Herderhaus: Bohrgerät nervt Nachbarn

Unweit des Freiberger Doms wird eine Tiefgarage in den Boden getrieben. Die Anwohner können dem Baulärm wegen der Corona-Pandemie nicht entfliehen. Handelt die Stadt rücksichtslos?

Freiberg.

Die Stadt Freiberg setzt die Gesundheit von Bürgern vorsätzlich aufs Spiel - diesen Eindruck haben Anwohner des Herderhauses, das derzeit zum Stadtarchiv und Museumsdepot umgebaut und erweitert wird. Aktuell laufen vor dem historischen Gebäude unweit des Freiberger Doms Bohrungen für eine Tiefgarage - mit dem entsprechenden Geräuschpegel.

Die Nachbarn der Baustelle aber dürfen wie alle Sachsen wegen der Corona-Pandemie ihre häuslichen Unterkünfte vorerst bis zum 20. April dieses Jahres nicht ohne triftigen Grund verlassen. In der Verordnung, die für Zuwiderhandlungen 150 Euro Bußgeld vorsieht, wird die Flucht vor Lärm nicht als Entschuldigung erwähnt. Dabei werde mehr als doppelt so viel Krach gemacht wie zulässig, hat Professor Oliver Rheinbach ermittelt und Videos von den Messungen an Oberbürgermeister Sven Krüger (parteilos) gemailt.

Rheinbach erinnert auch daran, dass der Baulärm bereits 2018 und 2019 über Wochen unzulässig hoch gewesen sei. Die Immissionsschutzbehörde des Kreises habe in einem Schreiben vom 29. August 2019 festgestellt, dass die Lärmwerte "zum Teil auch die Schwelle zur Gesundheitsschädlichkeit erreicht bzw. überschritten" hätten. Es sei bedauerlich für die Anwohner, so der Professor, dass dies nun schon wieder in ähnlichem Maße passiere: "Für uns muss der Eindruck entstehen, dass dies vorsätzlich geschieht."

Silke Grombach vom Hochbauamt der Stadt hatte den Anwohnern die Bohrarbeiten im März schriftlich angekündigt. Diese stellten "hinsichtlich der Lärmbelastung die kritischste Bautätigkeit" während des Vorhabens dar. Leider sähen alle Beteiligten keine realistische Alternative, die Belastung der Anwohner zu reduzieren. Diskutiert worden sei, so die Amtsleiterin auf Nachfrage, eine Schallschutzwand jeweils bis einen Meter über dem obersten Geschoss vor den Fassaden der Heubnerstraße und der Kreuzgasse aufzustellen: "Diese Lösung wurde auf Grund der damit vollständig fehlenden Belichtung für sämtliche Wohnungen wie auch der erheblichen Kosten verworfen."

Den Vorwurf der Rücksichtslosigkeit weist die Amtsleiterin zurück. Alle Beteiligten seien sich der Besonderheiten der innerstädtischen Baustelle bewusst: "Aus diesem Grund wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, um ein in mehreren Runden abgestimmtes Konzept zu erarbeiten, das die Belastungen für die Anwohner so gering wie möglich hält." Sowohl die Wahl der Arbeitsgeräte und Maschinen, Arbeitszeit und auch die Technologie der Bauleistungen seien differenziert festgelegt worden. Darüber hinaus würden, wo möglich, baulich temporäre Einhausungen platziert. Für das 18 Meter hohe Bohrgerät, das mehrfach umgesetzt werde, sei eine solche aber nicht praktikabel.

Es sei erwogen worden, ergänzt Baubürgermeister Holger Reuter (CDU), die Bohrarbeiten zeitlich zu strecken: "Der Nachteil wäre allerdings, dass sich die Bohrarbeiten um einige Tage verlängern. Das wollten wir den Anwohnern nicht zumuten." Er gehe davon aus, dass die Bohrungen vor Ostern beendet sind.


21 Millionen Euro veranschlagt

Das denkmalgeschützte Gebäude in der Herderstraße 2 wird seit März 2018 als Stadtarchiv hergerichtet und um ein Museumsdepot mit Tiefgarage erweitert. Das Projekt ist mit insgesamt 21 Millionen Euro veranschlagt. Die Kapazität des Stadtarchivs, das 1489 erstmals als "archivo publico" erwähnt worden war, ist bereits seit 1999 erschöpft. Jährlich kämen etwa 100 laufende Meter Akten hinzu, hatte die Stadtverwaltung schon vor drei Jahren mitgeteilt. Beispielsweise würden seit 1800 Freiberger Tageszeitungen archiviert. Daher seien Ausweichquartiere im DBI an der Halsbrücker Straße, an der Akademiestraße und am Petriplatz genutzt worden.

Seinen Namen hat das zu Beginn des 17. Jahrhunderts errichtete Haus von Siegmund August Wolfgang Freiherr von Herder (1776-1838). Der spätere Oberberghauptmann hatte es 1818 gekauft und ist vermutlich auch der Bauherr der hofseitigen Freitreppe, die laut Stadtverwaltung als bislang frühestes nachgewiesenes neogotisches Bauwerk in Freiberg gilt. Die Schulgemeinde Freiberg kaufte 1847 das Gebäude und betrieb dort nach umfassendem Umbau, Erweiterung und Aufstockung des Hauses 1848 bis 1902 die Knabenbürgerschule. (jan)


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