Herbstzeitlos, immergeschmacklos

Hier steht, was wirklich wichtig ist. Heute: Bunt sind schon die Wälder, sofern es noch welche gibt

Traritrara, der Herbst ist da, und die Pilze schießen wie Pilze aus dem Boden. Doch was ein echter Erzgebirger, Vogtländer oder Tscheche ist, der sammelt keine Pilze. Der geht stattdessen in die Schwamme. Am besten mittenrein, mit beiden Füßen. Oder in die Schwämme? Und das, was rauskommt, wenn man einen Spülschwamm ausdrückt, das ist die traditionelle Schwammebrie.

Wer dagegen den Pilz nur auf der Spinatlasagne von vorletzter Woche findet, oder unter dem linken kleinen Zehennagel, der sollte mal zur Pilz-Beratung gehen. Dort erfährt man möglicherweise auch, dass man sogar Fliegenpilze essen kann. Das ist dann auf jeden Fall ein einmaliges Erlebnis.

Leider lassen sich mit Pilzen zwar Körbe füllen, nicht aber alle Zeilen eines Zeitungsartikels. Deshalb soll hier auch von den anderen Freuden des Herbsts die Rede sein. Zum Beispiel von den Herbstzeitlosen. Die sehen aus wie ein in Würde gealterter Krokus, und sind zeitlos giftig. Weshalb ihre Lebenszeit auf mancher Wiese und Weide eher kurz bemessen ist. Da ist der Rasenmäher vor, bevor sich die Kühe mithilfe der Pflanzen in eine andere Dimension beamen können.

Zeit- und stillos sind auch die Debatten, die man in Freiberg zu dieser Jahreszeit führt: Soll die Umgehungsstraße direkt durch das Silbermannhaus verlaufen oder reicht es, wenn sie kurz vorher abbiegt, um sich durch den Dom zu schlängeln, wobei man dann in der kurfürstlichen Grablege einen Reisebus-Parkplatz anlegen könnte? Oder wäre ein Hubschrauber-Landeplatz im Kreuzgang die bessere Lösung? Irgendwo müssen die vielen Welterbe-Touristen ja hin. Mit dem Besucherzentrum wird's wohl noch eine Weile dauern. Wobei sich jetzt eine "Lösung" abzeichnet. Offenbar wurde Gottfried Silbermann von einem Anwalt aufgefordert, nicht mehr zu behaupten, dass der Oberbürgermeister mitteilte, dass der kommunale Anteil eines geplanten gemeinsamen Förderantrags nicht mit der Sächsischen Kommunalhaushaltsverordnung vereinbar sei. Richtig sei vielmehr, dass der Oberbürgermeister mitteilte, dass der Antrag in der gestellten Form nicht den kommunalen Haushaltsvorschriften entspricht. Jetzt will Gottfried Silbermann möglicherweise aus dem Haus ausziehen, in dem er seit mehr als 300 Jahren Orgeln baut. Tja, Herr Silbermann: "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr." Vielleicht findet er Unterschlupf in den Domherrenhäusern. Vielleicht zieht er auch nach Freiberg am Neckar. Und wir holen uns einfach einen neuen Orgelbaumeister her.

Noch zeitloser (wobei es am optimalsten wäre, wenn man ein Adjektiv, das sich nicht steigern lässt, auch nicht steigerte) ist die Debatte um das Theater. Genauer gesagt, um die Frage, ob im Theater hin und wieder mal was Interessantes gesagt werden darf. Ob man zum Beispiel aus einem Buch vorlesen darf, das nicht jedem gefällt. Oder ob man eine solche Veranstaltung, wie geschehen, in den Städtischen Festsaal verlegen muss, wo das Buch zwar immer noch nicht jedem gefällt, aber dafür das Mineralwasser besser schmeckt.

Ein Vorschlag: Man fragt einfach David Rausch, seines Zeichens Kreistagsabgeordneter der Linken mit einem Hang zu symbolträchtigen Geschenken. Der hatte vor knapp drei Jahren im Kreistag Maulkörbe verteilt, um gegen den "Maulkorberlass" zu protestieren. Dieser besagt, dass Kreisräte vor den Sitzungen die Vorlagen für Beschlüsse nicht verbreiten dürfen - inzwischen hat das Oberverwaltungsgericht das bestätigt. Vielleicht hat Rausch noch ein paar Maulkörbe übrig, da manche Kreisräte ganz freiwillig die Klappe halten... Dann könnte er die einfach den Theatermitarbeitern schenken, und Ruhe ist. Es wäre auch ein gutes Signal nach außen, wenn auf mittelsächsischen Bühnen die Opern mit Maulkorb gesungen würden. Dann wüsste gleich jeder: Bunt ist bei uns nur das Herbstlaub. Und das auch nur in der ersten Oktoberhälfte an geraden Tagen, die nicht auf -tag enden.

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