Helle Gedanken in dunkler Zeit

Trübe, kurze Tage und dann auch noch Sorge und Isolation wegen der Pandemie - vier Pfarrer finden Worte der Hoffnung.

Freiberg.

Der Monat November ist traditionell eine Zeit der Einkehr. Sie beginnt zwei Wochen vor dem ersten Adventssonntag mit dem Volkstrauertag. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge erinnert damit seit 1922 an die Kriegstoten. Heute nutzen Politik und Kirchen den Tag zur Mahnung zum Frieden. Am darauffolgenden Mittwoch wird der evangelische Buß- und Bettag gefeiert. Der Einzelne und die Gesellschaft sollen ihre Fehler erkennen, umkehren und die Vergebung Gottes annehmen. Der letzte Sonntag vor der Adventszeit ist dann der Totensonntag oder Ewigkeitssonntag.

Im diesjährigen "Corona-Herbst" werden die Kirchen oft gefragt, was sie den Menschen in dieser Situation zu sagen haben. Pfarrer aus der Region haben geantwortet.


"Mit der notwendigen Nüchternheit durch die Krise gehen und die Schutzmaßnahmen gelassen akzeptieren"

"Am Ende des Kirchenjahres treten Feiertage wie der Totensonntag und der Volkstrauertag verstärkt ins öffentliche Bewusstsein. Dabei stehen für uns als Christen nicht allein die Trauer um unsere Verstorbenen und das Bewusstsein der Vergänglichkeit im Vordergrund. Wir haben schon das Versprechen der Auferstehung vor Augen: Dass die Welt nicht so bleiben muss, wie sie ist. Und dass alle Tränen weggewischt werden, wie es in der biblischen Offenbarung heißt.

Mit diesem Versprechen im Herzen gedenken wir unserer Verstorbenen am Totensonntag. Es sollte es uns auch ermöglichen, mit der notwendigen Nüchternheit durch die Krise zu gehen und die Schutzmaßnahmen wie das Maskentragen gelassen zu akzeptieren. Zudem sollten wir an die Menschen denken, die gleichzeitig noch schwerere Krisen durchstehen müssen. In den Kriegsgebieten dieser Welt leben Menschen wörtlich unter Beschuss. Ich denke unter anderem an die Region Bergkarabach im Kaukasus, in der zwar Waffenruhe, aber kein Frieden herrscht. Im Rahmen der Friedensdekade schließen wir auch die Opfer der Gewalt in der Welt in unsere Fürbitten ein."


"Ich bin dankbar, dass es in dieser Zeit die Friedenskirche in Müdisdorf gibt"

"Corona rückt uns in diesen Tagen sehr nahe: Durch eigene Erlebnisse, durch Einschränkungen in unserem Alltag oder durch die immerwährende Beschallung mit dem gleichen Thema, das uns physisch und psychisch gefangen nimmt. Ich bin dankbar, dass es in dieser Zeit die Friedenskirche in Müdisdorf gibt. Diese einfache Holzkirche wurde im Jahr 1953 erbaut und sie trägt nicht zufällig den Namen Friedenskirche. Viele fahren an dieser Kirche erst einmal vorbei, so klein, schlicht und einfach ist sie.

Die Botschaft, von der diese kleine Kirche erzählt, ist in diesen Tagen wieder hochaktuell. Wir leben in einer Zeit ohne Frieden. Wir Menschen sind aufgewühlt und ängstlich. Aber wir haben Jesus. Er schenkt uns Frieden und damit die Kraft, uns dem Chaos dieser Tage zu entziehen, einen klaren Kopf und ein klares Herz zu behalten und den Frieden Gottes an andere Menschen weiterzugeben. Vielleicht gelingt uns das nicht immer. Aber ich wünsche uns, dass wir gerade in diesen bewegten und stürmischen Zeiten bei Jesus einen festen Halt finden. So können wir für andere Menschen ein Segen sein. Egal, wie und wo sie uns brauchen."


"Das in unserer Situation suchen, was dem Leben dient"

"Im Buch Jeremia schreibt der Prophet an die ins Exil nach Babylon verschleppten Israeliten. Auch sie mussten mit einem Mal viele wichtige und lieb gewonnene Menschen und Gewohnheiten hinter sich lassen. Der Prophet mahnt aber, die Situation anzunehmen. Er schreibt: ,Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte'. Und er stellt in Aussicht, dass sie nach 70 Jahren wieder zurück in ihre Jerusalemer Heimat kommen.

Ich sehe darin eine heilsame Neuorientierung, das in unserer Situation zu suchen, was dem Leben dient. Dabei soll ein Leben nach der Krise nicht vergessen werden. Konkret heißt das: Was kann ich tun, was mir persönlich jetzt gut tut? Meine Wohnung schön halten, mich mit den Möglichkeiten von Internettelefonie vertraut machen, um auch visuell im Kontakt zu bleiben. Aber auch vermehrt das Telefon in die Hand nehmen und Menschen anrufen, die Anteilnahme brauchen.

Andererseits ist es wichtig, sich nicht an die Situation zu gewöhnen. Die Zeiten können sich auch wieder ändern. Diesen Ausblick gibt der Prophet."


"Wir müssen einander fern bleiben und sind uns doch plötzlich ganz nah"

"Alleinsein greift in diesen Tagen um sich - in den Dörfern genauso wie in den Städten. Niemand muss dazu sein Zuhause verlassen; alle sollen doch gerade möglichst die Öffentlichkeit meiden. Aber gerade zu Hause sind viele Menschen in unserem Land nur mit sich allein. Erwachsene jeden Alters leben auffallend oft im Ein-Personen-Haushalt. Jeder Mensch kann schnell mit Erwartungen überfordert sein, wenn das gewohnte Miteinander auch nur vorübergehend unerreichbar ist.

Jetzt ist die Zeit, lange getrennte Kontakte wieder aufzunehmen. Jeder Mensch kann dem anderen etwas sagen. Wir müssen einander fern bleiben und sind uns doch plötzlich ganz nah - bei einem Telefonat, durch einen Brief oder mit einer kleinen Aufmerksamkeit.

Der Streit vergangener Tage sollte bei den aktuellen Herausforderungen zumindest an Bedeutung verloren haben. Und Beten stiftet Gemeinschaft - nicht nur allein mit Gott, sondern auch als Gebetsgemeinschaft an vielen Orten, wenn wir füreinander beten, und beim Zusammensein in den Kirchen, um uns so oder so nicht aus dem Blick zu verlieren."

11 Kommentare
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  • 1
    0
    Juri
    20.11.2020

    Danke für diesen Artikel. Wenigstens einmal ein paar geistliche Gedanken, von einer ansonsten eher sprachlosen, sicher auch überforderten "Institution" Kirche.
    Wir Christen und viele andere Menschen auch, wir warten und sehnen uns aber nach hoffenden, heilenden und froh machenden Botschaften.
    Der Artikel passt gut in die Zeit und ist hoffentlich nicht nur geschrieben, weil sich das im November so "gehört"?
    Eine gute Möglichkeit sich daran zu erinnern, dass wir eigentlich ein christliches Land sind. Zumindest wenn man sich unsere Traditionen und Feiertage ansieht.
    Schade, dass nur die Herren Pastoren die Möglichkeit bekamen sich zum WORT zu melden. Es könnte glatt der Eindruck entstehen, unsere verehrten Pfarrerinnen seien ausschließlich für den Innendienst ordiniert worden. Oder gibt es aktuell gar keine???