"Ich werde die Krise mit zwei blauen Augen überstehen"

Statt auf internationalen Bühnen zu stehen, verbringt der erfolgreiche Bass Felix Schwandtke jetzt viel Zeit daheim. Der gebürtige Freiberger ist froh, dass Konzertplanungen weitergehen. Dennoch schreibt er an Minister.

Freiberg.

Die alte Musik von Bach bis Händel bestimmt das Leben des gebürtigen Freibergers Felix Schwandtke. Der 31-Jährige singt als Bass, und das ziemlich erfolgreich. Beim Leipziger Bachfest, das im Juni stattfinden sollte, wäre er zweimal in der Nikolaikirche zu hören gewesen. Einmal mit dem Prager Collegium Vocale 1704, einmal mit der Niederländischen Bachvereinigung. Doch Corona kam, und veränderte auch im Leben des freischaffenden Künstlers einiges.

Felix Schwandtke hat seinen Wohnort Leipzig seit Mitte März nicht mehr verlassen, denn es finden keine Konzerte mehr statt. Nicht in Deutschland, nicht in den Niederlanden, nicht in Tschechien, wo er sonst meist auftrat. Er lebt vom Gesparten aus besseren Tagen, bekommt vom Staat die Miete bezahlt, erhielt Hilfen von deutschen Stiftungen, bekam zumindest von einem Veranstalter ein Ausfallhonorar für eines der abgesagten Projekte und überlegt nun, welchen Antrag auf staatliche Unterstützung er ausfüllt. Gemeinsam mit seiner Freundin nutzt er den ungewollten Überfluss an Zeit für einen Umzug und probt daheim. "Bis Ende Juni ist der Kalender leer geräumt", sagt er und verhehlt nicht: "Es fällt mir sehr schwer, mich daheim zum Üben zu motivieren." Deshalb singt er Stücke, die er sonst nicht im Repertoire hat. Einfach, um sich zu fordern.

Seine ersten Begegnungen mit der Musik hatte Felix Schwandtke als kleiner Junge bei Wolfgang Eger im Freiberger Knabenchor und beim Klavierunterricht an der heimischen Musikschule. "Doch in den Beruf Sänger bin ich mehr oder weniger hineingeschlittert", bekennt er. Und das kam so: Die Eltern rieten ihm, etwas mit Musik zu machen, und die erste Freundin überredete ihn, mit ans Sächsische Landesgymnasium für Musik in Dresden zu kommen. Obwohl er in der Elbestadt interessante Jahre mit Musik verbrachte, wie er sagt, und Menschen kennen lernte, die Musik studieren wollten, behielten die Zweifel die Oberhand. "In einem Jahr Zivildienst dachte ich viel darüber nach, was ich werden will, und eigentlich wollte ich Ingenieur werden", blickt er zurück. Doch dann beteiligte er sich nochmals an "Jugend musiziert" und bemerkte, dass ihm der Kontakt zu Musik und Musikern fehlen könnte.

Er studierte sechs Jahre an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden. 2014 ging er nach Leipzig, "um die Studienzeit auch räumlich abzuschließen". Ein festes Engagement hat er nicht, und das ist für den jungen Mann auch in Ordnung. Er arbeitet freiberuflich und ist dadurch viel unterwegs.

Oft singt Felix Schwandtke mit der Niederländischen Bachvereinigung, einem Musikensemble, das sich auch großen Projekten widmen kann. Der Johannes-Passion von Bach beispielsweise. Der Freiberger bewarb sich um einen Solopart und sang den Jesus. Genauso wie in der Matthäus-Passion von Bach. "Das sind anstrengende Abende, aber auch eine große Ehre und Herausforderung für mich." Enge Kontakte pflegt er auch zum Collegium Vocale 1704 in Prag. Mit beiden sollte er im Juni zu "Bach - We Are Family" in Leipzig auftreten.

Ab und zu singt der 31-Jährige mit der Dresdener Formation Auditivvokal auch zeitgenössische Musik. So wie bei einer großen Produktion im Festspielhaus Hellerau. Das Musiktheater basiert auf dem Roman "Schlachthof 5" des Amerikaners Kurt Vonnegut, der in Dresden als Kriegsgefangener im Haus Schlachthof 5 die Bombenangriffe überlebte. Nach der bis jetzt weiterhin vorgesehenen Premiere im Herbst in Hellerau soll das Stück europaweit aufgeführt werden.

Für den jungen Sänger ist es wichtig, dass die Konzertplanungen weiter gehen. "Das gibt mir das Gefühl von Normalität." Für 2022 werde es mit Terminen zuweilen schon eng, weil viele ausgefallene Veranstaltungen dann nachgeholt werden sollen. "Ich werde die derzeitige Krise mit zwei blauen Augen überleben", zeigt er sich optimistisch. "Die Frage ist, wie die Strukturen im Kulturbereich künftig aussehen. Das Geld wird auf Jahre hinaus knapp werden." Deshalb schreibt der junge Mann Briefe an Abgeordnete und Minister, um auf die Kulturszene aufmerksam zu machen, "politische Sichtbarkeit zu erreichen", wie er sagt.

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