Licht und Schatten in der Weingasse

Obwohl die Gasse nur einen Steinwurf vom Freiberger Obermarkt entfernt ist, steht dort jedes dritte Geschäft leer. Doch es gibt Hoffnung.

Freiberg.

Eigentlich könnte die Weingasse eine prosperierende Einkaufsstraße sein. Schließlich ist sie eine der schönsten Ecken Freibergs und nur wenige Meter von der 1A-Lage rund um den Obermarkt entfernt. Doch 8der 24 Geschäfte auf der Gasse stehen derzeit leer. Bis vor kurzem waren es noch neun leere Läden - für den einstigen Asia-Imbiss hat sich eine Lösung gefunden. Nicodemus Einspieler eröffnet dort am heutigen Freitag seinen Imbiss "Curry Box". Er sagt: "In Großstädten ist die Currywurst schon lange Kult. Warum sollte das nicht auch in Freiberg funktionieren?"

Laut Anke Krause, Chefin des Handels- und Gewerbevereins und Inhaberin eines Schreibwarengeschäftes am Obermarkt, könnte der Currywurst-Imbiss mehr Kunden in die Weingasse locken. "Denn dieses kulinarische Angebot gibt es in Freiberg noch nicht", sagt Krause. "Zündende Ideen können die Weingasse beleben." Das habe auch das Geschäft "Topstylisten by Rafaela Walther" gezeigt. Nicht umsonst gewannen Rafaela Walther und Claudia Grenz mit ihrer Idee vom Damensalon mit Barbershop den 3.Freiberger Gründerpreis. Auch Citymanagerin Nicole Schimpke und IHK-Referentin Cindy Krause sehen in den "Topstylisten" eine Aufwertung des Standortes. Friseurmeisterin Walther sagt: "Unser Konzept geht auf. Viele Männer, die früher zum Friseur nach Dresden gefahren sind, kommen jetzt zu uns."


Laut Gewerbevereinschefin Krause sind auch die beiden Handarbeits- beziehungsweise Stoffgeschäfte in der Gasse Kundenmagnete. Das bestätigt Andrea Kaffka, Inhaberin von Raumausstatter und Nähzentrum Hein: "Unser Geschäft geht gut." Allerdings würden jetzt mehr Dienstleistungen, zum Beispiel Maß- und Änderungsschneiderei sowie Polsterei, gefragt. Der Verkauf sei zurückgegangen. Der neue Imbiss könne mehr Leben in die Gasse bringen, sagt Kaffka. Ähnlich sieht es Carmen Wadewitz, die Ehefrau des Inhabers des Geschäftes Erzgebirgische Volkskunst. "In der Stadt hat sich ja schon viel getan, und jeder neue Laden ist ein Gewinn", sagt sie. Ihr Geschäft laufe gut - auch dank der vielen Touristen, die seit der Eröffnung der Terra mineralia nach Freiberg kämen. "Wir haben sogar Stammkunden aus Köln, Hannover, Dresden, Berlin, der Schweiz und Österreich", so Wadewitz. Ihrer Meinung nach könnte die Gasse einen Bäckerladen gebrauchen, die einstige Apfelscheune käme dafür in Frage. Für diese leeren Räume an der Ecke Heubnerstraße gab es laut Elke Krein vom Weiba Immobilienmanagement schon mehrfach Interessenten. "Aber bisher hat noch keiner angebissen", so Krein. Ähnlich ist es bei anderen leerstehenden Immobilien wie dem frisch sanierten Haus Weingasse 1 mit Laden und 2-Raum-Wohnung. Laut dem Eigentümer haben sich schon mehrere Interessenten gemeldet, doch noch sagte keiner zu.

Warum steht in der Weingasse jedes dritte Geschäft leer? Gewerbevereinschefin Krause sagt: "So richtig ist das nicht zu erklären. Vielleicht liegt es ja an der abschüssigen Lage." Die Parkplatzsituation sei jedenfalls kein Grund. Auf der linken Seite der Gasse können Anwohner parken, auf der rechten Seite gibt es Parkschein-Parken. Darauf verweist auch Citymanagerin Schimpke: "Und wir haben einen hohen Durchlauf an parkenden Autos."

