Frühlingserwachsen

Hier steht, was wirklich wichtig ist. Heute: Ostern steht vor der Tür, aber wir lassen es nicht rein.

Jetzt fängt das schöne Frühjahr an und alles fängt zu blühen an. auf grüner Hahaheid und überall... So, jetzt können Sie die Stöpsel wieder aus den Ohren nehmen. Das Konzert ist vorbei. Passt ja auch gar nicht in die Jahreszeit. Denn man kann nun wirklich nicht behaupten, das Frühjahr finge jetzt an. Richtig ist: Wir sind schon mittendrin in der Jahreszeit der sprießenden Tulpen, Narzissen und Neurosen.

Schon so mancher selbstverliebte Narziss wurde beim Spaziergang in Feld, Rain und (Büro)Flur gesichtet. Das Rotkehlchen kräht sich heiser, deshalb hat es auch einen roten Hals. Und die Rosen in den Vorgärten sind überhaupt keine Christrosen, sondern ganz normale, profane, quasi atheistische Rosen. Wer etwas anderes behauptet, macht sich der Klimawandelabstreitung schuldig. Und mit so einer Einstellung kann man heutzutage nichts mehr erreichen. Da kann man höchstens noch US-Präsident werden.

Jetzt fragen sich die Menschen natürlich, ob sie ihre Schwibbögen auf den Dachboden räumen sollten. Also, die Menschen außerhalb des Erzgebirges, denen ein Ostpaket einen Lichterbogen beschert hat. Ein echter Erzgebirger dagegen würde bedenkenlos zu Lichtmess ins Freibad gehen, aber er käme niemals auf die Idee, seinen Bogen vor dem 2. Februar auch nur schief anzugucken. Zumal der Schwibbogen ja für unsere Heimat steht und für das Licht, das wir in uns tragen. Und dafür, dass wir uns gern verbiegen. Neuerdings aber ist eine große Bogenaufregung entbrannt. Kam doch so ein Uhiesischer, also ein Auswärtiger, dem man schon qua Herkunft jegliche Kompetenz absprechen muss. Und behauptete, der Schwibbogen sei gar keine erzgebirgische Erfindung! Er entstamme vielmehr der jüngeren Tradition des britischen Königshauses. Vorbild sei eine royale Augenbraue, welche sich Meghan, die Herzogin von Sussex, nach Meinung der britischen Boulevardpresse falsch geschminkt habe. Die erzgebirgischen Bogenschnitzer seien davon so beeindruckt gewesen, dass sich der Schwibbrauenbogen bald hier verbreitet habe. Gegen diese These stellen sich aber Traditionalisten, die behaupten, der Schwibbogen erinnere an den Himmelsbogen oder gar ein Stollenmundloch und sei von prekär beschäftigten Bergmännern nach Feierabend geschnitzt worden, weil Aufstocken bis Hartz IV damals noch unbekannt war. Vielleicht müssen Meghan und Harry bald Bögen schnitzen, da sie es in Abgrenzung zur royalen Familientradition mal mit ehrlicher Arbeit versuchen wollen.

Doch genug mit dem nachweihnachtlichen Geunke. Schließlich kommt dieses Wochenende schon der Osterhase. Und nicht nur einer! Fast 1200 Exemplare haben sich zur Landesverbandsosterhasenschau in Brand-Erbisdorf angemeldet. Vorab wurde schon der Beste prämiert: Ein Zwergwidder, der trotz seiner vernachlässigbaren Körpergröße nur echte Straußeneier liefert. Beschwerden gab es allerdings vom Arbeitskreis feministischer Löffelbegutachter*innen. Denn es waren ausschließlich Rammler, die zu der Karrieremesse für Löffeltiere hinrammelten. Die Veranstalter konnten beruhigen: Für die Damenwelt sei eine separate Veranstaltung geplant.

Man sieht also: So ein vorgezogener Frühlingsbeginn hat seinen Reiz. Der Liftbetreiber am Skihang von Holzhau braucht sich nicht mehr über die Meinungsverschiedenheiten mit einem Grundstücksnachbarn zu ärgern. Wenn's ja eh nicht schneit. Auch Fasching sparen wir uns - wer fröhlich sein will, kann ja wie sonst auch in den Keller gehen. Schließlich sind unsere historischen Kellergänge, Mauselöcher und untertägigen Wasserrohre zum Welterbe erklärt worden. Die Touristen aus aller Welt werden begeistert sein.


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