Nach Bluttat im Wachkoma - "Jessica will weiterleben"

Die junge Polizistin aus Brand-Erbisdorf wird 2017 bei einem Einsatz in München durch einen Schuss lebensgefährlich verletzt. Seit wenigen Tagen ist sie zu Hause.

Brand-Erbisdorf.

Etwas fragend wirkt ihr Blick, mit dem sie die Menschen um sich herum betrachtet: Mutter, Vater und Pflegerin. Leise Musik füllt den großen, liebevoll eingerichteten Raum. Eine dunkelblaue Polizeiuniform hängt neben einem Pflegebett, in dem Jessica L. umsorgt wird - rund um die Uhr. Sie liegt im Wachkoma.

Jessica L. ist jene junge, aufgeschlossene Frau, die 2009 nach ihrem Abitur mit ehrgeizigen Plänen ins Leben hinauszieht, um Polizistin zu werden. Jene junge Frau, die ihre Eltern später bei Besuchen in Sachsen lachend in die Arme nimmt. Die davon schwärmt, wie sie als Polizistin in München arbeitet und dort ihre Zukunft aufbauen will. All diese Pläne aber macht 2017 ein Mann zunichte, der Jessica L. mit einem Schuss lebensgefährlich verletzt.

Es ist am Morgen des 13. Juni 2017 gegen 8.20 Uhr, als Notrufe in einem Münchner Polizeirevier eingehen. Fahrgäste berichten von einem pöbelnden Fahrgast und einer Schlägerei in der S-Bahn bei Unterföhring. Eine Streife mit einem Beamten und der jungen Polizeikommissarin Jessica L. rückt aus. Routine, wie es scheint. Zunächst läuft alles wie immer, der Beamte beginnt, den Vorgang aufzunehmen. Plötzlich rastet der 37-jährige Alexander B. aus. Er will den Polizisten vor die S-Bahn stoßen und schafft es, an dessen Waffe zu kommen. Jessica L. eilt ihrem Kollegen zu Hilfe. Dabei geschieht es: Der Randalierer schießt - trifft sie am Kopf. Die 26-Jährige bricht zusammen. Der Täter feuert weiter, schießt das Magazin leer. Zwei Passanten werden ebenfalls getroffen. Schwer verletzt kommt die junge Frau in ein Münchner Krankenhaus. Alexander B. wird festgenommen.

"Aus einem Routineeinsatz, den wir viele hundert Mal im Jahr durchführen, ist plötzlich ein brutales Gewaltverbrechen geworden", schildert Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä betroffen die Tat. "Obwohl wir die Gefährlichkeit unseres Berufes kennen, macht uns die sinnlose Gewalt sprachlos."

Nur Stunden später sitzen Janet und Veiko L. am Bett ihrer einzigen Tochter. "Ich hatte zwar von der Schießerei in München gehört, aber mir überhaupt keine Gedanken gemacht", sagt die Mutter. Als am Nachmittag jedoch fünf Polizisten vor der Haustür stehen, begreift die damals 48-Jährige, dass etwas Schreckliches passiert ist. Ein Polizeihubschrauber bringt die Eltern nach München. "Jessi lag auf der Intensivstation, den Kopf verbunden, von Geräten überwacht", erinnert sich die Mutter.

Jessicas Eltern richten sich in der Wohnung ihrer Tochter bei München ein. Morgens fahren sie ins Krankenhaus, abends zurück - tagsüber die gemeinsamen Stunden am Krankenbett. Abgeschirmt durch Polizei - kaum etwas über den Zustand der jungen Frau dringt an die Öffentlichkeit. Nur so viel: Mehrere Operationen übersteht die schwer verletzte Polizistin nach dem Steckschuss. Die Kugel musste entfernt werden. Ansprechbar ist sie nicht - die junge Frau liegt im künstlichen Koma. "Zwei Wochen lang haben wir gebangt - hatten kaum noch Hoffnung, dass sie überlebt", sagt die Mutter, die bei ihrer Erinnerung um Fassung ringt. Im Kopf stets die Frage: Warum? Die Ärzte beschönigen nichts. Große Anteilnahme der Polizeikollegen in ganz München begleitet die Eltern. Sie sind auf das Schlimmste gefasst.

