Mein Freund kommt aus Meziborí

Tschechien gilt hierzulande vor allem als Ziel für preiswertes Essen, Tanken, Einkaufen. Der Kinder-garten Voigtsdorf will nun für mehr Austausch unter den Menschen sorgen. Ein erstes Projekt ist beendet. Dabei soll es nicht bleiben.

Voigtsdorf.

Auf die Plätze, fertig, los. Auf Kommando stürmen die Kinder vorwärts. Sie schreien, rufen, lachen, winken mit gebastelten Papierblumen. Und laufen, als gelte es, ein absolut lohnenswertes Ziel zu erreichen. Und zwar gemeinsam. In diesem Fall heißt das gemeinsame Ziel, ein Foto zu produzieren, das die Atmosphäre dieses erinnerungswürdigen Tages annähernd einfangen kann. Eine Atmosphäre, bei der die Gemeinsamkeit im Mittelpunkt stand, sich die Kinder bunt untereinander mischten und kein Beobachter gemerkt hätte, dass es sich eigentlich um zwei Kindergruppen handelte, die nicht nur aus verschiedenen Orten kommen - sondern auch zwei ganz verschiedene Sprachen sprechen.

Von Voigtsdorf bis zur deutsch-tschechischen Grenze liegen nur wenige Kilometer Luftlinie, sagt Gisela Grogorenz. Aber für viele Menschen im Erzgebirge sei Tschechien vor allem ein Ziel, um preiswert zu essen, einzukaufen, zu tanken. Gisela Grogorenz findet das mehr als schade. Und da Gisela Grogorenz Leiterin und Erzieherin im Kindergarten "Sonnenland" in Voigtsdorf ist, hat sie einen Weg gefunden, den grenzübergreifenden Austausch zumindest für ihre Schützlinge anzukurbeln.

"Nachbarwelten" heißt die EU-finanzierte Initiative, die Kinder im Alter von drei bis acht Jahren aus Tschechien und Deutschland zusammenführt. Ziel ist es, den Kindergartenkindern Sprache, Mentalitäten und die Kultur des jeweiligen Nachbarlandes näherzubringen. So will die Initiative Berührungsängste vor Nachbarsprachen und -ländern abbauen. Bei einer Fortbildung haben Gisela Grogorenz und ihr Team von der Initiative erfahren. Schnell war ein Partnerkindergarten in Meziboří (Schönbach) unweit von Litvínov gefunden. Zu Ostern weilten die Voigtsdorfer bereits dort. Nun sind die tschechischen Kinder, Erzieher und Eltern der Einladung zum Gegenbesuch gefolgt, haben die Milchviehanlage kennengelernt, und weiter ging's zum Mittagessen und Spielen zum Sportplatz.

Die Chemie zwischen hüben und drüben stimmt, sagt Gisela Grogorenz. "Es ist wichtig, dass man sich auf einem Nenner trifft." Die auf dem Sportplatz versammelten Kinder haben erst recht keine Probleme bei der Verständigung. "Sie kommunizieren mit Mimik und Gestik und wenn sie spielen, ist die Sprache uninteressant", sagt Lenka Englická, Leiterin des tschechischen Kindergartens. Am Ende bleibt auch einiges an Wissen hängen, berichtet Katrin Kubat. "Und für die Kinder ist das ein Riesenerlebnis." Sie muss das wissen, denn ihr Sohn Christopher besucht den Voigtsdorfer Kindergarten und ist beim Austausch-Programm dabei. Mit anderen Kindergarten-Eltern hat sich Katrin Kubat um das gemeinsame Mittagessen gekümmert, sie ist für das Projekt Feuer und Flamme. "Die Eltern waren gleich begeistert", berichtet sie, während sie Spirelli mit Tomatensoße und Käse austeilt. Sohn Christopher liefert den Beweis. Auf die Frage, was beispielsweise "Kuh" auf Tschechisch heißt, muss er nur kurz überlegen: "Kráva." Dann greift Kristina Pokorná zur Gitarre, stimmt das Lied "ABC, die Katze lief im Schnee" an. Die Kinder aus Meziboří haben ein kleines Theaterstück vorbereitet, die Voigtsdorfer sind ein dankbares Publikum, sie singen mit und applaudieren dann fröhlich.

Kristina Pokorná ist Medinautin beim Projekt. Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine Mischung aus Pädagogin, Dolmetscherin, Betreuerin, Organisatorin. Sie arbeitet, auch das schwingt in Medinautin mit, viel mit Medien wie Film oder eben Theater. Sie lässt die Kinder Zeichentrickfilme entwickeln, Lieder mit ausländischen Texten singen, lernt mit ihnen Vokabeln der jeweils fremden Sprache.

Mit dem Besuch nun ist das "Nachbarwelten"-Projekt zwar zu Ende gegangen. Kristina Pokorná aber wird ihnen erhalten bleiben. Über die Organisation Tandem in Regensburg - ein Koordinierungszentrum für deutsch-tschechischen Jugendaustausch - hat der Kindergarten Fördermittel bekommen, um die Kreativität und das Engagement der Tschechin weiterhin zu nutzen. Einmal im Monat soll sie bald nach Voigtsdorf kommen, Kindergarten- wie Hortkinder tschechische Sprache und Kultur näher bringen. Und auch die Kontakte nach Meziboří sollen nicht abreißen. Auf die Frage, ob es ein Wiedersehen gibt, antwortet Lenka Englická: "Určitì." Was nichts anderes heißt als "Bestimmt."

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