Kulturchef wechselt in den Unruhestand

Als Sachgebietsleiter bei der Stadtverwaltung wird Andreas Schwinger in den Ruhestand verabschiedet. Damit ist jedoch nur seine offizielle Arbeitszeit vorüber. Eine Prüfung hat er auch gerade bestanden.

Freiberg.

Andreas Schwinger sitzt an der Silbermann-Orgel in der Freiberger Jakobikirche und übt. Dabei handelt es sich nicht um das normale Üben, wie es jeder Künstler nach Möglichkeit täglich absolviert, um seine Fertigkeiten nicht einzubüßen. Schwinger bereitet sich tatsächlich auf eine Prüfung vor. "Und zwar auf die zum D-Kantor", erklärt er. "Domkantor Albrecht Koch unterrichtet mich dabei, damit ich später als Aushilfe etwa bei Gottesdiensten spielen kann." Die Orgel ist schon sehr lange Schwingers musikalischer Begleiter, doch freut er sich besonders darüber, noch hinzu zu lernen. "Ich bekomme wertvolle Hinweise und werde mal kontrolliert", sagt er: "Das finde ich gut."

Dass er eines Tages so fest in der Kultur vornehmlich der Freiberger Region verankert sein würde, danach sah es für den Mann, der zum Jahresende offiziell aus seiner Tätigkeit als Kultursachgebietsleiter in Freiberg ausscheidet und in den Ruhestand geht, gar nicht aus. Im März 1955 in Leisnig geboren und dort bis 1969 aufgewachsen, kam er als Jugendlicher nach Karl-Marx-Stadt. Obwohl nie Mitglied in irgendeiner Organisation wie den Pionieren oder der FDJ, konnte er das Abitur machen, bekam eine Sondergenehmigung für eine Ausbildung an der TU Bergakademie Freiberg, wo er ab 1975 Tagebautechnik studierte. "Braunkohle wäre meine Zukunft gewesen", sagt er heute. Schon mit einem Arbeitsvertrag für Bitterfeld in der Tasche, wurde er 1979 jedoch für ein gänzlich anderes Projekt gewonnen, und sein Lebensweg verlief völlig anders als geplant.

Anlass dafür war der 30. Republikgeburtstag. An der Bergakademie wusste man um Schwingers Freude an der Musik, und man suchte dringend einen Leiter für einen Chor, den man allerdings erst noch aufbauen musste. "In Bitterfeld hatte ich schon eine Neubauwohnung sicher und alles Drum und Dran", erinnert er sich. "Ich sagte den Freibergern, dass ich es mache, wenn sie die Sache mit dem Arbeitsvertrag regeln und ich sowohl finanziell wie wohnraummäßig keine Verschlechterung erfahre." Das war hoch gepokert, aber es klappte. Den Weg ging Schwinger konsequent weiter. Von 1982 bis 1985 absolvierte er ein Fernstudium zum Kapellmeister an der Hochschule Dresden, baute in Freiberg das Collegium Musicum auf. Ab 1986 ging er für drei Jahre als Orchesterdirektor zur Dresdner Philharmonie, vollzog also den Schritt hin zur Organisation, zum Management hinter den Kulissen.

Doch schon 1989 zog es ihn wieder zurück nach Freiberg, wo er im Neuen Forum und als Mitglied des Runden Tisches seinen Beitrag zur Wende leistete. "Mir dämmerte die Erkenntnis, dass ich auf Dauer an der Bergakademie nicht glücklich werden würde", sagt Schwinger. Im Sommer 1990 kam er mit dem neuen Bürgermeister Konrad Heinze ins Gespräch, der einen Kulturamtsleiter suchte, und in Andreas Schwinger fündig wurde.

"Es gab viele Dinge, die ich dabei begleiten durfte", erinnert der sich und zählt einige Höhepunkte auf. "Etwa 1992 das ZDF-Sonntagskonzert vom Obermarkt oder 1996 ein Konzert in Anwesenheit des Bundespräsidenten." In seine Zeit fiel 1998 zudem die Neunutzung der Nikolaikirche als Konzert- und Tagungshalle. "Sie wurde schon 1969 entweiht und zwischenzeitlich saniert, lag aber brach", so Schwinger. "Bei den verschiedenen Konzepten galt es, den Spagat zwischen Denkmalschutz und Nutzung hinzubekommen." Dabei habe es konstruktive Kämpfe gegeben, die sich aber gelohnt hätten.

Eine schöne Aufgabe sei die Sanierung der Clara-Zetkin-Schule gewesen, die er als Leiter der Bereiche Bildung und Sport mit verantwortete. Ebenso die Neugestaltung der Kita "Kinderinsel". Auch das Stadtmodell auf dem Schloßplatz fällt in seine Verantwortung.

Obwohl die offizielle Arbeit zu Ende ist, in den echten Ruhestand geht Andreas Schwinger natürlich nicht. Er ist Vorsitzender des Fördervereins der Silbermanngesellschaft, stellvertretender Vorsitzender des Silberstadt-Vereins, der für die Wahl der Silberstadtkönigin zuständig ist, Mitglied des Beirates des Kulturraumes Erzgebirge/Mittelsachsen und er leitet mit dem Chor der Historischen Freiberger Berg- und Hüttenknappschaft sowie dem Gemischten Chor Hetzdorf noch zwei Sangesvereinigungen. Ach ja: Und seine Prüfung zum D-Kantor hat er natürlich auch bestanden.

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