"Eines Tages legte meine Tochter den Hebel um. Jessica will weiterleben", beschreibt Janet L. einen Besuchstag in der Münchner Klinik. Die junge Frau beginnt wieder selbst zu atmen, bewegt sich leicht. Sie stabilisiert sich, öffnet und schließt sogar ihre Augen. Nach 13 Wochen Betreuung auf der Intensivstation im Münchner Klinikum startet am 7. September 2017 ein Helikopter Richtung Sachsen. An Bord Jessica L. und ein Ärzteteam.

In der Reha-Klinik in Kreischa kümmern sich von nun an Physio- und Ergotherapeuten, Pfleger und Ärzte um die junge Frau. Tagtäglich fahren auch Familienmitglieder zu ihrer Jessica, sprechen, singen, lachen mit der jungen Frau im Wachkoma. "Wir sind täglich vier bis fünf Stunden bei ihr gewesen, haben sie gewaschen, gebettet, versorgt", erinnert sich Janet L. an die Reha. Ihr Arbeitgeber zeigt Verständnis, ebenso wie der ihres Mannes. Veiko L. arbeitet derzeit sechs Stunden täglich, seine Frau ist bis Ende 2019 unbezahlt freigestellt. Und obwohl Jessica L. in der Dresdner Uni-Klinik erneut operiert werden muss, bessert sich ihr Zustand weiter. Physio- und Ergotherapie, Muskelübungen im Liegen gehören zum Tagesablauf.

Am 11. November 2017 veranstaltet die Eishockey-Nationalmannschaft der bayerischen Polizei im Olympia-Eisstadion München ein Benefizspiel für Jessica. Gegner: der Sternstunden-Verein des Bayerischen Rundfunks mit ehemaligen Nationalspielern. Rund 4000 Euro an Spenden kommen zusammen.Am 10. April 2018 fahren Janet und Veiko L. ihre Tochter wie gewohnt auf dem Gelände der Reha-Klinik im Rollstuhl spazieren. Währenddessen beginnt am Landgericht München der Prozess gegen Alexander B. "Wir wollen den Mann nicht sehen, der unserer Tochter das angetan hat", sagt Janet L. damals. Die Münchner Anwältin Anette von Stetten vertritt Jessica. Sie ist ebenso Nebenklägerin wie ihr Kollege und ein Passant, der bei der Schießerei von einem Querschläger des Beschuldigten getroffen worden war. "Insgesamt gab es fünf Opfer", sagt von Stetten zu Prozessbeginn und fügt an, dass aufgrund von Videoaufzeichnungen am Tatnachweis keine Zweifel bestehen.

Wer aber ist Alexander B., der das Leben der Brand-Erbisdorfer Familie aus der Bahn warf? Er ist ein Deutscher, der in Starnberg geboren wurde, in den USA aufwächst und bis zuletzt dort lebt. Kurz vor der Tat reist er nach Deutschland ein. Ein psychiatrisches Gutachten ergibt, dass der Beschuldigte an einer krankhaften seelischen Störung leidet. Bis zum Prozess sitzt der Mann in einer psychiatrischen Klinik. Während der Verhandlungstage im April 2018 um die Tragödie am S-Bahnhof Unterföhring werden insgesamt 71 Zeugen gehört. Vor dem Urteil offenbaren die Plädoyers das Ausmaß des Leids für jene Menschen, die am 13. Juni 2017 zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Annette von Stetten schildert dem Gericht Details aus dem Leben von Jessica L. Dass sie bei der Polizei ihren Traumjob gefunden und Heiratspläne hatte. Dass ihre Eltern geplant hatten, die Rente in Bayern zu verbringen, sich um künftige Enkel kümmern wollten.

