Leben zwischen zwei Welten

In der Brust von Fatima Ibrahim schlagen zwei Herzen: Sie ist in Freiberg aufgewachsen, ihre Eltern stammen aus Homs. Was in Syrien passiert, lässt sie nicht los. Daher will die 14-Jährige später für Menschenrechte kämpfen.

Freiberg.

Fatima Ibrahim war ein Jahr alt, als sie Ende 2005 mit ihren Eltern aus Syrien nach Deutschland kam. Geboren wurde sie in Homs, aufgewachsen aber ist sie in Freiberg. Daher besitzt das 14 Jahre alte Mädchen beide Staatsbürgerschaften. Und so ist sie einer jener vielen jungen Menschen, die nicht so genau wissen, wo sie hingehören. "Irgendwie ist es schwer, sich irgendwo völlig zu Hause zu fühlen", sagt Fatima. War sie als Kind sehr oft während des Urlaubs im einst knapp 800.000 Einwohner großen Homs, der Heimatstadt ihres Vaters, so konnte sie aufgrund des Bürgerkrieges im vergangenen Jahr erst nach einer langen Pause dort ihre Verwandtschaft besuchen. Opfer gab es genauso in ihrer Familie und Homs ist mit den Erinnerungen aus Kindertagen kaum noch vergleichbar.

Vielleicht sind diese Erfahrungen und der familiäre Hintergrund auch ein Grund dafür, warum das junge Mädchen, das die neunte Klasse des Geschwister-Scholl-Gymnasiums besucht, bereits ganz konkrete Zukunftspläne hegt. "Jura zu studieren, das würde mich interessieren", bemerkt sie. Schon ihr Vater hat das getan, doch wird sein Abschluss in Deutschland nicht anerkannt. Ein besonderes Themenfeld hat sie bereits für sich entdeckt. "Menschenrechte, ganz besonders die der Frauen", sagt sie. Auch die Situation der Frauen in Syrien hat sie dazu bewogen. "Es kann doch nicht sein, dass man das eine Geschlecht ausblendet, die Hälfte der Bevölkerung."

Torsten Kleditzsch

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Vor wenigen Tagen hat sie einen wichtigen Schritt auf den Weg zu ihrem Traumberuf gemacht: Fatima erhielt ihre Urkunde für das bundesweite Start-Stipendium ausgehändigt. Kurz zuvor hatte sie bereits das erste von sechs Seminaren, die damit verbunden sind, absolviert. Zusammen mit anderen Stipendiaten war sie nach Halberstadt gefahren und hatte dort am Rhetorik-Kurs "Stark auftreten und klar sprechen" teilgenommen. Auch an einem Festakt in der Staatskanzlei in Dresden war die Neuntklässlerin bereits. Denn die Freibergerin ist eine von sieben aus dem Freistaat mit diesem Stipendium. Begleitet wurde sie dabei von ihrer Familie und von Schulleiterin Kerstin Salomon.

Es war ihre Englisch- und Französischlehrerin Ines Liebscher, die Anfang März Fatima motivierte, sich für die Förderung zu bewerben. "Das war schön knapp", lächelt das Mädchen. "Anmeldeschluss war der 15. März." Eine Grundbedingung war, dass die Schüler alle Formulare ohne irgendwelche Hilfe ausfüllten. "Dazu gehörte ein Persönlichkeitstest, aber auch Auskünfte über die Familie", erinnert sie sich. Fast hätte sie das Wichtigste vergessen. Die Lehrerin musste eine Beurteilung abgeben.

Schließlich lud man Fatima Ibrahim im Mai zum Gespräch. "Da wurden mir Fragen gestellt, wie etwa nach meiner Teamfähigkeit oder wie ich mich bei Mobbing verhalten würde." Kurz darauf folgte die Nachricht, dass sie zu den Glücklichen gehört. 1356 Jugendliche hatten sich 2018 beworben, 80 davon aus Sachsen. 160 bekamen das Stipendium zugesprochen. Diese nehmen nun jedes halbe Jahr an Seminaren teil - und zwar an Wochenenden. Der Themen bewegen sich zwischen "Medien in Theorie und Praxis" und "Demokratie und Partizipation". Auch finanziell wird den Jugendlichen unter die Arme gegriffen: Drei Jahre lang erhalten sie jeweils 1000 Euro zum Erwerb der für Schule und Seminare nötigen Lehrmittel.

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