Gebeutelt

Hier steht, was wirklich wichtig ist. Heute: Jeder Freiberger hat sein Päckchen zu tragen. Oder eben sein Beutelchen.

Das Welterbezentrum ist die neue Umgehungsstraße: Irgendwann hat man so viel darüber debattiert, dass die Leser jeden Artikel, der sich damit beschäftigt, automatisch für Satire halten. Frei nach dem Motto: Humor ist, wenn es trotzdem kracht. Schließlich gehen wir Freiberger zum Lachen nicht in den Ratskeller. Schon gar nicht an Fasching. Und wir haben ja diese Woche schon Fasching gefeiert. Oder wie heißt nochmal dieser Feiertag, an dem Halbwüchsige mit Theaterblut im erblassten Gesicht von Tür zu Tür laufen und "Süßes oder Saures" krähen in der Hoffnung auf ein paar billige Brausebonbons? Ach ja, richtig, der Reformationstag. Reformiert wird zwar heute eh nichts mehr, und wenn mal jemand seine 95 Thesen aufs Instagram-Profil nagelt, interessiert das doch heute niemanden. Noch nicht mal den Pabst, den Gottfried von Ohain. Wenn heutzutage irgendwo Ablassbriefe geschrieben werden, können die ja noch nicht mal verschickt werden. Denn es fehlt an Briefmarken, oder jedenfalls an einem Automaten, aus dem diese herausspringen, wenn man ihn nur mit genügend Silbertalern füttert.

Das ist wahrscheinlich das Problem: Die Post hat in den vergangenen Jahren so oft das Porto erhöht, dass der Automat vor der Post, also vor dem Postamt, also vor der Filiale der Deutschen Post am Platz der Oktoberopfer, irgendwann nicht mehr hinterherkam. Als er dann anfing, aus Verzweiflung ein Porträt von Donald Trump auf jede Marke zu drucken, schickte man ihn in den ewigen Ruhestand (Also, den Automaten. Leider nicht den Präsidenten). Begründung: Automaten seien unwirtschaftlich und die Post brauche Geld für eine leistungsfähige Infrastruktur. Siehe Absatz 1: Humor ist, wenn ... Ansonsten wurden die Postkunden informiert, dass man Briefmarken ja auch online kaufen kann. Falls es jemand noch nicht wusste: Man kann online auch Nachrichten verschicken, so genannte elektronische Post (englisch E-Mail). Porto: nullkommanull Silbertaler. Versandfertig: sofort. (Zugegeben, in so manchem Dorf dauert es halt ein paar Wochen, bis die Nachricht dann wirklich durch das superlangsame Internet nach außen dringt. Aber was soll's. Nach "Slow Food" und "Slow cooking" ist doch jetzt "Slow surfing" der neue Trend. Und wer dabei mit seinem Surfbrett nicht untergeht, der ist der Held in den Weiten des Schleppnetzes, in dem sich die Datenpakete nur so dahinschleppen.) Womit wir mit dem Stichwort "Paket" wieder bei der Deutschen Post wären. Die vielleicht bald alle ihre Filialen schließen wird, weil man Briefmarken, Kugelschreiber und alles andere, was die dort so verscherbeln, ja auch online kaufen kann. Natürlich kann man fast alles im Internet kaufen. Deshalb hier der neueste Vorschlag für das Stadtmarketing: Alle Geschäfte in den mittelsächsischen Innenstädten werden mit sofortiger Wirkung geschlossen. Alle Häuser, in denen sich diese Geschäfte befanden, werden in Unesco-Welterbezentren verwandelt. Dann hat endlich die elende Streiterei ein Ende. Die Besucher für die vielen Besucherzentren findet man mit der Beutelmethode. Mehr als 300 Beutel mit Werbematerial hat die Freiberger Tourist-Info an reisefreudige Bürger ausgegeben. Die Beutel samt ihrer Besitzer landeten unter anderem in Japan, Italien und Montenegro. Nur nicht in Australien, denn dort gibt's bekanntlich genug Beuteltiere. Wer sich auf Reisen mit dem Beutel ablichten ließ, hat jetzt zum Dank einen Freiberg-Gutschein bekommen. Bestimmt kann man damit ja auch Briefmarken kaufen. Die Frage ist nur, wo ...

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