Freiberger rümpfen die Nasen: Dem Gestank auf der Spur

Seit Tagen hängt ein unangenehmer Geruch in der Luft: Kommt er von den Feldern? Oder aus der Kanalisation?

Freiberg.

Mitten in Freiberg hat sich ein unangenehmer gülleartiger Geruch breit gemacht. Im Kirchgäßchen am Obermarkt stank es bereits am Donnerstagabend. Andere nahmen den Geruch nahe der Frauensteiner Straße sowie nahe Leipziger Straße wahr. Freitagmorgen rümpften Fahrgäste die Nase, als sie an der Poststraße aus dem Bus stiegen. Auch in der Chemnitzer Straße war ein eigenartiger Geruch - ähnlich Gülle - zu vernehmen. Woher kommt dieser Geruch? Ist es wirklich Gülle - inmitten der Altstadt?

Check 1: Abwasserbeseitigung. Auf Nachfrage beim städtischen Eigenbetrieb Freiberger Abwasserbeseitigung wurden zwei Kanalwärter losgeschickt, die besagten Stellen zu prüfen. "Sie haben nichts Auffälliges festgestellt", sagte Lutz Hofmann, Sachgebietsleiter für Kläranlagen und Sonderbauwerke. "Hohe Temperaturen und geringer Niederschlag sind für Kanalisationen immer ein Problem, weil es relativ wenig Durchfluss im Kanal gibt. Dadurch bleibt relativ viel im Kanalisationsnetz liegen", erläutert er. Zudem verhindern heiße Wetterlagen die Luftzirkulation im Netz selber; die Luft staut sich, steigt auf; es riecht. Zur Unterscheidung sagt er: "Abwasser riecht muffig, Gülle riecht stechend."

Check 2: Umweltamt. Ja, derzeit darf Gülle auf den Feldern ausgebracht werden, erklärt Karin Bernhardt, Sprecherin im sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie. Je nachdem, was angebaut wird, gibt es Zeitfenster, in denen gegüllt werden darf. Weiter erklärt sie: "Auf unbestelltem Ackerland muss die Gülle spätestens innerhalb von vier Stunden nach Beginn des Aufbringens eingearbeitet werden. Leider ist gerade im Sommer eine Stoßzeit bei den Landwirten. Es wird gleichzeitig geerntet, der Wirtschaftsdung muss ausgebracht werden und der Boden wird für die Aussaat der Folgefrucht hergerichtet. Das hat natürlich bei dieser Hitze unangenehme Nebenwirkungen, die sprichwörtlich in die Nase fahren." Nicht gegüllt werden darf, wenn der Boden stark wassergesättigt ist, zum Beispiel nach Starkniederschlag oder bei Frost.

Check 3: Wetterlage. Mit Sonne pur sowie Temperaturen zwischen 29 und 35 Grad Celsius hat Hoch Yvonne die Region fest im Hitze-Griff. Der Wind weht schwach bis mäßig aus nordöstlichen Richtungen. Der Pollenflug von Gänsefuß, Brennnesseln und Spitzwegerich ist mäßig bis stark. Regen ist erst für Sonntag vorausgesagt.

Check 4: Schweinezucht. Obwohl der Geruch auch aus Richtung Brand-Erbisdorf auftrat, ist es schwierig, einen Verursacher zu finden. Die Schweinezucht St. Michaelis GmbH bringt derzeit keine Gülle aus, wie Geschäftsführerin Heike Wagner sagt. Zudem werde die Gülle in einer Biogasanlage aufbereitet. Werde diese Biogasgülle dann ausgebracht, "darf sie nicht stinken", erklärt die Geschäftsführerin.

Check 5: Agrargenossenschaft. Die Agrargenossenschaft Niederschöna bringt laut ihrem Vorstand Christoph Brähler in diesen Tagen Gülle auf Stoppelfelder bei Niederschöna aus. "Diese Biogasgülle riecht nicht mehr so wie früher", meint er. Der Geruch könne nicht bis nach Freiberg ziehen. Zudem lockere die Maschine den Boden zunächst bis in 12 Zentimeter Tiefe auf und bringe die Gülle danach ein. Wichtig sei, dass der Ammoniak ins Erdreich eindringe und nicht verfliege. "So wird das Stroh schneller umgesetzt und Humus entsteht", erklärt er. Der Boden werde derzeit für Winterraps vorbereitet.

Christoph Brähler wünscht sich, dass die Lebensmittelproduzenten nicht nur kritisiert werden. Landwirtschaft sei mit Lärm, Staub und Stroh verbunden. "Es ist die grundsätzliche Frage an die Verbraucher, ob wir unsere Lebensmittel weiterhin selbst produzieren oder nur noch importieren wollen", gibt der Landwirt angesichts der Geruchsdebatte zu bedenken.

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 2 Bewertungen
2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    0
    ChWtr
    27.07.2019

    Vollkommen richtig, Juri und auch an die Adresse des Vorstandes Brähler.

    Weshalb jedoch die Nitratbelastung in unseren Böden über Gebühr zu hoch ist, darf und muss hinterfragt werden.

  • 10
    0
    Juri
    27.07.2019

    Ich kenne noch Zeiten, da roch es fast täglich in unserer Stadt. Wer sich mit dem Wetter auskannte, der konnte sogar die Uhr danach stellen. Das was damals unangenehm roch, dass war zudem nicht selten hochgiftig.
    Das der aktuell beklagte, zugegeben unangenehme Geruch, nicht giftig ist, sondern von der Landwirtschaft erzeugt wurde, konnte fast jeder bemerken. Auch die reinen „Stadtkinder“.
    Die in den letzten Zeilen von Christoph Brähler zum Ausdruck gebrachte Verwunderung kann ich dennoch gut nachvollziehen.
    Wir Menschen heute wollen alles haben. Aber es darf um Gottes willen nicht riechen, nicht anstrengen, nicht weh tun, nichts kosten, nicht zu lange dauern, nicht zu heiß und nicht zu kalt sein. Wenn er Pech hat, bekommt der Besitzer eines Gockelhahnes, dessen Wecker morgens kräht, eine Anzeige oder muss mit dem ein anderes Lied einüben.
    Vielleicht sind es genau diese Ungereimtheiten, weshalb es die Forschung unentwegt Richtung Mond zieht. Zumindest habe ich von denen die schon dort waren, noch nie von solchen Belästigungen gehört. Einen Trost haben wir ja nun. Vielleicht wird es bald möglich sein dorthin überzusiedeln. Gespannt bin ich, was es dann zu beklagen gibt.

    Ich wünsche mir eine engagierte, gut funktionierende, ökologische regionale Landwirtschaft.
    Der dort entstehende, unvermeidbare Geruch ist allemal unschädlicher, als alle die anfallenden Schadstoffe und Gefahren, die bei den unsinnigen Transporten über überzählige Länder und Kilometer entstehen.



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