Menschen mit Handicap - ein Potenzial

Um dem Fachkräftemangel etwas entgegenzusetzen, spielt Inklusion zunehmend eine Bedeutung. Viele Unternehmen jedoch scheuen sich.

Freiberg.

Der Fachkräftemangel produziert bei hiesigen Unternehmen zunehmend Sorgenfalten. Deshalb wird nach Möglichkeiten gesucht, um dem entgegenzusteuern. Dabei spielt die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung eine nicht zu unterschätzende Rolle.

"Diese Gruppe stellt ein bislang viel zu wenig genutztes Potenzial dar", findet Marie Göbel, die bei der Industrie- und Handelskammer Chemnitz, Regionalkammer Mittelsachsen, das Thema betreut. Laut einem Fachkräftemonitoring, das die IHK Chemnitz mit der Handwerkskammer Chemnitz 2018 erstellte, beschäftigen lediglich 39 Prozent aller Firmen Menschen mit Handicap. Bei Unternehmen mit weniger als 20 Mitarbeitern sind es sogar nur 17 Prozent.

"Das finde ich schon sehr wenig", sagt Marie Göbel und versucht, einige Ursachen aufzuzählen. "Viele verbinden damit falsche Vorstellungen, auch weil sie in der Vergangenheit damit nichts zu tun hatten." So gebe es etwa die Annahme, dass Mitarbeiter mit Handicap nicht kündbar seien. Auch gebe es noch immer genügend Vorurteile, zu deren Überwindung aber meistens nur ein erster Schritt gewagt werden müsste.

Über die direkte Anstellung eines Menschen mit Behinderung hinaus gibt es aber noch andere Möglichkeiten. Hier geht die IHK gemeinsam mit der Diakonie Freiberg neue Wege, animiert dazu, dass Unternehmen einfache Tätigkeiten an die Diakonie-Werkstätten auslagern.

Dort sei man in der Lage, Holz- und Metallverarbeitung, Montage-, Lager- und Verpackungstätigkeiten ebenso auszuführen wie Garten- oder Landschaftspflege. Referenzen erwarb man sich etwa mit der Herstellung von Regalen für die Terra mineralia im Schloss Freudenstein oder Käsehorten für eine Molkerei. "Wir selbst können keine Fachkräfte ausbilden", gesteht Georg Rudolph, Vorstand der Diakonie Freiberg. "Es ist eher selten, dass eine Hilfskraft den Wechsel schafft. Innerhalb unserer Fachgruppen ist das aber durchaus möglich."

Auch Georg Rudolph plädiert dafür, dass sich die Unternehmen genau anschauen, was von ihren vorherigen Annahmen richtig ist und was nicht. "Viele wissen beispielsweise nicht, dass die anfallenden Mehrkosten auf die Ausgleichsabgabe angerechnet werden können", so Rudolph. "Derzeit merken wir, dass die Schwierigkeiten wachsen, die Schwächeren der Gesellschaft mit Arbeit zu versorgen."

Eine Anfrage dazu, die Inklusion beim Fachkräfteproblem als Potenzial zu nutzen, lohne sich immer, meint Thomas Kolbe, Präsident der Regionalkammer Freiberg und Unternehmer aus Döbeln. "Ich selbst war überrascht, was bei der Diakonie alles geht", sagt er. "Dort ist man maschinell sehr gut ausgestattet und es sind die nötigen Kapazitäten vorhanden." Man wolle außerdem die Außenarbeit ausbauen, also Menschen außerhalb solcher Werkstätten in Unternehmen zum Einsatz bringen.

Kolbe ist überzeugt, dass auf diesem Wege für die Betriebe eine spürbare Entlastung geschaffen werden kann. "Menschen mit Behinderung haben nicht nur Defizite", so Kolbe. Doch zur besseren Umsetzung und Integration bedarf es Menschen, die dafür ein Herz haben. Die IHK sei dabei jederzeit ein Ansprechpartner, doch wolle man auch selbst mehr auf die Unternehmen zugehen.

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    Juri
    13.09.2019

    Ein guter Artikel, ein richtiger Hinweis. Aber alles (fast alles) was hier steht, reden wir schon gute zwanzig Jahre.
    Herr Kolbe, nicht nur wie schon immer Ansprechpartner sein, sondern loslegen. Zusammenkünfte organisieren, die Unternehmer informieren, ihnen bereits funktionierende Arbeitsplätze zeigen und immer wieder ein öffentliches Bewusstsein schaffen.
    Alles das von mir Geschriebene klingt ziemlich ruppig. Ich weiß. Aber wir dürfen nicht mehr reden, nicht mehr schreiben, wir müssen anfassen und die Dinge bewegen.
    Und wir dürfen uns nicht schon von vornherein nach dem Motto Gedanken machen: Und wenn das nicht geht? Na dann versuchen wir es eben anders. Das ist allemal besser als nichts zu tun.
    Gemeckert wird von den so genannten "Fachleuten" immer. Da können Sie anpacken was Sie wollen.



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