In Annas Gärten

Augustusburg entdeckt für sich die Sachsenfürstin und macht ein spezielles Kapitel der Landes- geschichte auf sinnliche Weise erlebbar.

Augustusburg.

Als Referenz an die frühere Landesmutter, Kurfürstin Anna (1532 bis 1585), verstehen die Augustusburger den am Wochenende in Besitz genommenen Kräutergarten am Fuße des Schlosses. Die einstige Sachsenfürstin wird als profunde Kräuterexpertin geschätzt und gilt als erste Apothekerin ihrer Zeit in hiesigen Landen.

Beim Anlegen des jetzt blühenden Kleinods reifte bei den Initiatoren der Stadt um Bürgermeister Dirk Neubauer die Idee, dem gärtnerischen Wirken der Kurfürstin und deren Bemühen um die Pflanzenheil- und Nahrungskunde intensiver auf die Spur zu gehen und in einem Büchlein zu würdigen. Mit Reinhold Lindner wurde ein Urgestein der Kulturschreibenden in der Region und zugleich ein Augustusburger als Autor gewonnen. Der Journalist wusste mit seiner heiteren Buchvorstellung am Freitagabend das Publikum für den Kräutergarten zu sensibilisieren und die Neugier für das Werk "In Annas Gärten" zu wecken. Vielmehr noch zeigte der Autor seine in ungezählten Recherchestunden angewachsene Sympathie für die Frau an der Seite des sächsischen Regenten August von Sachsen. Der Untertitel "Die sächsische Kurfürstin macht Staat" verweist darauf, dass die Adlige der Frühen Neuzeit durchaus das Zeug einer umsichtig agierenden Regierungschefin mitbrachte und Führungsqualitäten ausübte. "Ohne sie hätte der Kurfürst alt ausgesehen", zeigt sich der Mittachtziger überzeugt. Umso erstaunlicher sei es, dass sie in der sächsischen Geschichtsschreibung zu kurz komme. Lindner will sein Buch zur Entstehung des Kräutergartens daher vor allem als einen Beitrag für das Wirken der Kurfürstin Anna sehen. "Längst verweile ich als Schaulustiger regelmäßig in der Grünanlage. Dabei nehme ich immer wieder eine staunende Anmerkung wahr: Wer war Anna? Diese Unwissenheit muss aus der Welt geschaffen werden."

Während der zweijährigen akribischen Quellenstudien stöberte Reinhold Linder in Archiven, sichtete Zeitdokumente, las Kochbücher, unternahm Forschungsfahrten nach Stolpen, Torgau und Annaburg. Auch Fachleute und Bibliotheken der Prager Burg und des Nationalmuseums in Kopenhagen besuchte er. "Im Ergebnis habe ich viel mehr thematisches Futter gefunden, als ich aktuell verarbeitet habe. Zugleich wurde mir klar, dass zur Person und ihrem Wirken längst nicht alles erforscht und erzählt worden ist", sagt Lindner und sieht mit den Initiatoren des Kräutergartens den geeigneten Anstoß gegeben, über die Pflanzenkunde hinaus eine Sächsin für ihr kulturgeschichtliches und politisches Wirken ins Licht zu rücken.

75 Pflanzenarten von Anis bis Zwiebeln gibt es auf dem früheren Schulgartengelände zu entdecken. Sie allesamt kamen zur Zeit der Kurfürstin als Gewürz auf den Tisch oder halfen, Leid zu lindern. "Kümmel etwa fand sich auf jeder Wiese um Augustusburg, bis in die 1950er- Jahre wurde er hier noch vom Feld geholt", erinnert sich Eberhard Meyerhoff. Der frühere Gärtnermeister der Stadt zeichnet für die Geschicke fachlich verantwortlich. "Mit dem Kräutergarten vollziehen wir den umgekehrten Weg: Wir bringen Wald- und Wiesenpflanzen wie Salbei, Indianernessel und Ysop wieder in den Naturraum. Wir wollen der Landschaft etwas zurückgeben", so der 69-Jährige. Laut Überlieferungen habe ein Kräutergarten seinerzeit zum imposanten Bauwerk gezählt. Daher auch die in drei Sprachen ausgefertigten Schilder mit den Pflanzennamen: neben Deutsch und Latein jene Begriffe der Renaissance, etwa Kram Kommel für Kümmel oder Quendel für Feldthymian.

Dass dies zunehmend Anklang findet, bekräftigte Bürgermeister Neubauer. Seit Baubeginn 2018 hätten über die Google-Maps-Suche 35.000 Nutzer eine Navigationsanfrage zum Kräutergarten Augustusburg gestellt. "Wenn auch nur ein Teil davon zu uns auf Reisen geht, haben wir mehr als einen touristischen Erfolg zu verbuchen", so der Stadtchef.

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