"Ich hätte nie gedacht, dass ich so nah an der Regierung bin"

Oederanerin Susan Leithoff über die ersten Monate als Landtagsabgeordnete und die Arbeit im Ausnahmezustand

Oederan.

Seit dem 1. Oktober 2019 ist Susan Leithoff Mitglied des Sächsischen Landtages. Im Interview mit Thomas Reibetanz erzählt sie von sehr arbeitsreichen ersten Monaten, berichtet über die Gründe, warum sie ihren Job fast komplett an den Nagel gehängt hat und sie sagt, warum sie aktuell gar kein Neuling mehr in der Landespolitik ist.

Freie Presse: Von der Rechtsanwältin zur Politikerin - wie leicht ist Ihnen diese Umstellung gelungen?

Susan Leithoff: Am Anfang nicht leicht, um ehrlich zu sein. Denn ich hatte vor, weiter in meinem Beruf zu arbeiten und gleichzeitig im Landtag zu sitzen. Ich habe aber schnell gemerkt, dass das nicht funktioniert. Landtagsabgeordnete ist ein Vollzeitjob, der die volle Aufmerksamkeit braucht. Deshalb bin ich auch gerade dabei, meine Kanzleiräume in Chemnitz aufzugeben.

... mit Wehmut oder Freude auf die neuen Aufgaben?

Natürlich mit ein bisschen Wehmut. Es überwiegt aber ganz klar die Freude. Im Übrigen habe ich meine Zulassung als Rechtsanwältin ja auch nicht aufgegeben. Ich arbeite weiterhin in diesem Beruf, allerdings längst nicht mehr in dem Umfang wie vorher.

Dass Sie die Kanzleiräume aufgeben, heißt aber, dass Sie Ihre Zukunft in der Politik sehen?

Das hat bei dieser Entscheidung keine Rolle gespielt. Sicherlich gehe ich in meiner neuen Tätigkeit voll auf und würde mich freuen, wenn es bei der nächsten Wahl für mich im Landtag weitergeht.

Und was ist es, was Sie an Ihrem neuen Beruf so fasziniert?

Im Grunde alles. Es fasziniert mich sehr, dass meine Meinung gehört wird und meine Anregungen ernst genommen werden. Wir haben in der CDU-Fraktion ein tolles Klima, arbeiten sehr gut zusammen. Wir haben zudem einen kurzen Weg zur Staatsregierung, dies gilt auch für die Minister der anderen Parteien. Wenn ich von Bürgermeistern oder Einwohnern aus meinem Wahlkreis Hinweise oder Fragen bekomme, werden die sehr ernst genommen und auch schnell bearbeitet.

Können Sie ein Beispiel nennen?

In Niederwiesa kämpft Bürgermeister Raik Schubert um Fördergelder für den Neubau der Schulsporthalle. Mit diesem Anliegen habe ich mich an den Ministerpräsidenten gewandt und auch erste Gespräche mit ihm geführt. Wir wollten einen gemeinsamen Termin mit Bürgermeister Schubert machen, doch die Coronapandemie hat uns vorerst ausgebremst. Dieses Beispiel verdeutlicht aber: Die Wege zu den Entscheidern sind erfreulich kurz.

Stichwort Corona: Plötzlich sind Sie als Neuling mittendrin in politischen Entscheidungsfindungen, die das Leben aller Menschen stark verändern. Wie sieht Ihre Arbeit aktuell aus?

Es ist richtig - ich bin in einer Zeit, die von politischen Entscheidungen geprägt ist, mittendrin. Gerade deswegen fühle ich mich nicht mehr als Neuling. Weil die Situation ja für uns alle neu ist. Für die im September erstmals gewählten Abgeordneten ebenso wie für die "alten Hasen". Meine Arbeit hat sich aktuell nahezu ausschließlich ins Homeoffice verlagert. Vorher war ich ständig unterwegs zu Sitzungen oder Terminen, die nun via Telefon und Internet stattfinden. Zudem bin ich durch die Pandemie sowie deren Auswirkungen gefragt, um Bürgern oder Unternehmen zu helfen.

Können Sie persönlich auf die Entscheidungen der sächsischen Regierung in der aktuellen Krise Einfluss nehmen?

Natürlich. Das sollen wir auch. Ein Beispiel: In der ersten Allgemeinverfügung zu den Ausgangsbeschränkungen vom 22. März war als einer der triftigen Gründe, die eigenen vier Wände zu verlassen, die Wahrnehmung des Sorgerechts definiert. Anwaltskolleginnen haben mich angesprochen, dass dort auch die Umgangsberechtigten mit aufgenommen werden müssen. Das habe ich an die Regierung weitergegeben, es wurde angepasst.

Müssen Sie die aktuellen Maßnahmen der Regierung auch manchmal verteidigen?

Oft sogar. Weil ich auch Rechtsanwältin bin, werde ich oft gefragt, ob die Regierung das darf. Juristisch ist die Rechtmäßigkeit von Grundrechtseinschränkungen in drei Schritten zu prüfen: Sind die Maßnahmen geeignet? Ich denke ja. Sind die Maßnahmen erforderlich? Auch da denke ich ja. Sind die Maßnahmen angemessen? Hier muss ich sagen: Ja, das waren sie im Hinblick auf die zunächst stark gestiegenen Ansteckungen. Ob sie es weiterhin sind, wird im Zwei-Wochen-Rhythmus von der Regierung überprüft. Das ist aus meiner Sicht genau der richtige Weg, um eine Interessenabwägung vorzunehmen. Diesen Weg sollten wir gemeinsam gehen.


Mitglied im Ortschaftsrat

Susan Leithoff wurde im Jahr 1979 in Frankenberg geboren. Sie arbeitet als Rechtsanwältin und wohnt im Oederaner Ortsteil Schönerstadt. Sie sitzt seit 2014 im Ortschaftsrat und im Oederaner Stadtrat. 2017 trat sie in die CDU ein, seit 2019 gehört sie als Beisitzerin zum Landesvorstand der Partei. Bei den Landtagswahlen im vergangenen Jahr holte sie im Wahlkreis 18 das Direktmandat. Sie ist unter anderem stellvertretende Vorsitzende im Ausschuss für Schule und Bildung. Leithoff ist verheiratet und Mutter eines Sohnes. (tre)


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