Mut zur Lücke

Hier steht, was wirklich wichtig ist. Heute: An Stellen, wo was fehlt, mangelt es in hiesigen Gefilden nicht.

Es ist nicht nur das Lebens- und Arbeitsmotto mancher Studenten, die bald zum Semesteranfang wieder nach Freiberg strömen werden, um die Cafés und die Spezialitätenrestaurants für orientalisches Fleisch am Spieß zu füllen. Mut zur Lücke kann auch manch anderer gebrauchen. Denn an Stellen, wo was fehlt, mangelt es hier nicht.

So gibt es bei Regiobus Mittelsachsen eine Finanzierungslücke. Die werde allerdings keine Lücken im Fahrplan zur Folge haben, hieß es. Wer doch manchmal vergeblich auf den Bus wartet, der kann sich ja ein Beispiel nehmen an jenen Engagierten, die sich für den Lückenschluss der Bahnstrecke zwischen Holzhau und dem tschechischen Moldava einsetzen. Da zwischen den beiden Nachbarorten kein Zug mehr fährt, laufen sie eben stattdessen einen Halbmarathon. Vielleicht auch eine Alternative für so manchen Rentner in Mittelsachsen, der mit dem Bus nicht aus seinem Dorf herauskommt: Einfach mal laufen.

Keine Lücken, sondern wahre Löcher hinterlassen derzeit die Bauarbeiter bei der Sanierung des Freiberger Rathauses. Es sind Gucklöcher. So können Bürger die Geheimsitzungen des Stadtrats wenigstens von außen verfolgen, wenn mal wieder die Öffentlichkeit ausgeschlossen ist.

Dagegen haben die Bauarbeiten am Hauptgebäude des Landratsamts noch gar nicht begonnen. Viel Zeit ist aber nicht mehr. Sonst verfällt das Fördergeld aus dem Programm "Lücken in die Zukunft". Geplant ist ein Vorgeplänkel, vornehm ausgedrückt ein Foyer, aus Glas. Dabei nimmt man sich ein Beispiel an der zeitgenössischen Hauptstadtarchitektur. Ähnlich wie in Berlin wird also schnell und streng nach Zeitplan gebaut, wobei langwierige Diskussionen vermieden werden. Das neue Foyer wird die Menschen in Scharen ins Landratsamt treiben. Nicht etwa, weil sie dort etwas zu tun hätten. Sondern, weil es so schön ist. Allerdings wird sich dann wohl kein Tourist mehr die Altstadt oder das Besucherbergwerk anschauen, oder gar einen Weihnachtsmarkt in der Region besuchen. Stattdessen werden alle nur noch zum Landratsamt pilgern. Der Tourismusverband erwägt schon, eine "Ämtertour-Card" herauszugeben. Sie soll in allen Touristeninformationen der beteiligten Städte erhältlich sein und den kostenlosen Besuch von Kfz-Zulassungsstellen, Kreisverwaltungs- Außenstellen sowie Ordnungsämtern ermöglichen.

Lücken haben also Zukunft. Das gilt auch für die Schulen. Eine Lücke klafft nicht nur zwischen der Zahl der Lehrerstellen und der Lehrer, sondern auch zwischen dem Bedarf an Präventionsprojekten zu Sucht, Gewalt usw. und dem Angebot. "Mut zur Lücke" beschränkt sich also nicht nur auf das Büffeln für die Klassenarbeit. Vielmehr lernen die Schüler die Verwaltung des Mangelns von klein auf kennen. Nicht umsonst sagt man ja: "Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir".

Lücken im Gesundheitssystem allerdings werden ja von verantwortlichen Stellen gerne bestritten. Vielleicht hätte man diese Stellen mal auf die Straße stellen sollen. Zum Beispiel am Mittwoch auf die Parkstraße in Freiberg. Dort standen die Leute vor einer Arztpraxis, im Treppenhaus und bis auf die gegenüberliegende Straßenseite. Es gab allerdings keine Bananen, wie mancher Beobachter aus der älteren Generation vermutete, sondern Termine. Dafür stehen sich die Menschen dank der nicht ganz so lückenlosen Ärzteversorgung die Beine in den Bauch. Ganz nach dem bekannten Sprichwort: "Lücken haben schwere Beine".

Fairerweise muss man aber auch gestehen, dass in der Zeitung ebenfalls manchmal Lücken zu finden sind. Weiße Stellen haben wir zwar noch nicht gedruckt (obwohl man so natürlich Druckerschwärze sparen könnte). Aber inhaltliche Kahlstellen mag es schon hin und wieder mal geben. Deshalb von "Lückenpresse" zu sprechen, wäre jedoch übertrieben.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...