Gewerkschaft versuchte, sich freizuschwimmen

Herbst 89: Die "Freie Presse" hat Archivmaterial aus dem Wendeherbst vor 30 Jahren ausgewertet. Es zeigt die Veränderung der Stimmung in der Region.

Freiberg.

Dialog hieß ein Schlagwort der Tage nach dem Fall der innerdeutschen Grenze vor 30 Jahren. In Foren, Kundgebungen und Leserbriefen an die "Freie Presse" wurden Missstände und Misswirtschaft angeprangert und mehr Gestaltungsmöglichkeiten vor Ort gefordert. Dabei erhob auch der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) seine Stimme. Der Dachverband war laut DDR-Verfassung unabhängig, bis dato aber eher als linientreue Massenorganisation aufgetreten.

"Machtmißbrauch entschieden verurteilt" titelte die "Freie Presse" am 28.November 1989 über die Forderung des Freiberger FDGB-Kreisvorstandes, Harry Tisch aus der Einheitsgewerkschaft auszuschließen. Der damals 62-Jährige war kurz zuvor als Chef der fast 10 Millionen Mitglieder entmachtet worden. Er war zudem mit dem Politbüro der SED zurückgetreten und aus dem DDR-Staatsrat abberufen worden.

Tisch war vorgeworfen worden, Gewerkschaftsgelder in großem Stil zweckentfremdet zu haben. Gegen ihn wurde später Anklage erhoben, weil er sich und anderen hochrangigen Genossen sowie Angehörigen Urlaubsaufenthalte auf FDGB-Kosten verschafft, hohe Summen in ein auch von ihm persönlich genutztes Staatsjagdgebiet verbaut und der DDR-Jugendorganisation FDJ Millionenbeträge zugeleitet habe. Der Untreue-Prozess vor dem Berliner Landgericht endete 1991 mit einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten ohne Bewährung. Nach Anrechnung der Untersuchungshaft und Haft-Aussetzung kam er frei und starb 1995 in Berlin.

Mit Abscheu und Empörung, so der Artikel vor 30 Jahren, hätten die Freiberger Gewerkschafter von den "verbrecherischen Handlungen" erfahren. Bereits am 15. November 1989 hatten die FDGB-Kreisvorstände von Flöha und Rochlitz in der "Freien Presse" Ansprüche als unabhängige Interessenvertreter der Werktätigen angemeldet. Vorschläge und Hinweise seien "nur ungenügend gehört", selbst aber auch nicht konsequent verfolgt worden, hieß es in der Flöhaer Ausgabe. Die Rochlitzer Funktionäre wollten verlorenes Vertrauen zurückgewinnen. Eine Behinderung der gewerkschaftlichen Arbeit werde nicht geduldet.

Der Mittweidaer FDGB-Kreisvorstand teilte am 22. November 1989 in der "Freien Presse" mit, die kommunalpolitischen Interessen seiner Mitglieder gegenüber dem Rat des Kreises besser vertreten zu wollen. "Alle territorialen Festlegungen zur ökonomischen, sozialen, kulturellen und bildungspolitischen Entscheidungen" seien vorab mit ihm zu beraten und abzustimmen.

Im März 1990 ließ sich der FDGB zur Volkskammerwahl registrieren, wurde aber von der Wahlkommission nicht zugelassen. Zum 30. September 1990 löste er sich auf.

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