Kurzarbeit: Beratungsbedarf steigt rasant

Firmen vieler Branchen sind von der Ausbreitung des Virus betroffen. Die Lage ist beispiellos. Während das Geschäft der einen ruht, arbeiten andere - noch.

Freiberg.

Der Beratungsbedarf zu Kurzarbeit steigt in Mittelsachsen wegen des Coronavirus und der Schutzmaßnahmen rasant. Sachsenweit hätten innerhalb einer Woche rund 2800 Firmen wegen Corona Kurzarbeit angezeigt - Kreisdaten fehlen noch, Statistiken sind im Aufbau. Wie viele Firmen schließlich Beschäftigte in Kurzarbeit schicken, ist offen. Darüber hat die Arbeitsagentur Freiberg informiert. Betroffen seien viele Branchen - mit Ausnahme des Pflege- und Gesundheitssektors: vor allem Metall- und Elektroindustrie, Betriebe, die Vorleistungen für die Chemische Industrie erbringen, Gastgewerbe. Auch Messebauer und Kulturdienstleister trifft es hart, so die Industrie- und Handelskammer (IHK), in der im Kreis knapp 17.000 Firmen mit fast durchweg weniger als 20 Mitarbeitern organisiert sind.

Was Unternehmensvertreter berichten, stellt die Umstände der Hochwasser 2002/2013 in den Schatten. "Die Lage ist sehr angespannt", sagt etwa Andreas Schramm, Chef des Frankenberger Anlagenbauers FMA (110 Mitarbeiter). Der Auftragseingang sei rapide gesunken, die Materialversorgung noch stabil. Doch Zahlungseingänge von Kunden fehlten. "Aktuell", sagt Schramm, "haben wir zwar Kurzarbeit angezeigt, aber noch keine Mitarbeiter in Kurzarbeit".

Genau beobachtet wird die Situation auch beim Erdmannsdorfer Sport- und Industrieseilhersteller Bauer (zehn Mitarbeiter). "Wir sind im Krisenmodus; noch gibt es zu tun", sagt Geschäftsführer Jens Bauer. "Aber unsere Kunden im Ausland sind nicht erreichbar", ergänzt er. Kurzarbeit und andere Instrumente würden geprüft.

Vom Brand-Erbisdorfer Aluminiumspezialisten Bharat Forge heißt es: keine Stellungnahme, so Jenny Franke aus dem Marketing, das Gleiche vom Hainichener Automobilzulieferer Innomotive Systems, sagt Geschäftsführer Alfred Knauf.

Währenddessen glühen bei Arbeitsagentur, Handwerkskammer (HWK) und IHK die Telefone. "Es sind Zeiten, wie wir sie noch nie erlebt haben", informiert Sören Ruppik von der HWK-Gewerbeförderung. Hätten bei den Firmen anfangs Fragen zum Umgang mit Quarantäne dominiert, gehe es nun um Liquiditätshilfen.

Der Einzelhandel, schildert Cindy Krause von der IHK, hat Saisonware gekauft. Die sei bezahlt, könne aber nicht verkauft werden. Kreative Reaktionen kompensierten den Umsatzausfall nicht. Hinzu komme die Furcht, bei Kurzarbeitergeld werde weniger konsumiert. Die Reisebranche, ergänzt sie, "beklagt Stornierungen für April von 100 Prozent". Da unklar ist, was die Zukunft bringt, buchten die Kunden auch für Mai nicht.

Zu den Entlastungen für Firmen neben Kurzarbeitergeld, Verdienstausfallerstattung bei Quarantäne, Darlehen und Bürgschaften zählt Steuerstundung. Sie kann beim Finanzamt beantragt werden. Christiane Franke, Eppendorfer Uhrmacherin in vierter Generation, hat ihren Antrag abgeschickt. Zwar darf sie Uhren oder Schmuck reparieren, doch keine Ware ausgeben, andere annehmen, neue verkaufen, sagt die 53-Jährige. Da sie weder Pacht zahlt noch Mitarbeiter hat, aber Kosten für Heizung, Wasser, Lebensunterhalt, den Goldschmied für erbrachte Leistungen bezahlen musste, fürchtet sie, bei Hilfen durchzufallen.

"In der Form und dem Ausmaß gab es das noch nicht", sagt Daniel Bergert, Geschäftsführer der gleichnamigen, auf Hoch- und Tiefbau spezialisierten Firmengruppe aus Wechselburg (265 Mitarbeiter). Auf vier von acht Baustellen ruhe die Arbeit, die anderen hätten Notbesetzung. Dabei sei das Auftragsbuch voll. Doch Baubesprechungen seien nicht mehr möglich, Auftraggeber, Lieferanten teils nicht erreichbar. Seinen Glasfasermonteuren werde oft der Zugang zum Arbeitsort verwehrt. Die meisten seiner litauischen Mitarbeiter befänden sich in der Heimat, teils in verordneter Quarantäne. Nicht jeder kann spontan reagieren, bestätigt Kreis-Wirtschaftsförderer Lothar Beier, und verweist auf einen der wenigen Hoffnungsträger: Beiersdorf/Florena in Waldheim. "Hier wird nun Desinfektionsmittel statt Kosmetik hergestellt", sagt er. Bisher habe die Branchenvielfalt Stabilität gebracht. Nun rückten besonders kleine Firmen zusammen, auch solche im Wettbewerb. Beier ist sich sicher, dass dies hilft.

Rat und Hilfe:

Agentur für Arbeit
IHK
HWK
Sächsisches Wirtschaftsministerium
Kreis-Wirtschaftsförderung


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