Freiberger Kreuzgang: Unter einem Himmel aus Stein

Spiritueller Raum, steingewordene Bergbauvergangenheit und begehbare Stadtgeschichte: Am Wochenende wird der 500 Jahre alte Kreuzgang des Freiberger Doms wiedereröffnet. Die Schätze des Welterbes Montanregion Erzgebirge müssen gepflegt werden - das zeigt die Restaurierung, die sehr mühevoll war.

Freiberg.

Der Knackpunkt ist der Knick. Jene Stelle, an der der Kreuzgang des Freiberger Doms scharf abbiegt. Und damit die Regelmäßigkeit des filigranen, malachitgrün verzierten Netzrippengewölbes durchbricht, ohne abgebrochen zu wirken. Der Grund für den Knick ist profan, erklärt Otto Schröder, Küster der evangelisch-lutherischen Domgemeinde Freiberg: "Der Kreuzgang wurde an den vorhandenen Straßenverlauf angepasst."

Denn als der Kreuzgang fertiggestellt wurde, wahrscheinlich 1514, gab es Freiberg schon lange. Die Bergstadt war zwar 1484 niedergebrannt, doch beim Wiederaufbau behielt man die Straßenverläufe bei. So steht der Knick bis heute für eine Kirche, die mit der Stadt - und damit der sächsischen Bergbaugeschichte - untrennbar verbunden ist.

Beim Brand war der spätromanische Vorgängerbau schwer beschädigt worden. So hatte man bis 1501 einen neuen Dom St. Marien erbaut, im Stil der neuen Zeit: eine massiv wirkende, prächtige Hallenkirche mit 20 Meter hohem Satteldach und zwei niedrigen Türmen im Westen.

Im Dom werden bis heute Gottesdienste gefeiert, doch der Kreuzgang blieb bisher gesperrt. Die Restaurierung war ein Kraftakt für die Kirchgemeinde, die im Stadtgebiet gerade mal 1600 Mitglieder zählt. Die Kosten lagen nach Auskunft der Gemeinde in Millionenhöhe.

Nur dank großzügiger Spenden habe man den Eigenanteil bestreiten können. Auch die Evangelisch-lutherische Landeskirche Sachsens und die Stadt Freiberg leisteten ihren Beitrag. Rund 40 Prozent kamen aus dem Bundeshaushalt, etwa 40 Prozent trug der Freistaat Sachsen bei. Wesentlichen Anteil an der Renovierung hatte Freibergs Altbürgermeister Konrad Heinze.

Nur wenige Kirchen in Sachsen haben einen Kreuzgang, eine davon ist der Meißner Dom. In Freiberg wurde der Kreuzgang für Prozessionen der Domherren gebaut. Denn der Dom war kein Bischofssitz, sondern eine Kollegiatstiftskirche: Die Domherren lebten ähnlich wie Mönche, wenn auch nicht hinter Klostermauern, sondern in den umliegenden Domherrenhäusern.

Sie waren oft zweitgeborene Söhne einer Adelsfamilie, erklärt Freibergs Dompfarrer Urs Ebenauer: "Wenn sie gebraucht wurden, weil der Erstgeborene verstarb, konnten sie aus dem Kollegiatstift wieder austreten."

Heute sind die denkmalgeschützten Domherrenhäuser Teil des historischen Ensembles, das als Kern der Freiberger Altstadt nun zum Unesco-Welterbe gehört. Dazu gehört auch die Annenkapelle mit dem weit ausgreifenden Schlingrippengewölbe. Sie dient der Gemeinde als Winterkirche. Nicht ohne Grund ist sie benannt nach der heiligen Anna, Patronin der Bergleute. Ein Spaziergang durch das Kirchenensemble gleicht einer Zeitreise durch die sächsische Bergbaugeschichte.

Der hintere Ausgang der Annenkapelle führt durch die Schönbergsche Kapelle in den Kreuzgang. An dessen Wänden hängen Epitaphe der Familie Schönberg, einer der bedeutendsten Adelsfamilien in der sächsischen Geschichte. Im Umfeld der Wettiner, die vom Hochmittelalter bis ins 20. Jahrhundert in Sachsen herrschten, stellten sie höhere (Berg-)Beamte und Minister.

Die Gräber waren ein Mittel, um den Kreuzgang für die Nachwelt zu erhalten. Denn schon im Jahr 1537 führte Herzog Heinrich der Fromme in und um Freiberg die Reformation ein. Damit wurde das Kollegiatstift aufgelöst, Prozessionen gehörten der Vergangenheit an. Die neue Lehre stellte das Wort Gottes in den Vordergrund. Steinernes Symbol dafür ist die Bergmannskanzel im Dom, nach den sie tragenden Bergleuten benannt. Gestiftet hat sie, laut einer Inschrift, im Jahr 1638 Jonas Schönleben, Bürgermeister und Zehntner, wie man einen höheren Bergbeamten bezeichnete.

