Muldaer Mühlenbauer gehen in die Vollen

Gottfried Schumann und seine Mitarbeiter haben derzeit alle Hände voll zu tun. Und das hat mehrere Gründe.

Mulda.

Trotz Corona: Die Auftragsbücher des Muldaer Mühlenbaubetriebes Schumann sind derzeit so voll wie seit langem nicht mehr. Das sagt Petra Schumann, die Ehefrau des Inhabers Gottfried Schumann: "Wir wissen gar nicht, wo wir anfangen sollen." Nein, mit der Pandemie habe das nichts zu tun, fügt Petra Schumann auf Anfrage hinzu. Vielmehr liege es daran, dass in diesem Jahr offenbar mehr Fördermittel für Wasserräder fließen und auch Privatleute zunehmend Interesse haben, die Wasserkraft als regenerative Energiequelle zu nutzen. Ein Beispiel: In Medingen, einem Ortsteil von Ottendorf-Okrilla bei Bautzen, bauen die Muldaer gerade ein Wasserrad für eine Wasserkraftanlage. Ein Privatmann will damit Strom erzeugen.

In Goslar wiederum soll die Welle des Wasserrades am Kanekuhler Kehrrad im Erzbergwerk Rammelsberg erneuert werden. Laut Internetseite der niedersächsischen Stadt ist das Erzbergwerk Rammelsberg als einziges Bergwerk der Welt kontinuierlich mehr als 1000 Jahre in Betrieb gewesen. Zusammen mit der mittelalterlichen Altstadt Goslars und ihrer Kaiserpfalz wurde es 1992 in die Welterbeliste der Unesco eingetragen. Der 1988 stillgelegte Rammelsberg umfasst zahlreiche Bergbaudenkmäler. Dazu gehören Abraumhalden aus dem 10. Jahrhundert und der Rathstiefste Stollen aus dem 12. Jahrhundert, der als einer der ältesten und besterhaltenen Stollen des deutschen Bergbaus gilt. Das Feuergezähe Gewölbe aus dem 13. Jahrhundert ist der älteste gemauerte Grubenraum Europas, heißt es auf der Internetseite der Stadt Goslar. Im 18./19. Jahrhundert entstand demnach der Roeder-Stollen mit zwei originalen Wasserrädern - eins davon wird von den Muldaer Mühlenprofis erneuert. "Dafür haben wir extra in Friedebach eine große Eiche fällen lassen", berichtet Gottfried Schumann. Weil er die Wasserradwellen in Zukunft selbst sägen will, kauft er zudem ein neues Sägewerk aus Schweden, das kommende Woche geliefert werden soll.

In Freiberg werkeln die Mühlenbauer im Turmhofschacht: Sie sanieren die Bremsanlagen des 1846 gebauten Wasserrades aus Lärchenholz. "Ohne Reparatur wäre ein enormer Schaden entstanden", sagte Karl Heinz Eulenberger, der Mitglied in der AG Pochwerksrad im Verein Himmelfahrt Fundgrube ist, Ende 2019. Die Reparaturkosten in Höhe von rund 12.000 Euro netto werden von der Saxonia-Stiftung vorfinanziert. Zudem hat die Stadt Freiberg laut Eulenberger für dieses Jahr eine finanzielle Unterstützung über Fördermittel in Aussicht gestellt. "Bis auf kleine Restarbeiten sind wir mit den Arbeiten fertig", so Petra Schumann.

Die nächste Baustelle liegt knapp 550 Kilometer von Mulda entfernt: Im Bergischen Museum für Bergbau, Handwerk und Gewerbe in Bergisch Gladbach werden Gottfried Schumann und sein Team ein neues Wasserrad und eine neue Hammerwelle einbauen. Im Museum wird die Geschichte des Erzbergbaus von den Römern bis zum Ende des Abbaus in den 1970er-Jahren erzählt.

Bereits abgeschlossen haben die Muldaer ihre Arbeiten an der Spreewehrmühle in Cottbus, die ebenfalls ein neues Wasserrad bekommen hat. Das gleiche gilt für die zwei Jahre dauernde Sanierung der historischen Technik in der Mühle in Chemnitz-Rottluff. Vier Walzenstühle, Mahlsteine, Transmissionen und Antriebe sowie eine Kraftfutterquetsche auf drei Etagen wurden von den Mühlenbauern gesäubert, aufgearbeitet und instand gesetzt. Dafür brachten die Spezialisten Originalteile, die teils schon vor zehn Jahren ausgebaut und eingelagert worden waren, nach Mulda, wo sie in der Werkstatt restauriert wurden. Der Auftraggeber, der Chemnitzer Förderverein Karl Schmidt-Rottluff, trug die Kosten in Höhe von insgesamt rund 110.000 Euro. Das Geld hatte der Verein über das Denkmal-Sonderprogramm des Bundes zur Verfügung gestellt bekommen. Der Expressionist Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976) war als Kind und Jugendlicher in dieser Mühle ein- und ausgegangen. Die nun wieder funktionsfähige Mühlentechnik soll dazu dienen, Besuchern das Lebensumfeld des jungen Karl Schmidt-Rottluff zu veranschaulichen. "Wir wollen das Geräusch wieder erlebbar machen", hatte Fördervereinschefin Brigitte Pfüller die Arbeiten vorab begründet. Ein Mahlbetrieb sei nicht mehr vorgesehen.

Bereits 2019 stellten die Muldaer das neue Wasserrad für die Papiermühle Zwönitz her, die 1568 erstmals urkundlich erwähnt wurde und die älteste, noch funktionstüchtige Papiermühle Deutschlands ist. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurde hier handgeschöpftes Büttenpapier aus Hadern und Lumpen hergestellt. Die Montage soll noch im Juni erfolgen. (mit ar/mib)

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