Irrlichteln im Advent

Hier steht, was wirklich wichtig ist. Heute: Manchmal kommt es anders und schon gar nicht als man denkt.

Dieses Jahr ist alles anders. Abgesehen von den Dingen, die so sind wie immer: Kurz nach dem Totensonntag beginnt die schönste Zeit des Jahres. Zumindest für die Stromanbieter. Jedes noch so kleine Kellerfenster im Weihnachtswunderland bekommt jetzt das, was uns allen bislang fehlt: die Erleuchtung.

Wer was auf sich hält, hat die Zeitschaltuhr am Schwibbogen längst mit seinem Smartphone verbunden und lässt seine Follower auf Instagram darüber abstimmen, in welchem zeitlichen Rhythmus er das Ding an- und ausschalten soll. Oder man fragt einfach die Bundeskanzlerin, was man zu tun hat. So machen es ja bekanntlich wir Journalisten.

So mancher merkt aber jetzt erst, dass ganz unerwartet Weihnachten vor der Tür steht und trotz Pandemie unbedingt hereingelassen werden will. Da müssen dann in allerletzter Minute noch die Pyramide ausgerichtet, der Schwibbogen zurecht gebogen und das Raachermannel frisiert werden. Dafür hatte man ja auch nur ein ganzes Jahr Zeit. Räuchermännchen müssen dieses Jahr übrigens konsequent isoliert werden, denn als Raucher gehören sie zu den Risikogruppen. Alle anderen dürfen aber feiern, bis der Arzt kommt.

Natürlich müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass wir wegen der Pandemie auf einige Traditionen verzichten müssen. Oder sie anpassen müssen. Freiberg geht mit gutem Beispiel voran: Wer ganz genau hinschaute, konnte feststellen, dass die Pyramide auf dem Obermarkt dieses Jahr ein ganz klitzekleines bisschen langsamer angeschoben wurde als sonst. Wir befinden uns nun einmal in einer beispiellosen Krisensituation. Da muss man mal mit so was klarkommen.

Das Gerücht, Oberbürgermeister Sven Krüger und andere Promis hätten am Donnerstag in der "Goldbaude" vor dem Rathaus Desinfektionsmittel an Passanten ausgeschenkt, konnte allerdings als Fake News enttarnt werden. Ebenso wie die Behauptung, man erhalte eine Glühweintasse voll des Freiberger Whiskys "1. Sohle Single Malt" kostenlos, wenn man per Strafbefehl nachweisen kann, dass man dem Internet-Versandhaus A. eine Paketbombe geschickt hat.

Zum Whisky ist ansonsten zu sagen, dass er seine unschuldige Jugend in Holzfässern in der Reichen Zeche verbracht hat. Jetzt, gereift und altersmilde, wird er auf dem Schlossplatz und in der "Platinbaude" vor dem Rathaus verkauft. Mancher wundert sich vielleicht über die Farbe des Whiskys. Aber warum soll in der Silberstadt nicht auch mal ein goldenes Getränk angeboten werden. Sonst denkt nachher noch jemand, wir würden uns auf unser längst nicht mehr vorhandenes Silbererz irgendwie was einbilden. Und um unsere Geschichte als "Silberstadt" ein riesiges Tamtam machen. Und das ist ja nun wirklich völlig abwegig. Jedenfalls: Weihnachten kann man sich dieses Jahr nur schön trinken. Wer sich auf ein ruhiges Fest gefreut hat, sollte sich um einen Platz im Krankenhaus mit Besuchsverbot bemühen. Zu Hause wird's damit nix: Es dürfen ja doch bis zu zehn Personen zusammenkommen. Kinder sind davon ausgenommen, heißt es. Dürfen die also gar nicht mitfeiern? Dann könnten ja die Eltern die neue Spielkonsole ausprobieren.

Noch eine gute Nachricht: Weihnachtsbäume bleiben stabil. Zumindest, wenn Mama sie gekonnt in den Christbaumständer gezwängt hat. Das ist ja traditionell Frauenarbeit. Was außerdem stabil bleibt, sind die Weihnachtsbaumpreise. Die werden so mittel sein, denn wir sind ja in Mittelsachsen (Irgendwie sind diese Mittelsachsen-Witze immer so mittel...) Dagegen sollen in Gesamtdeutschland die Preise bis in die Baumspitze steigen. Das hat der Bundesverband der Weihnachtsbaumerzeuger angekündigt.

Wer nicht Weihnachtsbaum- erzeuger, sondern Kindererzeuger ist, denkt wohl trotz allem über passende Weihnachtsgeschenke nach. Wie wär's mit einer hübschen FFP2-Maske? Oder einem mobilen Kasten aus Plexiglas, in den man sein Kind hineinsteckt, damit Passanten auf der Straße genügend Abstand halten?

Schluss mit dem Unfug! Auch in diesem Jahr darf es ganz normale Weihnachtsgeschenke geben. Wer zum Beispiel eine Prinzessinnen-Puppe verschenkt, dem bricht kein Zacken aus der Corone. Auch Superhelden sind dieses Jahr unterm Weihnachtsbaum gefragt - sie tragen medizinische Schutzanzüge und brauchen keinen Schlaf. Fazit: Einem unbequerten Weihnachtsfest steht absolut gar nichts im Wege.

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