Geplanter Windpark steht in Flugschneise geschützter Vögel

Das Vorranggebiet für die Nutzung der Windenergie Reinsberg/Dittmannsdorf kollidiert mit dem Artenschutz. Das besagt ein Gutachten, das auch den Planungsverband nicht gut aussehen lässt.

Reinsberg.

Jetzt ist es nicht mehr nur der Rotmilan: Das im Entwurf des Regionalplans angedachte Windkraft-Vorranggebiet Nummer 32 Reinsberg/Dittmannsdorf steht mitten in einer Hauptflugschneise des europäischen Breitfront-Vogelzugs. Das besagt der "Faunistische Fachbeitrag" des Dresdner Büros "Probios", den Wolfgang Hahn in der vergangenen Woche dem Gemeinderat von Reinsberg präsentiert hat.

Das Gremium hatte das Dresdner Büro beauftragt, die Vogel- und Fledermausvorkommen in der Gemeinde Reinsberg zu untersuchen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass damit Argumente gegen den Bau von Windenergieanlagen gesammelt werden sollten. Und die haben Hahn und seine Leute geliefert.

So brüten im 1500-Meter-Umkreis um den potenziellen Windpark herum nicht nur zwei Rotmilan-Paare, sondern auch Mäusebussard und Rohrweihe. Zudem wurden hier Schwarzstorch, Uhu, Wespenbussard, Kornweihe, Kiebitz und weitere selten gewordene Arten gesichtet. Laut Gutachter Hahn gehört die Feldflur nördlich von Dittmannsdorf darüber hinaus "zu einer Verdichtungszone innerhalb des europäischen Breitfront-Vogelzugs".

Zwischen dem 4. August und dem 29. November vorigen Jahres seien bei 16 zweistündigen Zählungen insgesamt 31.130 Zugvögel aus 49Arten registriert worden, so der gelernte Forstwirt. Dabei habe es sich ausschließlich um ziehende, nicht rastende Tiere in Windrad- relevanten Flughöhen gehandelt. Die mittlere Zugdichte von 973 Individuen pro Stunde gelte nach aktueller Rechtssprechung sowie nach fachlichen Kriterien als signifikant für den Vogelzug.

Und auch die Fledermäuse fehlen nicht: Im Drei-Kilometer-Radius um das Vorranggebiet kommen nach Recherchen und Untersuchungen von Probios 18 der 22 Fledermausarten in ganz Sachsen vor. Sie alle stehen unter Schutz. So gibt es in Neukirchen beispielsweise das Große Mausohr, die Kleine Hufeisennase und die Mopsfledermaus.

Experte Hahn wies zugleich ausdrücklich darauf hin, dass nicht nur die Windkraft dem Artenschutz zuwiderläuft. Er empfahl unter anderem, auf mindestens 80 Hektar Fläche naturnahe Feldsäume, beweidete Grünflächen sowie Rast- und Schlafgehölze für die Vögel anzulegen. Die Pestizidbelastung müsse konsequent reduziert und für die in Feldern brütenden Arten wie Kiebitz und Rohrweihe Brutschutzzonen eingerichtet werden.

Kritik übte Hahn auch am Planungsverband. In den Unterlagen der Behörde sei die Gemeinde Reinsberg in Bezug auf geschützte Arten ein weißer Fleck: "Dabei ist hier ein schutz- und erhaltungswürdiger Flugkorridor vorhanden, der von Bauwerken und Schlagrisiko freizuhalten ist." Der Gemeinderat fasste einstimmig den Beschluss, die Erkenntnisse an den Planungsverband weiterzuleiten mit der Empfehlung, das Vorranggebiet zu streichen.

Jens Uhlig vom Planungsverband äußerte sich dazu gestern skeptisch: "Wenn wir ein Gebiet herausnehmen, müssen wir woanders ein neue Fläche ausweisen." Andernfalls werde der Regionalplan anfechtbar, weil er der Windenergie nicht substanziell Raum verschaffe, wie vom Gesetz gefordert. Das Reinsberger Gutachten werde sorgsam geprüft und auf jeden Fall dem Datenblatt für das Gebiet beigefügt, versprach Uhlig.


Kommentar: Zweierlei Maß

Der Artenschutz ist zum Hauptargument gegen geplante Windkraftanlagen geworden. Das bestätigt auch Jens Uhlig, der Experte für Windenergie beim Planungsverband. Bei ihm flattern mehr und mehr Vogel- und Fledermausgutachten auf den Tisch, so unter anderem auch aus Oberschöna. Paradox dabei ist, dass die Energiewende, die den Windrad-Betreibern Auftrieb verleiht, eigentlich auch und gerade dem Schutz von Natur und Umwelt dienen soll.

Ebenso widersprüchlich aber ist, dass beim Artenschutz oft mit zweierlei Maß gemessen wird. Ein Beispiel: In der öffentlichen Debatte scheint das Tötungsrisiko für Fledermäuse bei einer Windkraftanlage viel schwerer zu wiegen als bei einer Umgehungsstraße. Nur richtet sich die Natur nicht nach Bequemlichkeitsaspekten. Wer A sagt, sollte auch B sagen. Und dazu beitragen, die Landschaft artenfreundlich zu gestalten. Vielleicht mit einer Hecke am Feldrand - statt Beton.

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2Kommentare
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  • 7
    0
    saxon1965
    31.01.2017

    >Energiewende durch Windkraft< ist auch wieder so ein typisches Beispiel fehlerhafter Politik. Und anstatt Entscheidungen zu korrigieren, wird weiter subventioniert, die Umwelt verschandelt und Lebensräume zerstört. Aber das ist ja typisch für unsere heutige Politik. Fehler machen nur die Anderen! WIR nicht, deshalb haben WIR auch nichts einzugestehen oder gar zurück zu nehmen!
    Das erinnert mich verdammt an feudalistische Zeiten.

  • 7
    0
    Tauchsieder
    31.01.2017

    Da war der Planungsverband ohne Plan unterwegs. So etwas muss doch auch der UNB bekannt sein und nicht erst durch ein Fachbüro dem Planungsverband mitgeteilt werden. Hat man absichtlich diese Erkenntnisse für die Planung von Windkraftstandorten außen vorgelassen oder ist man hier aus wirtschaftlichen Interessen einfach darüber hinweg gegangen. Damit sind alle geplanten Standorte für WKA anzuzweifeln, zumindest werden diese, mit solchen gravierenden Planungsfehlern, in ein anderes Licht gerückt.



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