Letzte Steiger erinnern an Gruben-Aus

1969 schürften Kumpel im Freiberger Revier noch nach Erz. Diese Zeiten sind lange passé. Trotzdem ist die Episode des Bergbaus nicht vergessen. Jährlich treffen sich ehemalige Bergmänner in der Stadt.

Freiberg.

Mit einem Lächeln schaut sich Wolfgang Schubert im Vereinszimmer des Freiberger Brauhofs um. 28 Herren sind der Einladung gefolgt. Sie sind die letzten Steiger aus der Zeit des Freiberger Bergbaus. Vor 50 Jahren mussten sie ihren Arbeitsplatz unter Tage aufgeben, denn die Grubenbetriebe stellten im Sommer Juli 1969 die Tätigkeit ein. Von der glorreichen Zeit des Reviers zeugen heute noch technische Denkmale wie etwa der Drei- Brüder-Schacht, die Alte Elisabeth oder die Reiche Zeche, die als Lehr- und Forschungsbergwerk als einzige noch in Betrieb ist.

Seit 50 Jahren treffen sich die ehemaligen Steiger jedes Jahr. Wolfgang Schubert war damals der technische Leiter der Grubenbetriebe, also der Chef. "1949 habe ich dort angefangen zu arbeiten", erzählt Schubert, Jahrgang 1928. "Nach 20 Jahren war Schluss." Ein bisschen Wehmut ist nach all den Jahren immer noch herauszuhören. Die Zeit unter Tage hat den Mann geprägt. Einfach so Lebwohl sagen ging nicht.


In den Jahren seitdem erstellte er gemeinsam mit anderen Kameraden eine 1200 Seiten umfassende Chronik des Bergbaus, deren gekürzte Version unter dem Titel "Bergwerke im Freiberger Land" in der vierten Auflage erhältlich ist. Von den weiteren Autoren und Herausgebern ist der Geologe Wolfgang Rentzsch auch mit zu dem Treffen gekommen. Die beiden anderen, Wolfgang Jobst und Klaus Trachbrod, sind schon vor einigen Jahren verstorben.

Alt sind sie alle geworden. Doch kokettieren sie auch damit. Einer, der Jahrgang 1940 ist, wird als Jungspund verulkt. Andere sind stolz auf ihre mehr als 90 Jahre. Alle Gesichter tragen gelebtes Leben in sich, kräftige Züge, wie man sie sich bei einem Bergmann im Alter vorstellt. Es ist mehr als natürlich, dass inzwischen nicht mehr alle zu den Treffen kommen. "119 waren wir 1969", sagt Dieter Illing, zunächst Steiger, später Revierleiter. "Übrig sind 44."

Drei Angebote habe es damals für die Zeit nach der Schließung an die Bergleute gegeben. "Man konnte im Bergbau bleiben, etwa in anderen Revieren", erzählt Steiger Eberhard Dummen. "Oder aber man wechselte in das Kombinat." Womit das Bergbau- und Hüttenkombinat "Albert Funk" gemeint ist, das bis 1990 existierte. Die dritte Variante war das vollständige Ausscheiden. Die meisten Kumpel sind der Region treu geblieben. Auf der Liste der Eingeladenen stehen mit Lübeck und Erlenbach/Main nur zwei Adressen, die mit dem Bergbau nichts zu tun haben. Alle anderen blieben in der Freiberger Region oder gingen nach Dippoldiswalde oder Zinnwald.

Das erste Steigertreffen fand am 30. Juni 1969 statt. Seit Jahren schon kommen die Bergmänner am letzten Freitag im April zusammen. Nun, nach 50 Jahren, kam erstmals der Gedanke auf, es dabei bewenden zu lassen, die jährlichen Treffen einzustellen. Als Wolfgang Schubert diese Möglichkeit formuliert, schütteln einige mit dem Kopf, andere brummen ablehnend. "Ich verstehe das also so, dass wir es fortführen sollten?", fragt Schubert in die Runde und erhält Zustimmung. "Dann sei es so." Bevor es in den geselligen Teil übergeht, stellen sich alle noch für ein Gruppenfoto auf. Es wird nun doch nicht das letzte dieser Art bleiben.


Der Bergbau - eine jahrhundertealte Tradition in der Freiberger Region

Die Geschichte des Bergbaus in der Region ist wechselvoll und von Höhen und Tiefen geprägt. Daran lässt Dr. Peter Hoheisel - als Leiter des Freiberger Bergarchivs ein profunder Kenner der Materie - keinen Zweifel aufkommen. "Nachdem in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts die Freiberger Erzvorkommen entdeckt worden waren, ging die Förderung im 14. und 15. Jahrhundert stark zurück", erklärt er. Im 16. Jahrhundert die Wende: neue Erzvorkommen wurden entdeckt, was zu einem neuerlichen "Berggeschrey" führte. Durch die Wirren des 30-jährigen Kriegs, der von 1618 bis 1648 in Europa tobte, kam der Bergbau vielerorts zum Erliegen.

Nach dem 30-jährigen Krieg ging

es aufwärts. Allerdings störte kaum

100 Jahre danach laut Hoheisel der Siebenjährige Krieg (1756 bis 1763) den Bergbau erneut empfindlich. 1765 wurde die Bergakademie Freiberg gegründet. Für Hoheisel der Beginn einer "erneuten Blüte des Bergbaus". Schließlich zog sich der Staat aus dem Bergwerksbetrieb zurück. 1868 wurde das Allgemeine Berggesetz für das Königreich Sachsen verabschiedet und ein Aufschwung setzte ein. "Allerdings zeigte sich wenige Jahrzehnte später, dass der sächsische Erzbergbau der weltweiten Konkurrenz nicht gewachsen war, sodass die Freiberger Erzgruben zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Tätigkeit Schritt für Schritt zurückfuhren und schließlich im Jahr 1913 gänzlich einstellten", erläutert der Leiter des Bergarchivs.

Aktiven Bergbau gab es in Sachsen aber weiterhin in den Stein- und Braunkohlerevieren. Und weiter erklärt Hoheisel: "Erst die Autarkiepolitik des NS-Staats und der mit den Kriegsvorbereitungen verbundene Rohstoffbedarf führte ab Mitte der 1930er-Jahre zu einer Wiederaufnahme der Freiberger Erzförderung." Blei, Zink und Silber werden gefördert, auch zu Beginn der DDR. Nach der Gründung der DDR wurden 1950 die Freiberger Gruben, wie auch die Gruben Brand-Erbisdorfs und Halsbrückes zum VEB Bleierzgruben "Albert Funk" vereinigt. 1961 erfolgte die Gründung des VEB Bergbau- und Hüttenkombinates "Albert Funk". Aber sinkende Metallgehalte und zunehmend schwierigere Abbaubedingungen setzen dem Ganzen ein Ende. Das endgültige Aus im Freiberger Revier folgte 1969. Trotzdem nimmt die Region aktuell eine bedeutende Rolle im Bergbau ein. "Auf der Reichen Zeche - nach dem David- und Abrahamschacht einer der wichtigen Schächte der Freiberger Himmelfahrt-Fundgrube - befindet sich heute Deutschlands einziges universitär betriebenes Lehrbergwerk", so Hoheisel. (acr)

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