Grünen-Chef Robert Habeck kann auch ohne Plastiktüte leben

WAHL 2019: Der Grünen-Politstar Robert Habeck zog auch in Freiberg die Massen an. Auf dem Schlossplatz stellte er sich zusammen mit dem Grünen-Spitzenkandidaten Wolfram Günther den Fragen der Zuhörer.

Freiberg.

Das passiert den Grünen im Kreis Mittelsachsen auch nicht so oft: jede Menge Interessierte bei einer ihrer Parteiveranstaltungen. Der Grünen-Bundesvorsitzende Robert Habeck war am Dienstagabend nach Freiberg gekommen und sorgte mit rund 300 Zuhörern für einen ziemlich vollen Schloßplatz. Der Berliner Polit-Star zieht gerade mit seiner "Mut hat viele Gesichter"-Tour durch Sachsen.

"Ihr wisst schon, dass ihr auf einer Grünen-Veranstaltung seid?", rief Habeck mit einem zufriedenen Lächeln zu Beginn in die Runde. Die offene Fragestunde gehöre zur Idee von grüner Politik: das Gespräch suchen, Argumente austauschen. "Wenn ich sehe, wie viel Aufmerksamkeit die Grünen zum Beispiel hier in Freiberg erfahren, gibt mir das Kraft für meine politische Arbeit und Vertrauen in die Kraft der Zivilgesellschaft." Auf den Wandel der Zeit aus Angst mit Aggressivität oder Missgunst zu reagieren, sei leicht. Die schwierige Aufgabe sei es, zu kämpfen und die Zuversicht zu behalten - trotz allem und wegen allem. Für diesen grundsätzlichen Appell gab es viel Beifall auf dem Schlossplatz.


"Wir wollen nicht verschweigen, dass der derzeitige Vertrauensvorschuss für die Grünen in Sachsen und zum Teil auf Bundesebene neu für uns ist. Wir waren mit der Gründung der Partei eher zuständig für Nischenthemen. Die Erwartungshaltung stellt uns heute eine andere Aufgabe: Wir sollen jetzt nicht mehr die Verantwortung für ein kleines Milieu tragen, sondern für zentrale Fragen der gesellschaftlichen Debatten. Das ist eine neue Erfahrung."

In Sachsen regiere die CDU, die nicht die Zukunft gestalte, erklärte Günther. "Werden die Fragen, die real anstehen, angegangen oder entwickeln wir uns zurück? Das entscheidet sich am 1. September. Wir Grünen kämpfen für unser Ziel, progressive Mehrheiten zu gewinnen." So viel sächsischer Wahlkampf muss dann auch sein.

Fragen an Habeck und Günther gab es auch - jede Menge: vom Messerverbot, Fachkräftemangel, Radwegeausbau bis zu den Aufgaben der Entwicklungshilfe war alles dabei. Beim Klimaschutz würde auch die grüne Programmatik derzeit nicht ausreichen, das Pariser Klimaziel von zwei Grad zu erreichen, gab Habeck zu. "Wir können die verlorene Zeit nicht so schnell aufholen. Nicht mit noch drastischeren Klimaschutzmaßnahmen, ohne dabei die soziale Frage außer Acht zu lassen. Es stimmt, alle linearen Berechnungen, die wir anstellen, führen wohl nicht zum Klimaziel, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen", so Habeck. Politische und gesellschaftliche Entwicklungen seien aber nie linear verlaufen. ",Fridays for Future' war plötzlich da, Handys oder Internet sind nicht mehr wegzudenken, die Grünen im Aufwind: Gesellschaft und Technik verhalten sich nie linear. Das ist unsere Hoffnung. Auf einmal wird eine Kraft entfaltet, die alles, was wir uns gerade noch vorstellen konnten, in den Schatten stellen wird." Die Chancen, politische Veränderungen wirklich umzusetzen, würden aber größer, "wenn wir anfangen zu agieren. Abwarten ist keine Option. Dann muss man ein wenig darauf hoffen, dass aus der Dynamik einer Gesellschaft das Richtige entsteht." Daher sei die Landtagswahl in Sachsen so entscheidend, damit die notwendigen Veränderungsprozesse zumindest in Gang gesetzt werden.

Er wolle gar keine Politik ohne Kompromisse. "Natürlich wünsche ich mir möglichst viele Stimmen für die sächsischen Grünen, ein starkes Mandat zur Veränderung. Aber die Vorstellung, dass 100 Prozent der Menschen die Grünen wählen, ist doch auch ein Albtraum. Das Schlechtreden von Kompromissen ist die Krankheit dieser Zeit. Die gehören zur Demokratie dazu: Kompromisse, die möglichst die Interessen vieler widerspiegeln."

Beim Zukunftsthema "vertikale Landwirtschaft", um Wasser und Fläche zu sparen, musste selbst der redegewandte Bundesvorsitzende passen. Über Schweinehochhäuser habe er noch nicht nachgedacht.

Nachgedacht aber hat er über die E-Mobilität. Bei allen Problemen etwa bei der Gewinnung Seltener Erden für die Batterien sei er dennoch für den Ausbau der Elektro-Mobilität - bei gleichzeitigem, strengen Blick in die Länder, aus denen die seltenen Erden für die Batterien herkommen. "Gleichzeitig muss der Wasserstoff-Antrieb weiterentwickelt werden. Derzeit können wir aber nicht auf E-Autos verzichten."

Habeck kritisierte in Freiberg einen Wohlstandsbegriff, der mit schnellem Ressourcenverbrauch einhergeht. "Auch ich bin von Mobilität abhängig, habe ein Handy und kaufe Klamotten. Aber wir sollten die Wegwerfmentalität über Bord werfen. Zudem sollten die fossilen Energien, die Klima und Umwelt schädigen, Schritt für Schritt aus der Gesellschaft zurückgedrängt werden." Und: "Ich kann mir ein Leben ohne Plastiktüte vorstellen."

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3Kommentare
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  • 7
    4
    Malleo
    15.08.2019

    Im Zwickauer Gasometer konnte ich gestern leider keine Fragen stellen.
    Wohlfühlfragen von Grünenverstehern waren gewollt.
    Für mich war diese Veranstaltung Folter.

  • 6
    3
    Freigeist14
    15.08.2019

    ist dieser Allgemeinplatz schon eine Schlagzeile wert ? Oder wollte sich der Grünen-Chef und Liebling der Medien sonst nicht festlegen ?

  • 7
    2
    Bader
    15.08.2019

    Bei solch einem prominenten Gast und einer Universitätsstadt mit so vielen Studenten sind 300 Besucher eher wenig. Hätte deutlich mehr erwartet...



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