Es war Georg Friedrich von Schönberg, der um 1620 den Weg bereitete für eine andere Nutzung des Kreuzgangs. Er tat sich mit 15 anderen wohlhabenden Freiberger Familien zusammen. Wer Geld für die Sanierung stiftete, bekam für seine Familie ein Joch des Kreuzgangs als Begräbnisstätte. Damals wie heute also wurde der Dom von der Stadt und von Spenden der Bürgern getragen. Später holten die Schönbergs auch Epitaphe aus umliegenden Kirchen nach Freiberg.

Der Teil des Kreuzgangs, in dem die Grabplatten hängen, ist malachitgrün verziert. Bei der Restaurierung achteten die Fachleute darauf, den Pinsel so zu führen wie ihre Vorgänger - exakt, aber nicht zu exakt. "Es soll nicht aussehen wie mit dem Lineal gezogen", erklärt Küster Otto Schröder. Nach den steinernen Epitaphen folgen weitere aus Messing. Hinter den Epitaphen befinden sich an der Wand Teile des romanischen Lettners, der einst den Chor, also den Raum für die Kleriker, von der Gemeinde trennte.

Der Kreuzgang endet im Freien. Das war nicht immer so. Ursprünglich führte er die Domherren direkt in den Dom. Doch um 1861 brach man diesen Ostflügel des Kreuzgangs ab. Architekt Uwe Gerschler, dessen Freiberger Architekturbüro auf historische Gebäude spezialisiert ist, wollte aber nicht, dass der Kreuzgang wie abgeschnitten aussieht. Deshalb ließ er die Südostecke neu bauen. Den Kreuzgang wieder ganz schließen? Das ging nicht. Denn zwischen seinem Ende und dem Dom befindet sich die Goldene Pforte, gefertigt um 1230/1255 aus Grillenburger Sandstein, geschmückt mit zahlreichen Skulpturen und von außen nach innen neunfach gestuft. Ein herausragendes Werk der spätromanischen Bildhauerkunst, schreibt Manfred Hübner in seinem Buch über den Dom St. Marien von Freiberg.

Beim Wiederaufbau des Doms im 15. Jahrhundert passte das romanische Portal nicht mehr zum Geschmack der Zeit. Man versetzte es vom Haupteingang an die Südseite. Doch Sonne und Wind taten dem Sandstein nicht gut. Deshalb entstand 1902/1903 ein monumentaler Schutzbau im Jugendstil.

"Mit der Südostecke halten wir einen Achtungsabstand zur Goldenen Pforte, aber das ursprüngliche Bild ist wiederhergestellt", erklärt der Architekt Uwe Gerschler. An dieser Stelle des Rundgangs durch den Kreuzgang wird deutlich, wie groß die Herausforderung bei der Restaurierung war. "Man muss den Ansprüchen der Denkmalpflege gerecht werden, aber auch den heutigen ästhetischen Ansprüchen", sagt Gerschler.

So sieht, wer aus dem Kreuzgang ins Freie tritt, auch den Grünen Friedhof mit seinen historischen Grabmalen. "Es ist der letzte innerstädtische Friedhof", erklärt Domküster Otto Schröder. Angelegt sei er wahrscheinlich nach dem Vorbild des Klosterparks Altzella - nur eben viel kleiner. Aber dafür mitten in der Stadt. Zur Rechten erinnert der Lutherbrunnen an die protestantische Geschichte. Und dann gibt es noch am Rand des Grünen Friedhofs einen Flachbau. Denn, bei allem Geschichtsbewusstsein: Der Dom ist kein Museum. Die Kirchgemeinde braucht Gerätschaften und Stühle für Konzerte. Die standen früher im Kreuzgang.

Was man nicht sieht: Im Kreuzgang steckt jede Menge Technik, dezent versteckt unter dem Dach. Früher habe feuchte, kühle Luft Schäden verursacht, sagt Architekt Gerschler. Im 19. Jahrhundert wollte man den Kreuzgang sogar abreißen, doch der Freiberger Altertumsverein intervenierte. Jetzt gebe es ein modernes Belüftungssystem mit Raumtemperierung per Wärmepumpe: "Wir haben für Jahrzehnte, vielleicht für Jahrhunderte die Voraussetzungen geschaffen, dass der Bau erhalten bleiben kann."

Im Dom geht es dann weiter mit der sächsischen (Bergbau-)Geschichte. Die Bergmannskanzel und die filigran gearbeitete, freistehende Tulpenkanzel zeugen vom Reichtum und dem tiefen Glauben der Menschen. Zwei Silbermann-Orgeln erinnern an den berühmten Orgelbauer, der in Freiberg seine Werkstatt hatte. Der Höhepunkt dann die Grablege der Wettiner: An der Decke musizieren Engel teils auf echten Instrumenten. Ein monumentales Grabmal erinnert an den Kurfürsten Moritz. Auch sein Nachfolger August und seine Gemahlin Anna, die Bergbau und Wissenschaften förderten und der Nachwelt Schloss Augustusburg hinterließen, sind im Freiberger Dom bestattet.

