Mit dem Bus zum Gottesdienst

Der ökologische Gedanke stand Pate: Immer sonntags fährt seit kurzem ein Kirchenbus Gläubige in die Freiberger Jakobikirche. Es steigen nicht nur ältere Menschen ein.

Freiberg/Zug.

Pünktlich nimmt der große Bus die Fahrt auf durch den Kreisverkehr nahe der Kapelle im Freiberger Stadtteil Zug, biegt in die Hauptstraße ab und kommt an der dortigen Haltestelle zum Stehen. Eine junge Frau mit zwei Kindern steigt ein, nachdem sich die Türen geöffnet haben. Auch Michael Ssuschke sucht schnell die Wärme im Inneren des Fahrzeugs. Draußen liegt Raureif auf den Wiesen und Gehwegen. Es ist Sonntagfrüh um 9.15 Uhr. Auf der Anzeigetafel des Busses ist keine der bekannten Linien zu lesen, denn diese Fahrt findet tatsächlich nur einmal in der Woche statt. "Kirchenbus" steht in Großbuchstaben über der Fahrerkabine.

Freundlich begrüßt Michael Ssuschke den Mann hinter dem Steuer. Daniel Vogt, zu dessen Hilbersdorfer Reiseunternehmen der Bus gehört, ist guter Dinge. Der Himmel ist blau und die Sonne strahlt. "Kann doch eigentlich nicht schöner werden", sagt er und fährt los zur nächsten Station. Derweil hat Michael Ssuschke hinter ihm Platz genommen. Er selbst, so sagt er, steigt eigentlich immer erst am Freiberger Tierpark in den Bus. Nur heute mache er mal eine Ausnahme.

Noch nicht lange gibt es den Kirchenbus. Seit Oktober des vergangenen Jahres hat diese Linie ihren Betrieb aufgenommen. Die Idee dazu wurde vom Vorstand der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Jacobi-Christophorus geboren. Auslöser war die Fahrplanumstellung des Unternehmens Regiobus, die dazu führte, dass Gemeindemitglieder, die nicht über eine eigene Motorisierung verfügen, es deutlich schwerer hatten, am Sonntag um 10 Uhr in der Jakobikirche zum Gottesdienst zu erscheinen.

Doch richtet sich das Angebot nicht allein an ältere oder immobile Menschen. "Der ökologische Gedanke stand von Anfang an mit Pate", sagt Michael Ssuschke, selbst Mitglied im Kirchenvorstand und für die Organisation der Fahrten zuständig. Und so steigen an den einzelnen Stationen, die vom Stadtteil Zug über den Seilerberg, den Wasserberg und Friedeburg bis zum Donatsring führen, auch Jüngere zu. "Manchmal ganze Familien", erzählt Daniel Vogt. Dass es diesmal weniger sind, hat damit zu tun, dass die meisten Kinder schon in der Kirche sind und für die Wiederholung des Krippenspiels üben.

Das Angebot ist kostenlos. Wer möchte, kann aber in der Kirche eine Spende in eine spezielle Box legen. "Bis März sind die Fahrten schon fest gebucht", so Michael Ssuschke. Doch will man auch darüber hinaus planen. Bei der Einrichtung der Linie, die ab 12 Uhr wieder von der Jakobikirche zurückfährt, war das Unternehmen Regiobus behilflich. "Zunächst hatten wir einen kleinen Bus bestellt", sagt Ssuschke. "Doch hat uns Daniel Vogt von Anfang an einen großen zur Verfügung gestellt, und zwar zum Preis eines kleinen Busses."

Die Idee sei einfach toll, findet Daniel Vogt, der fast jeden Sonntag selbst die Linie fährt. "Und der Dank der Menschen, den wir schon beim Einsteigen bekommen, ist der schönste Lohn." Viele der Fahrgäste seien früher mit dem Pkw zur Kirche gefahren. Den ließen sie nun stehen. "Das ist klimabewusst und erspart die Parkplatzsuche", so Vogt. Manchmal befördere er deutlich über 30 Fahrgäste auf einer Tour. Ein regelmäßiger Passagier ist die 88-jährige Isa Lucas. "Für mich ist das eine große Erleichterung", sagt sie. "Ich habe Beschwerden mit Asthma, und da bin ich sehr dankbar, dass es so bequem geht." Nach und nach steigen außerdem Bekannte zu, mit denen sie gleich ins Gespräch kommt.

Es sei zwar ein zusätzliches Angebot, das die Gemeinde finanziere, doch heiße das nicht, dass der Fahrplan weniger korrekt ablaufe. "Pünktlich muss man schon an der Haltestelle stehen", so Daniel Vogt. "Denn wir müssen ja auch rechtzeitig an der Kirche sein."


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN 
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.