"Wir haben viele Zeugen und Betroffene gehört, die ihre Traumata schilderten. Die Einzige, die wir nicht hören konnten, ist meine Mandantin", sagt von Stetten der "Freien Presse" nach dem Prozess. Das Gericht schickt Alexander B. in ein psychiatrisches Krankenhaus, weil er eine Gefahr für die Allgemeinheit ist. "Ich gehe von sehr vielen Jahren aus", sagt von Stetten. So müssten vor einer möglichen Entlassung zwei externe Gutachter Zustand und Behandlungserfolg beurteilen "und dafür auch die Verantwortung übernehmen". Nach den Worten von Staatsanwalt Andreas Bayer zum Prozessende hat sich die junge Polizistin vorbildlich verhalten, als sie bei dem verhängnisvollen Einsatz ihre Waffe nicht direkt auf den Angreifer vor ihr richtete, sondern nach unten zielte. Sie habe gewusst, dass sie Unbeteiligte hätte treffen können. Sie selbst aber kann sich nicht retten."Wir sind ein bisschen anders, habe ich den Pflegern erklärt", sagt Janet L. Denn nicht erst, als ihre Tochter am 1. Juli 2018 in die Facheinrichtung für Intensivpflege nach Gombsen bei Kreischa verlegt wird, haben sie und ihr Mann ein Ziel: ihre einzige Tochter wieder nach Hause zu holen. Bis es aber so weit ist, wissen sie Jessica gut aufgehoben in den Händen der Wachkoma-Spezialisten. "Nebenbei" kümmern sich Janet und Veiko L. nun um einen behindertengerechten Anbau an ihr Haus in Brand-Erbisdorf. Unterstützt und finanziert vom Freistaat Bayern beginnt im März 2019 der Bau. Wohnraum und Pflegebad für Jessica entstehen, ebenso ein Aufenthaltsraum mit Küche für den 24-Stunden-Pflegedienst.

Kommunikationstherapeut Tobias Engel lernt Jessica in Gombsen kennen. Der 31-Jährige, der Jessica als externer Mitarbeiter behandelt, spricht von einem erstaunlichen Prozess, den die junge Frau zwischen Juli 2018 und heute absolviert hat. "Ein Wachkomapatient kann mit der Außenwelt nicht kommunizieren, er befindet sich in einem sogenannten vegetativen Zustand", erklärt Engel. Jessica L. habe zunächst ihre Augen öffnen und schließen können und bei akuten Reizen auch den Kopf bewegt. Durch die intensivierte Therapie kann sie nun beispielsweise wieder schlucken und Laute äußern. Und sie reagiert auf bestimmte Aufforderungen. "Wir können davon ausgehen, dass dies bewusst passiert. Das sind ihre größten Fortschritte", resümiert der Therapeut.

Und was nimmt Jessica L. selbst wahr? "So viel, wie sie Reize von außen verarbeiten kann", erklärt Engel. Nach seinen Worten ist ein gesundes Gehirn in der Lage, vielfältige Reize gleichzeitig zu verarbeiten. Bei einem Wachkomapatienten spielt sich das in minimalem Umfang ab. "Was Jessicas Eltern geleistet haben, ist grandios", sagt der Therapeut, auch wenn es nach seinen Worten nicht möglich ist, bei solch einer neurologischen Erkrankung eine Prognose zu stellen.

Vor wenigen Tagen ist Jessica L. zu Hause eingezogen. Vier Pflegekräfte im Schichtdienst und ihre Eltern kümmern sich um sie. Die 28-Jährige kann angeschnallt mehrere Stunden im therapeutischen Stehbrett verbringen. "Das stabilisiert den Kreislauf", erklärt ihre Mutter. Deren selbstgekochte Suppen schmecken Jessica besonders. Das und mehr gibt sie ihren Eltern durch ihre Blicke zu verstehen. Die Therapien laufen weiter und werden wie die Pflege finanziert, weil die Tat im Dienst passierte.

In Jessicas Zimmer zieht ein Spruch in großen Lettern den Blick auf sich: "Wer Dein Schweigen nicht versteht, versteht Deine Worte nicht." Die Worte geben Janet und Veiko L. täglich aufs neue Kraft: "Es ist unser Schicksal. Wir lieben unser Kind, deshalb funktionieren wir."

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