Eine Befragung in der bundesweiten Studie "Vitale Innenstädte 2018" des IFH Köln ergab, dass knapp 65 Prozent der Passanten das Parkplatz-Angebot in Freiberg als gut einschätzen. Das sagt Cindy Krause, Referentin Handel/Dienstleistung in der Regionalkammer Mittelsachsen der IHK Chemnitz. 86Prozent der Befragten gaben dem Flair der Altstadt die Note 1 bis zwei. Dieses Potenzial müsse weiter nach außen getragen werden, sagt Krause.

Die gemeinsame Vermarktung der Geschäfte sei wichtig, so die IHK-Referentin. Das Potenzial der Altstadt - Flair, Kultur, Gastronomie, interessante und vielseitige Geschäfte - müsse weiter nach außen getragen werden, auch durch Feste, Kulturevents und verkaufsoffene Sonntage. Und die Geschäfte müssten sich mit dem veränderten Kaufverhalten ihrer Kunden im Internet-Zeitalter auseinandersetzen.

Laut Citymanagerin Schimpke will die Stadt die Lage in der Weingasse verbessern. Ein Schritt sei die attraktive Gestaltung des Kreuzungsbereiches mit der Burgstraße gewesen. Auch das Herderhaus, in das nach der Sanierung Stadtarchiv und Magazin des Stadt- und Bergbaumuseums einziehen, werde zur Belebung der Weingasse beitragen.

Für Nicodemus Einspieler geht es ab jetzt um die (Curry-)Wurst. Der Österreicher sagt: "In Großstädten feiern Leute ihren Geburtstag bei Currywurst und Sekt. Vielleicht kommen wir da auch mal hin."


"Die Gasse wird belebter"

Henning John (42) aus Freiberg: "Ich denke, dass die Weingasse langsam wieder beliebter bei den Touristen wird. Vor zehn Jahren waren hier viele Geschäfte geschlossen. Jetzt ist die Gasse als Verbindung zwischen Ober- und Untermarkt etwas belebter. Der Currywurstimbiss verändert die Situation zum Positiven; denn es gibt mehr Vielfalt." (hlau)


"Hier ist zu viel geschlossen"

Nadja (39) und Regina Etzhold (64) aus Chemnitz und Bad Schlema: "Wir hatten ein sehr belebtes Freiberg erwartet. Dann kamen wir durch Zufall auf die Weingasse. Wir sind wirklich ziemlich schockiert. Hier ist zu viel geschlossen. Unserer Meinung nach müsste es auf jeden Fall mehr Einzelhandelsgeschäfte geben." (hlau)


"Die Weingasse ist mir egal"

Nicole Krause(59) aus Frohburg:

"Die Weingasse ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal. Hier gibt es nicht wirklich viel zu sehen, nur das Nagelstudio besuche ich manchmal. Ich denke schon, dass der neue Currywurstimbiss die Situation verbessert, zumindest am Anfang. Ob das dann so bleiben wird, muss man sehen." (hlau)


2607 Gewerbebetriebe

2015 gab es in Freiberg laut

Stadtverwaltung 2631 angemeldete Gewerbe, im vorigen Jahr 2453 und derzeit 2607 Gewerbebetriebe. In Freiberg stehen laut IHK pro

Einwohner insgesamt 2,28 Quadratmeter Verkaufsfläche des Einzelhandels zur Verfügung. In Pirna sind es 2,46 Quadratmeter, in Bautzen 3,04 und sachsenweit 1,69. Laut IHK besteht kein zusätzlicher Bedarf an Verkaufsfläche. Die Freiberger haben im Schnitt insgesamt 6181 Euro pro Jahr für den Einzelhandel übrig. Dieser Wert liegt etwas unter den Werten vergleichbar großer Städte wie Pirna (6223 Euro) und Bautzen (6284 Euro) und dem mittelsächsischen Durchschnitt (6206Euro). (hh)

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