Leerstand: Freiberger Kinokomplex verwaist zusehends

Immer mehr Mieter ziehen aus dem Einkaufszentrum an der Chemnitzer Straße aus. Die Kunden sind enttäuscht. Jetzt schaltet sich die Stadt ein.

Freiberg.

Die meisten Läden im Kinokomplex an der Chemnitzer Straße in Freiberg stehen leer: Nur noch drei von einst zwölf Geschäften haben geöffnet. Nach dem Auszug des Einkaufsmarktes "Diska" Anfang 2015 zog der Markt "Lila Petz", der auch Schreib- und Haushaltswaren anbietet, im Herbst 2015 an die Dresdner Straße um. Ende Dezember hat die Oederaner Fleischerei Richter ihre Filiale geschlossen. Jetzt gibt es in dem Komplex neben dem Kino und dem Fitnesscenter noch einen Bäckerladen, ein Friseur- und Kosmetikgeschäft sowie einen Textilmarkt. Doch neue Mieter scheinen nicht in Sicht - trotz Bemühungen der Stadt.

Die Freibergerin Margit Heider sagt kopfschüttelnd: "Das war mal ein schönes Einkaufszentrum. Jetzt gibt es hier kaum noch Läden. Vor allem der Lebensmittelmarkt fehlt mir sehr. Für Ältere ohne Auto ist das Einkaufen jetzt beschwerlich", sagt die 63-Jährige. Ein Bewohner des Elfgeschossers gegenüber dem Komplex kritisiert, dass sein Wohnumfeld "immer mehr Lebensqualität" verliert. "Hier konnte man früher gut einkaufen und brauchte nicht erst in die Stadt rein zu fahren", sagt eine Oberschönaerin.


Friseurmeister Guntram Buschmann und das "Kinopolis" waren die ersten Mieter, die in den Ende 1997 eröffneten Komplex einzogen. "Ich sehe die Situation überaus kritisch. Aber ich hoffe noch auf eine Lösung", so der Geschäftsinhaber, dessen Mietvertrag bis 2018 läuft. Ihm zufolge müsste schnellstens ein Lebensmittelmarkt als Ankermieter einziehen. "Im Viertel wohnen viele Ältere. Sie klagen über fehlende Einkaufsmöglichkeiten." Die Fläche des einstigen "Diska"-Marktes sei zu klein. "Aber durch den großen Leerstand wäre ein Umbau möglich."

An der Tür der Filiale der Großhartmannsdorfer Bäckerei Schäfer hängt ein Schild: "Wir sind auch 2016 für Sie da". Der Textilmarkt NKD hat an der Fassade ein ähnliches Banner aufgehängt.

"Kinopolis"-Betriebsleiter Thomas Erler zeigt sich "sehr besorgt über den Leerstand und die abnehmende Attraktivität der Immobilie". Durch den eigenen Zugang würden die Kinobesucher zwar nicht direkt mit den leerstehenden Gebäudeteilen konfrontiert. Der Leerstand sei aber für das Kino ungünstig, weil "die Gesamtattraktivität der Immobilie leidet und dadurch auch unter der Bevölkerung immer wieder der Fortbestand des Kinos in Frage gestellt wird." Doch das Kino bleibe. Erler betont, dass "Kinopolis" nur Mieter in dem Objekt ist. Das Filmtheater erfülle seinen Mietvertrag, jetzt sei der Vermieter an der Reihe.

Das Unternehmen Mayfield Property Management verwaltet den Komplex im Auftrag des Eigentümers Real Estate. Die für den Komplex zuständige Mitarbeiterin Nancy Gehring in Frankfurt (Main) reagierte auf Anfragen von "Freie Presse" nicht. "Sie können nächste Woche noch mal anrufen, heute bekommen Sie von mir keine Auskunft", sagte sie gestern auf Nachfrage am Telefon.

Indes ringt die Stadt um eine Lösung. Wirtschaftsförderin Bettina Keller betont: "Wir bedauern die aktuelle Entwicklung am ,Kinopolis'-Areal sehr und machen uns Sorgen um die Zukunft des Standortes, sehen vor allem den Attraktivitätsverlust des Objektes für das ,Kinopolis'". Im Juni 2015 seien mit Vermieter Mayfield "gute Gespräche geführt" worden. "Ansätze für Umbau/Sanierung und Neubezug waren zu erkennen", so Keller. Allerdings sei nichts umgesetzt worden. Deshalb habe sich die Stadt seit September 2015 um Kontakt mit dem Vermieter bemüht. "Nach mehrmaligen Versuchen konnte nun ein Telefontermin mit dem Geschäftsführer von Mayfield noch in diesem Monat vereinbart werden", so Keller.

Laut Bert Rothe von der IHK Chemnitz muss es Ziel sein, "die wohnortnahe Versorgung der Einwohner zu sichern und weitere Fehlentwicklungen, wie Großflächenbetriebe an ausschließlich autokundenorientierten Standorten, konsequent zu verhindern", sagt er.


Kommentar: Lösung muss her

Ein großer Parkplatz, ein Kino, ein Fitnesscenter und Geschäfte - und das direkt an der B 173 in Freiberg. Eigentlich müsste das Geschäftsmodell funktionieren. Doch das ist nicht der Fall. Zum Ärger der Bewohner des Wasserbergs und der nahegelegenen Orte verwaist der Kinopolis-Komplex zusehens. Deshalb sollte die Stadt jetzt alle Register ziehen und gemeinsam mit dem Verwalter eine Lösung suchen.

Dabei ist schnelles Handels gefragt - bevor auch noch die letzten Mieter das Weite suchen. Als erstes müsste ein Lebensmittelmarkt einziehen. Dieser könnte als Zugpferd für weitere Geschäfte fungieren. Eine Alternative gibt es nicht.


Überangebot in Freiberg

Laut IHK-Handelsatlas 2015 verfügt die Stadt Freiberg über rund 92.000 Quadratmeter stationäre Einzelhandelsverkaufsfläche. Dies sind 2,28Quadratmeter je Einwohner - der Bundesdurchschnitt liegt bei rund 1,5. Die Verkaufsfläche für die Branche Nahrungs- und Genussmittel/Bäckerei/Metzgerei beträgt in Freiberg 0,62Quadratmeter je Einwohner bei einem Bundesdurchschnitt von 0,4. Die Kaufkraft von Freiberg beträgt rund 90 Prozent des Bundesdurchschnitts. Folge: Bei einzelnen Unternehmen kann es zu betriebswirtschaftlichen Problemen oder Schließungen kommen. (hh)

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