Pfarrer Urs Ebenauer obliegt die Aufgabe, in einem so bedeutenden Kulturdenkmal ein Gemeindeleben zu organisieren. Der Kreuzgang könne dabei helfen, sagt er: "So haben wir einen rundum schönen Raum, der zusätzliche Nutzungsmöglichkeiten bietet."

Damit wolle man sich weiter öffnen für Menschen, die bisher wenig mit Kirche zu tun hatten. Gesprächsreihen zu gesellschaftlichen Themen seien geplant, auch Kammerkonzerte, Taufgottesdienste und eine geschichtliche Ausstellung. Zunächst aber wird Eröffnung gefeiert. Und Urs Ebenauer sagt: "Wir sind froh, dass wir der Aufgabe, den Dom als Denkmal zu erhalten, nachkommen können."


Alle kommen sie vom Bergwerk her - historische Persönlichkeiten, die im Kreuzgang des Freiberger Doms bestattet sind 

Georg Friedrich von Schönberg (1586-1650) war der Begründer der Familiengrabstätte am Freiberger Dom. Im Jahr 1618 wurde er Berghauptmann des Erzgebirges und damit auch Amtshauptmann von Wolkenstein, eine Art Landrat. 1629 berief man ihn zum Leiter des Oberbergamts. Damit beaufsichtigte er das kursächsische Berg- und Hüttenwesen. In seiner Amtszeit verursachte der Dreißigjährige Krieg große Schäden an den Gruben. Als die Stadt Freiberg mehrmals von kaiserlichen beziehungsweise schwedischen Truppen belagert wurde, organisierte er an der Seite von Bürgermeister Jonas Schönlebe und Befehlshaber Georg Herrmann von Schweinitz die Verteidigung der Stadt.

Abraham von Schönberg (1640-1711) war gelernter Bergmann, ab 1676 Oberberghauptmann und gleichzeitig Kreishauptmann des Erzgebirgischen Kreises. Unter seiner Leitung kam das sächsische Montanwesen nach dem Dreißigjährigen Krieg zu neuer Blüte. Man führte technische Neuerungen ein wie zum Beispiel Kehrräder, mit denen Körbe gehoben oder gesenkt werden konnten. Schönberg verpflichtete Städte, Bergwerksbeteiligungen zu erwerben und den Bergbau gegebenenfalls zu stützen. 1702 gründete Abraham von Schönberg eine Stipendienklasse sowie eine Anstalt zur Ausbildung im Berg- und Hüttenwesen. Daraus ging 1765 die Bergakademie Freiberg hervor.

Abraham Gottlob Werner (1749-1817) gilt als Begründer der modernen Geologie und Mineralogie. Er lehrte mehr als 40 Jahre lang an der Bergakademie Freiberg und begründete deren internationalen Ruf mit. Seine Schüler kamen aus vielen europäischen Ländern. Sogar in den USA und Japan hat er Spuren hinterlassen. Zu seinen Schülern gehörten neben Alexander von Humboldt auch die Dichter Friedrich Philipp von Hardenberg, genannt Novalis, und Theodor Körner. Werner war berühmt für seine begeisternden Vorträge. Sein größtes wissenschaftliches Verdienst war die systematische Bestimmung und Klassifizierung von Mineralen. Er lehrte aber auch Bergbau und Hüttenwesen.

Besichtigungen: Der Dom St. Marien in Freiberg mit dem Kreuzgang kann täglich von 10 bis 17 Uhr individuell besichtigt werden, ab November von 11 bis 16 Uhr, sonntags ab 11.30 Uhr. Tickets gibt es im Domladen gegenüber dem Eingang des Doms. Ab dem 12. 10. wird jeden Samstag 15 Uhr eine Spezialführung durch Dom und Kreuzgang angeboten. Führungen zu anderen Zeiten nach Vereinbarung.

Eröffnungswochenende: Freitag, 27. September, 20 Uhr kann man den Kreuzgang spirituell erleben im Kerzenschein, um Anmeldung im Domladen wird gebeten (geöffnet täglich von 10 bis 17 Uhr). - Samstag, 28. September, ab 19 Uhr: musikalische Nacht mit Friedensmotetten aus drei Jahrhunderten, sephardischen, christlichen und muslimischen Liedern, Musik aus vier Kontinenten. Dazwischen Interviews mit dem Architekten und anderen Beteiligten sowie Lesungen aus Dokumenten zur Restaurierung. - Sonntag, 29. September: 10 Uhr Festgottesdienst, Führungen 12 und 15 Uhr nach Anmeldung unter Telefon 03731/22598.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...