilt: Freiberg, Rothenfurth, Obergruna und Hainichen. "Bei den meisten Objekten handelt es sich um angemietete, eher unwürdige Interimslösungen", erläutert Johannes Richter, Abteilungsleiter Geologie im LfULG.

Schon seit 2012 befasst sich der Freistaat mit der Frage eines Neubaus an einem geeigneten Ort, berichtet der promovierte Geologe und Referatsleiter für das Bohrkernarchiv. Inzwischen laufe die Ausführungsplanung für einen Neubau in Freiberg, wo alle Archivbestände zusammengeführt werden sollen. Die Frage "Wozu braucht man das?", die nach der Wende einige gestellt hätten, sei spätestens seit dem Beschluss zur Rohstoffstrategie Sachsens durch den Landtag 2013 beantwortet, sagt Richter.

Darin sei nicht nur das Bekenntnis zum Bergbau, sondern auch die Fortschreibung der Datenbanken und eine repräsentative Darstellung der Rohstoffpotenziale fixiert. Immerhin gelte Sachsen als das geologisch am besten erkundete Gebiet der Welt. Nicht nur durch seinen Braunkohle-, Steinkohle- und Erzbergbau, sondern vor allem durch die massiv vorangetriebenen staatlichen Erkundungen der DDR, die sich von Rohstoffimporten möglichst unabhängig machen wollte, sowie durch die Wismut. Der gesamte Erkenntnisgewinn auch aus angrenzenden Gebieten Thüringens, Sachsen-Anhalts und Böhmens lagere in dem Bohrkernarchiv des Freistaates Sachsen, sagt Geologe Richter. Die frühesten Funde sind rund 150 Jahre alt und stammen aus der Anfangszeit des geologischen Dienstes, der damals auf Veranlassung des sächsischen Königs gegründet wurde. Etwa drei Viertel der Bestände sind Proben aus DDR-Zeiten und von der Wismut.

"Jeder, der vom Oberbergamt in Freiberg eine Erkundungslizenz erhält, kann kostenlos das Bohrkernarchiv nutzen, Proben entnehmen, sie neu analysieren und so auf vorhandenes Wissen zurückgreifen. Im Gegenzug muss er uns seine Erkenntnisse zur Verfügung stellen", erläutert Johannes Richter. Das LfULG habe als Landesbehörde sogar eine Auskunftspflicht. Zugleich sei der Freistaat interessiert, Bergbauunternehmen in die Region zu locken, indem er vorhandene Erkenntnisse zugänglich macht.

Das bestätigt auch Anja Ehser, Vorstand der Tin International AG, die an Erkundungsbohrungen im erzgebirgischen Geyer und vogtländischen Gottesberg beteiligt war. "Bevor wir solche Erkundungen starten, schauen wir immer erst einmal, was im Archiv bereits an Bohrkernen und Dünnschliffen existiert", berichtet die Geologin. Auch für den Test von Aufbereitungstechniken bekomme man Proben. Im Gegenzug gebe man das durch eigene Exploration gewonnene Material dem Freistaat zurück, zum Beispiel weil man den Abbau aktuell nicht für wirtschaftlich halte. Das könnten in späteren Jahren andere Interessenten durchaus anders beurteilen. Sie müssten dann nicht am Punkt Null anfangen. "So ein Bohrkern ist einfach eine aufschlussreiche Sache", meint Ehser.

Und er geht richtig ins Geld, weiß Archivleiter Richter. Bei einer Bohrung nahe der Erdoberfläche kommen für einen Meter rund 100 Euro zusammen. "Je tiefer man geht, umso teurer wird es: bis zu 1000 Euro pro Meter." Was passieren kann, wenn man zu wenig über einen Standort wisse, habe sich im März in der Sächsischen Schweiz gezeigt. Dort habe es bei einer hydrogeologischen Bohrung bis in 300 Meter Tiefe dreimal eine Havarie gegeben.

Das geplante neue Bohrkernarchiv in Freiberg soll auch von der TU Bergakademie Freiberg für Teile ihrer Sammlungen zur Verfügung stehen. Auch Labors, Arbeitsräume für Geologen, Hallen für die Uni, Seminarräume und Schleiflabors soll es geben. Einen Bau- oder Fertigstellungstermin will die Sprecherin des LfULG, Karin Bernhardt, noch nicht nennen. Einen Wunschtermin hätten die in der Freiberger Außenstelle tätigen Geologen schon: 2022. Denn da besteht der geologische Dienst Sachsens genau 150 Jahre.

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