Geschichten, eingegraben in Kupfer

Der Wahl-Freiberger Baldwin Zettl ist einer der letzten deutschen Kupferstecher. Mit Leidenschaft illustriert der 77-Jährige Texte von Klassikern wie Goethe und Heine. Was er tut, braucht vor allem Zeit.

Freiberg.

Baldwin Zettl ist bei Insidern ein bekannter Mann, doch in Freiberg sagt sein Name kaum jemandem etwas. Und das zu Unrecht, denn als einer der letzten deutschen Kupferstecher übt er das alte Handwerk noch fast täglich aus - still und emsig in seiner kleinen Werkstatt am Rande der Stadt.

Mit Leidenschaft illustriert der 77-Jährige vor allem Texte der deutschen Klassiker wie Johann Wolfgang Goethe, Heinrich Heine, Georg Büchner, Theodor Storm oder Bertolt Brecht. Ein bisschen mystisch wirken seine Figuren, und es braucht Zeit und Geduld, um die vielen Details der Arbeiten zu entdecken und auf sich wirken zu lassen.

Kaum ein Tag vergeht, an dem der Meister nicht in seiner Werkstatt sitzt. Ein mit Sand gefülltes Lederkissen vor sich und darauf eine Kupferplatte, in die er mithilfe von Spitz- oder Beulsticheln seine Fantasie fliesen lässt. Er erzählt Geschichten, eingegraben in Kupfer. "Ich krieche fast in die Platte hinein", beschreibt er seinen Eifer. Vor Jahren fertigte er Exlibris für die Wismut an. "Dadurch so richtig nah an den Leuten zu sein, die dort gearbeitet haben, war ein großes Erlebnis", blickt er zurück. Dieses nah am Leben, an den Menschen zu sein, ist das Zettl' sche Credo für unermüdliches Schaffen. Seine Arbeiten bietet er Verlagen an, und sie werden gern genommen. Die Bibliografie der illustrierten Bücher und Mappenprojekte ist eine stattliche.

In Hildburghausen, wo Baldwin Zettl aufwuchs, lernte er Gebrauchsgrafiker. Von 1964 bis 1969 studierte er an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Werner Tübke, Gerhard Kurt Müller und Rolf Kuhrt. Diplomarbeiten waren eine Kupferstichfolge zu Isaak Babels "Die Reiterarmee" und Theodor Storms "Der Schimmelreiter". Die große Literatur blieb seine Inspirationsquelle Nummer Eins als Freischaffender. Viele Jahre lebte und arbeitete Baldwin Zettl mit seiner Familie in Leipzig, seit 2004 Jahren wohnt er mit seiner Frau in deren Elternhaus in Freiberg.

Hier fand der Künstler auch Platz für Atelier und Druckwerkstatt. Denn ein Kupferstich landet auf Papier, um bestaunt und vervielfältigt werden zu können. Drei Wochen lang trocknen die frisch gedruckten Blätter in einer Stockpresse, damit sie glatt werden.

Was der Wahl-Freiberger tut, braucht Zeit. Das ist in gewissem Sinne auch seine Antwort auf die heute sehr schnelllebige Zeit. Seine Kunst, die für ihn nichts Dahingehauchtes ist, versteht er als ein Mittel, die Welt zu begreifen. Seinen Lehrern an der Hochschule ist Baldwin Zettl heute noch dankbar. "Tübke hat uns Studenten durch seine strenge Art und Weise immer auf den Boden der Realität geholt", erzählt er. "Er hat uns Beobachten und Zeichnen gelehrt. Und er hat uns gelehrt, nie zu sagen: ich habe es geschafft."

Seit Baldwin Zettl in Freiberg lebt, entstanden unter anderen zwei Kupferstichfolgen mit insgesamt 69Stichen zu Goethes "Faust" sowie Folgen zu "Der Kinderkreuzzug" und der "Anachronistische Zug" von Brecht. Vor allem mit dem Leipziger Verlag Faber und Faber und dem Inselverlag arbeitet er derzeit zusammen. Ein von ihm illustriertes Buch von Volker Braun erschien sogar in Japan. "Es ist gut, wenn man einen Verlag findet, der den Willen hat, Text und bildenden Künstler zusammenzubringen", so Zettl. "Das ist ein unwahrscheinlicher Glücksumstand."

Bevor der Mann mit den ruhigen Händen und den scharfen Augen sich eine Kupferplatte zum Bearbeiten nimmt, beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema der Arbeit, setzt sich damit bis ins Detail auseinander. Das kann schon mal viele Wochen oder ein Vierteljahr dauern. Ab und zu widmet er sich auch den ganz einfachen Dingen des Alltags, der Gier oder der schwarzen Null zum Beispiel.

"Ich fordere den Betrachter auf, hinter das Bild zu schauen", sagt er. "Die Ideen liegen in der Welt, und ich arbeite Tag und Nacht, weil es mir Spaß macht." Vorm Sticheln auf der Kupferplatte zeichnet Baldwin Zettl die Geschichte, die er erzählen möchte und erst dann greift er zum Werkzeug.

Zum 70. Geburtstag des Kupferstechers waren unter dem Titel "Von der Kunst, Bilder zu lesen" Arbeiten von ihm im Stadtmuseum Hildburghausen zu sehen. Ausstellungen gestaltete er unter anderem auch im Gellertmuseum Hainichen und in der Petrikirche Freiberg. Viele seiner Arbeiten wurden mit nationalen und internationalen Preisen gewürdigt.

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