Holzstraßen führen auf die richtige Spur

Mitglieder des Altertumsvereins gehen sagenhaften Geschichten auf den Grund. Heute: Die Oberstadt wurde erst 1210/18 gegründet.

Blick von der Petrikirche in der Freiberger Oberstadt zum Rathaus.
Dr.Uwe Richter - Historiker

Von Dr. Uwe Richter

Bis Anfang der 1990er-Jahre ging die Stadtgeschichtsforschung davon aus, dass die Freiberger Oberstadt erst 1210/18 entstanden ist. Ausschlaggebend für diese Datierung waren die Untersuchungen des Leipziger Landeshistorikers Rudolf Kötzschke. Das Jahr 1210 als Anfangsdatum der Anlegung der Oberstadt mit dem Obermarkt erklärt Kötzschke mit der Übernahme der Burg Landsberg durch Markgraf Dietrich im Jahre 1210. Die zeitliche Einordnung der Anlage der Oberstadt zwischen 1210 und 1218 wurde bis in die 90er-Jahre des 20. Jahrhunderts kritiklos von allen Historikern übernommen, obwohl nur das Datum 1218 belegt ist.

In diesem Jahr wird in einer Urkunde von Bischof Bruno von Meißen als Zeuge unter anderem Hermann aus Freiberg angeführt, bei dem es sich, wie aus späteren Urkunden hervorgeht, um den Pfarrer der Petrikirche gehandelt hat. Damit steht fest, dass 1218 die Petrikirche oder zumindest Teile davon vorhanden waren, was wiederum die Existenz der Oberstadt belegt. Anders verhält es sich bei der Jahreszahl 1210, die Kötzschke als Beginn der Anlegung der Oberstadt angibt. Hier verweist er auf das älteste Stadtsiegel aus dem Jahre 1227, in dem neben dem markmeißnischen Löwen auch die Landsberger Pfähle abgebildet sind, die Markgraf Dietrich aber erst seit 1210 in seinem Wappen trägt. Damit war für Kötzschke klar, dass mit der Aufsiedlung der Oberstadt nicht vor 1210 begonnen worden sein kann.

Kötzschke übersieht dabei jedoch, dass bereits Markgraf Otto ein mit Längspfählen verziertes Reitersiegel besaß. Daraus wurden später die sogenannten Landsberger Pfähle, einer der Hauptbestandteile des sächsischen Wappens.

Zu Beginn der 1990er-Jahre erfolgten archäologische Untersuchungen in der Heubnerstraße und in der Weingasse. Dabei konnten hochmittelalterliche Holzstraßen dokumentiert werden. Dendrochronologische Untersuchungen, das heißt die jahrgenaue Altersbestimmung auf Grundlage der Jahrringe, von Konstruktionshölzern dieser Straßen ergaben als Fälldaten der Bäume 1182/83 und kurz nach 1185. Beide Straßen umschließen zwei Seiten eines zur Oberstadt gehörenden Quartiers. Einige Jahre später wurde eine weitere Holzstraße in der Petersstraße entdeckt. Auch davon sind Konstruktionshölzer dendrochronologisch untersucht worden. Die Fälldaten der Bäume stammen hier von 1189. Durch diese Ergebnisse steht fest, dass die Freiberger Oberstadt bereits seit Beginn der 80er-Jahre des 12. Jahrhunderts angelegt worden ist.

Die bei jüngeren archäologischen Grabungen der letzten Jahre in der Oberstadt erzielten Resultate bestätigen diese zeitliche Einordnung. So konnten weitere Holzproben aus der Korngasse und der oberen Weingasse/Burgstraße dendrochronologisch bestimmt werden. Die Fälldaten der Bäume liegen auch hier noch in der 1180er-Jahren. Von einer archäologischen Untersuchung auf einer Parzelle an der Straße Am Marstall wurden Hölzer geborgen, die von Bäumen stammen, die zu Beginn des 13. Jahrhunderts geschlagen wurden. Da diese bereits über einer älteren Schicht liegen, hatte auch an dieser Stelle die Aufsiedlung bereits am Ende des 12.Jahrhunderts begonnen.

Der Stadtentstehungsprozess von Freiberg lässt sich wie folgt beschreiben: Der Beginn der städtischen Entwicklung setzte kurz nach der Entdeckung silberhaltiger Erze auf Christiansdorfer Flur um 1170 ein. In den 70er-Jahren des 12. Jahrhunderts entstanden in rascher Folge mehrere Siedlungsteile um die alte Jakobikirche, Nikolaikirche und die Kirche Unser Lieben Frauen (seit 1480 Dom). Teile von Christiansdorf bestanden bei der alten Dorfkirche, der Donatskirche, eine Zeit lang als Vorstadt weiter. Bereits zu Beginn der 80er-Jahre des 12. Jahrhunderts war aufgrund des durch den Bergbau verursachten enormen Bevölkerungswachstums eine Stadterweiterung notwendig geworden. Deshalb entstand seit den frühen 80er-Jahren des 12. Jahrhunderts die planmäßig nach dem Gitternetzschema angelegte Oberstadt mit Obermarkt und Petrikirche.

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